Tierpräparator: Einer der Letzten seiner Art

Von: Elisa Zander
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Franz Heikamp in seiner Werkstatt in Elsdorf-Esch: Überall in der Wohnung sind ausgestopfte Tiere zu sehen. Von der Eule bis zum Waschbär. Foto: Elisa Zander
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Maßarbeit: Bevor das echte Tierfell aufgezogen wird, wird der Kopf des Tieres sehr genau aus Polyurethan-Schaum modelliert. Foto: Elisa Zander

Bergheim. Ein Wohnhaus im beschaulichen Elsdorf-Esch bei Bergheim. In der Ferne sieht man Bagger Braunkohle fördern. Aber hier, in einer Seitenstraße in Esch, ist es ruhig, idyllisch. Auf die Idee, dass ausgerechnet an diesem Ort einer der wenigen verbliebenen Tierpräparatoren Deutschlands seine Werkstatt hat, darauf käme man wohl nicht. Doch da ist dieses Schild, weiß, mit grüner Aufschrift: Safari-Präparator.

Es ist ein Relikt früherer Zeiten. Damals, als Franz Heikamp noch höhere Ziele hatte: Auswandern nach Afrika, sich selbstständig machen in Namibia, einem Land, in dem es zu der Zeit kaum Präparatoren gab. „Heute sind da ganz viele.“ Eine Farm mit Jagdlizenz sollte es sein. Doch der Freund, mit dem er sich dieses Leben aufbauen wollte, verstarb – und mit ihm auch die Pläne, in Namibia neu anzufangen. Heikamp blieb in Esch.

Ein dunkler Flur führt an seinen Wohnräumen vorbei zur Werkstatt. Ein präparierter Fuchs steht an der Stufe, ein Pfau hängt neben einem Einbauregal. „Sie lassen sich nicht mehr verkaufen“, sagt Heikamp. Die Gesellschaft hat sich gewandelt und mit ihr auch die Nachfrage. Auf das, was vor 30 Jahren noch als schick galt, nämlich ein Tierpräparat an die Wand zu hängen, wird heute oft mit Ablehnung reagiert. Hinzu kommt, dass mittlerweile viele Tierarten unter Schutz stehen – und sie so nur mit Ausnahmegenehmigung präpariert werden dürfen, etwa zu Lehr- und Forschungszwecken. Dazu gehören auch „etwa 95 Prozent aller Kleinvögel“. Findet man ein totes Tier am Wegrand, darf dieses nicht aus der Natur entfernt werden, ansonsten macht man sich der Jagdwilderei strafbar. „Aber was soll ich dann noch präparieren?“, fragt Heikamp und lässt diese Frage in seinem Werkraum stehen.

An der Wand hängen Köpfe aus weißgelblichem, hartem Polyurethan-Schaum. Sie werden genutzt, um Schädel von Wildschweinen und Böcken nachzubilden. „Die sind schon alt“, sagt der Mann mit einem Kopfnicken in Richtung Holzwand. „Die werde ich in meinem Leben nicht mehr verarbeiten.“ Darunter eine Werkbank, mehr Ablage als Arbeitsort. Draht, Kataloge, kleine Präparate im Trocknungsprozess stehen dort. Davor eine präparierte Katze, die nach einem Vogel greift. Franz Heikamp beginnt zu erzählen. Von seinen Anfängen und der Lehre 1971, die er bei einem Präparator in Köln absolvierte. Ein Fernsehbericht hatte ihn neugierig gemacht, das Interesse an der Natur hatte er schon als Kind.

Als er sich dann vor mehr als 30 Jahren auf eigene Füße stellte, „hatte ich noch ein halbes Dutzend Kollegen im Umkreis. Ich will nicht sagen, dass meine Tage gezählt sind, aber lange wird es nicht mehr dauern.“ Er sei heute der einzige Präparator im Umkreis von 50 Kilometern, sagt Heikamp. „1987 hat das angefangen, das Präparatoren-Sterben. Damals habe ich noch überlegt, meinen Beruf zu wechseln. Und jetzt bin ich nicht mehr der Jüngste.“ Von Kunden aus der gesamten Region und auch aus angrenzenden Bundesländern gibt es Anfragen. Dennoch: Der 58-Jährige muss kämpfen. Sein Beruf ist hierzulande vom Aussterben bedroht. Er ist einer von etwa noch 300 deutschlandweit.

Viele Präparate könne er gerade nicht zeigen, entschuldigt sich Heikamp. Die Jagdsaison sei im Winter – und damit verbunden auch die Hochzeit seines Schaffens. Ein Biber ist nahezu fertig, ebenso ein Waschbär – Exponate für das Natur-Museum in Monschau. An den Ohren ist mit Stecknadeln ein kleines Stück Pappe befestigt – zur Stabilisierung des Tons. Während der tagelangen Trocknungsphase werden Gesichtszüge laufend kon-trolliert, wenn nötig neu modelliert.

Der Wellensittich, den zwei junge Damen kürzlich brachten, ist bereits abgeholt. 25 Euro kostet Heikamps Arbeit für so ein Tier, zwischen eineinhalb und zwei Arbeitsstunden stecken darin. Auch wenn im Umkreis keine Kollegen mehr arbeiten, muss er konkurrenzfähig bleiben – das Internet schläft nicht. Aus Nachlässen werde viel verkauft, oft weit unter dem Kaufpreis. Ob es öfter vorkomme, dass Privatleute ihr Haustier verewigen lassen? „Schon mal“, sagt Heikamp. Jedenfalls öfter als noch vor einigen Jahren. „Das hat schon zugenommen.“ Teilweise in tiefer Trauer brächten Besitzer Meerschweinchen, Kaninchen, Katzen, manchmal in Kartons, verziert mit Blumen. „Die Leute haben heute ein anderes Verhältnis zu ihren Haustieren, da muss ich aufpassen. Wenn ich das Tier zu hart anfasse, um es zu untersuchen, drücke ich auf die Tränendrüse.“ Hunde lehnt er aber meist ab. „Sie haben im Unterschied zu anderen Tieren eine eigene Mimik und die kann ich nur schwer nacharbeiten.“ Gute Porträtaufnahmen brauche er dafür, denn vor allem das Gesicht müsse stimmen, doch solche Fotos „haben die Meisten nicht“.

Schon als Kind begeisterte sich Franz Heikamp für Natur und Tiere, beobachtete Laufstile, Kopfhaltung, Pfotenstellung. Erkenntnisse, die ihm heute in seinem Beruf zugute kommen. Hinzu komme ein „anständiger Respekt vor den Tieren. Es ist kein rein handwerklicher Beruf.“ Einer, den er liebt. Wegen der künstlerischen Tätigkeit und der Freiheit, so sagt er. Umso mehr ärgern ihn die Einschränkungen, die er durch Gesetze und auch Naturschützer erfahre. Immer wieder spricht der Präparator dieses Thema an. Die Gesellschaft habe sich einen Buh-Mann gesucht – und ihn einerseits im Jäger und andererseits im Präparator gefunden. „Dabei ist die Jagd ein Bestandteil des Naturschutzes.“ Und nicht nur in Deutschland, sondern beispielsweise auch in Afrika.

Afrika – allein der Klang des Wortes lässt Heikamps Augen leuchten. Etwa 20 Mal ist er dort gewesen, mal allein, mal mit seinem Sohn. Auch Jagdsafaris hat er dort begleitet und anschließend Tiere präpariert. Meistens waren es Antilopen in diversen Größen. „Für den Jäger ist das wie die Medaille für den Sportler: eine Erinnerung. Und eine Trophäe.“ Früher legte er selbst das Gewehr an, in Deutschland zuletzt 1987. Und heute? „Die Jagd reizt mich nicht mehr. Jetzt mache ich lieber Fotos von Tieren.“ Aber einige dieser Andenken hat er noch. Im Trophäenzimmer, wie er es nennt. Es ist der hinterste Raum im Erdgeschoss. Heikamp öffnet die Tür und der Besucher erblickt Rehe, Hirsche, Antilopen. Meist Köpfe, sogar der eines Affen. Zebra und Stachelschein sind gänzlich erhalten. Vor dem Zweisitzer, auf dem ein Fell liegt, sind auf einem Couchtisch Zeitschriften aus den USA drapiert. Dort habe die Tierpräparation einen sehr viel höheren Stellenwert, erzählt er. In Magazinen bekäme man Tipps, die nutze er auch manchmal. Der bislang gesprächige Franz Heikamp wird ruhig. Sein Blick schweift umher, der Mann scheint abzudriften in die Zeit, die er in Namibia verbracht hat. Oft halte er sich nicht in diesem Zimmer auf, sagt er schließlich. Die Erinnerungen seien zu stark.

Zwischen den präparierten Tierköpfen hängt gerahmt eine verblichene Fotografie. Der junge Heikamp in der Steppe Afrikas, kniend, in der rechten Hand ein Gewehr, daneben ein erlegtes Tier. Darüber reden möchte er nicht so recht. Der verstorbene Freund, mit dem er sich dort einst ein neues Leben aufbauen wollte, hat das Bild gemacht. Ja, seinen Job macht er wirklich gerne, aber dass dieser „noch mal eine Renaissance erlebt, das glaube ich nicht“. Sagt er und verlässt den Raum. Scheinbar gedankenverloren öffnet er die Haustür und blickt er noch einmal auf das Schild. Safari-Präparator. 58 Jahre ist er jetzt. Vielleicht macht er es ja doch noch. Auswandern – von Esch nach Afrika.

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