Theologe Ulrich Lüke: „Dem Papst ist vieles nicht mehr fromm genug”

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Ulrich Lüke
Ulrich Lüke, Aachener Theologe, Philosoph und Biologe. Foto: Marlon Gego

Aachen. Papst Benedikt kann unmöglich geahnt haben, welche Reaktion die Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen haben würde, auch wenn es sich um Bischöfe der erzkonservativen Priesterbruderschaft Pius X. gehandelt hat. Dass mit Bischof Richard Williamson ein Holocaust-Leugner in den Schoß der Kirche zurückgeholt wurde, ist vielen unerträglich und Gegenstand anhaltender Diskussionen.

Ulrich Lüke, Jahrgang 1951, ist Philosoph, Biologe und Professor für Systematische Theologie an der RWTH Aachen. Im Gespräch mit Marlon Gego hat er versucht, die bekannten Fakten zu sortieren und einzuordnen. Wenige Menschen können das besser als Lüke - er hat in den 70ern zwei Jahre lang bei einem gewissen Professor Ratzinger in Regensburg studiert, der heute Benedikt XVI. heißt.

Herr Lüke, der Papst ein Antisemit. Eine nachvollziehbare These?

Lüke: Ganz und gar nicht, im Gegenteil. Benedikt ist kein Mensch, der auch nur im hintersten Winkel seines Herzens eine Spur von Antisemitismus in sich trägt, ganz sicher nicht.

Hätte der Papst um Bischof Williamsons Überzeugungen gewusst, hätte er anders entschieden?

Lüke: Ich vermute schon. Benedikt ist ja eigentlich ein sehr vorsichtiger, eher ängstlicher Mann, der nicht aus Kalkül provoziert.

Wäre es kirchenrechtlich möglich gewesen zu entscheiden, dass die Exkommunikation von drei Pius-Bischöfen aufgehoben wird, Williamsons aber nicht?

Lüke: Natürlich. Man kann ja nicht davon ausgehen, dass alle vier en bloc sich reuig zeigen und von ihren früheren Positionen abrücken.

Und warum wird die Rekonziliation Williamsons dann nicht einfach wieder aufgehoben?

Lüke: Man kann nicht einen Gnadenakt, um den es sich ja handelt, heute tätigen und morgen der öffentlichen Meinung wegen wieder zurücknehmen. Die neueste Verlautbarung des Vatikans enthält drei zentrale Punkte: Erstens ist die Exkommunikation um der Einheit Willen aufgehoben worden. Die Aufhebung der Exkommunikation hat aber nicht die juridische Lage der Priesterbruderschaft geändert, die nach wie vor keine Anerkennung in der katholischen Kirche besitzt.

Und die Bischöfe haben keinesfalls ihren alten Rechtsstatus zurück.

Lüke: Richtig, das ist der zweite Punkt, sie bleiben suspendiert. Wir müssen die Ebenen Glauben und Amt also auseinanderhalten. Für eine künftige Anerkennung der Priesterbruderschaft ist die volle Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils ebenso erforderlich wie die Anerkennung des Lehramts der Päpste Johannes XXIII., Johannes Paul I., Johannes-Paul II. und Benedikt XVI., mit denen die Bruderschaft ja eigentlich nichts anfangen kann.

Der Generalobere der Bruderschaft in Deutschland, Pater Schmidberger, hat in einem mittlerweile von der Homepage gelöschten Manifest von dem aller Theokratie abschwörenden Zweiten Vatikanischen Konzil als dem „größte(n) Unglück des vergangenen Jahrhunderts” geschrieben. Wie mag eine solche Aussage zur erwarteten Anerkennung des Konzils passen?

Lüke: Gar nicht. Sie können davon ausgehen, dass diese vier Bischöfe und auch Pater Schmidberger keinen Identitätswechsel vollziehen. Die Bruderschaft wird auch aus diesem Grund keinen Dienst in der Kirche übernehmen werden. Der dritte Punkt...

...bezieht sich nur auf Williamson. Er soll seine Aussagen über die Shoa zurückziehen, was er nicht getan, sondern sich allein für den medialen Wirbel entschuldigt hat.

Lüke: Genau. Aus der unglückseligen Aufhebung der Exkommunikation von Williamson aber einen Antijudaismus des Papstes konstruieren zu wollen, wie das viele getan haben, halte ich für üble Nachrede.

Sie lehnen auch den diesbezüglichen Einwurf der Kanzlerin ab?

Lüke: Soll ich Ihnen mal sagen, was ich gedacht habe, als ich von den Äußerungen der Bundeskanzlerin gehört habe?

Bitte.

Lüke: Verdammt noch mal, diese Gouvernante! Warum muss sich der Papst für den ihm zu Unrecht unterstellten Antijudaismus entschuldigen? Bitte, ich halte die Entscheidung des Papstes für falsch, die Exkommunikation der vier Bischöfe aufzuheben, aber an seiner generellen Haltung kann es keinen Zweifel geben.

Wenn nicht der Papst über Williamson im Bild war, hätten es seine Mitarbeiter sein müssen?

Lüke: Seine Mitarbeiter haben ihn grottenschlecht vorbereitet. Ich habe keinen Anhaltspunkt, den schwerwiegenden Verdacht zu hegen, Benedikt könnte über die wahren Absichten der Pius-Bruderschaft im Bilde gewesen sein. Wissen Sie, der Papst ist eine Art Stubengelehrter, nicht solch ein Volkstribun wie sein Vorgänger.

Stubengelehrter bedeutet: ein bisschen weltentrückt.

Lüke: Also ja, das denke ich, so habe ich ihn auch als Professor wahrgenommen. Er ist sehr klug, literarisch hochgebildet, aber er ist nicht unbedingt der Typ, der die Schlagzeilen liest und dann Strategien entwirft, wie er sich am besten auf die publizistische Großwetterlage einstellen kann.

Wiewohl könnte man erwarten, dass seine Mitarbeiter sich um diese Dinge kümmern.

Lüke: Wenn es sich tatsächlich um einen Fehler im System handelt, wirft dieser ganze Vorgang ein schlechtes Licht auf die Administration im Vatikan.

Ist die entscheidende Frage nicht, in Analogie zu Goethe: „Benedikt, wie hältst Du selbst es mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil?”

Lüke: Es gibt sicher einige Entwicklungen nach dem Konzil, die dem Papst nicht gefallen.

Welche?


Lüke: Er ist ein konservativer Mensch mit eigenen ästhetischen Idealvorstellungen. Er hat gelegentlich gesagt, dass ihm das mystische Element im Gottesdienst fehlt, dass sich viele Priester nicht an die Rubriken halten etc. Ich glaube, die Entwicklung der nachkonziliaren Liturgie hat ihn im Laufe der Zeit enttäuscht.

Mit anderen Worten?

Lüke: Ihm ist vielleicht vieles nicht mehr fromm genug, dem will er entgegensteuern.

Teilen Sie den Eindruck?

Lüke: Ich habe als Messdiener die vorkonziliare Liturgie gut mitbekommen und kann mit großer Sicherheit sagen, dass es früher nicht frommer zuging als heute. Auch die vorkonziliare Liturgie hat keine eingebaute Frömmigkeitsgarantie.

Was wird aus der aktuellen Debatte folgen?

Lüke: Daniel Deckers von der FAZ glaubt, der Papst wollte zu dieser Bruderschaft eine Brücke der Einheit bauen. Der Fehler war, dass benedikt die Brücke selbst beschritten hat und zwar in die falsche Richtung. Das trifft es wohl. Sein großes Anliegen ist, die Einheit der Kirche wiederherzustellen.

Auf seine eigene Weise.

Lüke: Ich habe mal einen Mitarbeiter der vatikanischen Sternwarte in Castel Gandolfo gefragt, da er ja einen schönen Blick in den Garten des Papstes hat, worin eigentlich der Unterschied zwischen Benedikt und Johannes Paul II. besteht. Wissen Sie, was er sagte?

Sagen Sie es mir.

Lüke: Er sagte, Johannes Paul II. sei ein Rockstar und ein Entertainer gewesen, der auf Menschen zugehen und Menschen mitreißen konnte...

... und Benedikt ...

Lüke: ... sei ein Dozent. Benedikt ist als Papst doch Professor Ratzinger geblieben, der lieber in der Bibliothek sitzt und liest und sich über theologische Sachverhalte orientiert, als draußen in der Welt Kirchenpolitik zu betreiben.

Das wäre ein schönes Schlusswort, wenn wir nicht noch auf die Bruderschaft zurückkommen müssten.

Lüke: Bitte.

Kardinal Lehmann hat kürzlich gesagt, der Bruderschaft gehe es nicht in erster Linie um Liturgie.

Lüke: In vielen Äußerungen Bruderschaft der Bruderschaft zeigt sich ein grundsätzliches ein Misstrauen gegen neuzeitliches Denken. Ganz ähnlich dem „Syllabus errorum”, in dem Pius IX. angenommene Zeitirrtümer zusammengefasst hat.

Die Bruderschaft hat in Monschau und Kerkrade Immobilien gekauft, in denen sie feste Niederlassungen einrichten will. Wird das einen Einfluss auf die Region haben, politisch, theologisch?

Lüke: Also ich persönlich glaube das nicht. Man täte ihnen zu große Ehre an, wenn man sie für derart einflussreich hielte, dass sie Kirche und Gesellschaft umstrukturieren könnten, und sei es nur im Mikrokosmos Aachen. Ich glaube das nicht.
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