Aachen - Thema Gesamtschule: Elternwille prallt auf politischen Standpunkt

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Thema Gesamtschule: Elternwille prallt auf politischen Standpunkt

Von: Marlon Gego und Thorsten Karbach
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Aachen. Axel Wirtz fällt es gar nicht so leicht, seinen Standpunkt zu begründen, am Ende sagt er: „Sie müssen einfach akzeptieren, dass die CDU diesen Standpunkt vertritt.”

Axel Wirtz ist Landtagsabgeordneter der CDU, Vorsitzender des Schulausschusses der Stadt Stolberg, aber zu begründen, warum er für das dreigliedrige Schulsystem und gegen die Gesamtschulen ist, das fällt ihm gar nicht so leicht.

Obwohl viele Wähler im Land gerade eine ganz andere Auffassung vertreten als er selbst.

Regierungspräsident Hans Peter Lindlar hat dem Rat der Stadt Aachen vergangene Woche in ungewöhnlich deutlichen Worten klargemacht, dass aus der von SPD, Grünen und eben auch CDU gemeinsam gewünschten Einrichtung einer vierten Gesamtschule in Aachen nichts wird.

Auch deswegen stellt sich die Frage, was genau es ist, das die CDU auf einer Politik beharren lässt, die einem sich immer deutlicher werdenden Willen der Eltern im Land verschließt.

Eine von der Stadt St. Augustin in Auftrag gegebene Umfrage, derzufolge 64 Prozent aller Eltern in St. Augustin ihre Kinder nach der Grundschule an einer Gesamtschule anmelden möchten, lasse vermuten, glauben Experten, dass die Schullandschaft durch gesellschaftliche und schulische Veränderungen wie die kürzere Zeit bis zum Abitur auf dem Gymnasium in Bewegung geraten sei.

Eine Folge: Die Gesamtschule wird für Eltern attraktiver, als sie bislang war.

Hans Schneider überraschen diese Zahlen nicht. Schneider ist Leiter der Aachener Maria-Montessori-Gesamtschule und musste im letzten Anmeldeverfahren wieder vielen Eltern Ablehnungen schreiben - zu vielen, wie er sagt.

Rund 250 Kinder haben in Aachen nun schon im zweiten Jahr in Folge keinen Gesamtschulplatz gefunden. „Wenn ich gefragt würde, würde ich dafür plädieren, nur noch Gesamtschulen anzubieten”, sagt er und berichtet von der gezielteren Förderung, der späteren Selektion, der besseren Integration.

Also, Herr Schneider, ist die Gesamtschule die bessere Schule? „Sie ist die bessere Alternative”, antwortet er. „Weil wir die Schüler beobachten und gezielt an Stärken und Schwächen arbeiten.” Und überhaupt sei die Gesamtschule die logische Fortführung der Grundschule. „Grundschulen sind doch auch Gesamtschulen”, sagt Schneider.

Nein, sagt da Wolfgang Königs. Der Aachener Ratsherr macht keinen Hehl daraus, dass er Verfechter des dreigliedrigen Schulsystems ist.

Tage nachdem die Aachener CDU entgegen der Landeslinie den Antrag auf eine vierte Gesamtschule unterschrieben hatte, hing im Schaukasten seines Wahlbezirks noch ein Artikel, in dem sich die Partei „gegen die Zerschlagung des dreigliedrigen Schulsystems” stellt.

„Mit uns nicht”, ist der Artikel überschrieben. „Das dreigliedrige System hat einen Vorsprung gegenüber den Gesamtschulen”, sagt Königs. Für ihn ist die vierte Aachener Gesamtschule kein Sinneswandel, sondern eine pragmatische Lösung im Zeichen des Elternwillens.

Herbert Reul war früher selbst Lehrer und bis 2003 Generalsekretär der CDU in NRW. Jetzt ist er Mitglied des Europäischen Parlaments, er kann in wenigen Worten formulieren, was vielen Parteifreunden so schwerfällt.

Dem Festhalten am dreigliedrigen Schulsystem liege zugrunde, dass Menschen unterschiedliche Begabungen und Interessen haben. „Deswegen”, sagt Reul, „muss man unterschiedliche Angebote machen.”

Die politischen Gegner würden dies „als Selektion bezeichnen” - was auch stimme, aber eben nicht in einem negativen Kontext: „Die Unterschiedlichkeit der Menschen muss man doch nutzen, die ist ja kein Fehler”, sagt Reul.

Die frühere Schulministerin Ute Schäfer (SPD) hält dem entgegen, dass diese Auffassung „aus dem vorvorletzten Jahrhundert” stamme. Die globalisierte Arbeitswelt verlange aber längst nach anderen Anforderungen: „Die Welt und der Mensch, der sich darin bewegt, sind komplexer geworden.”

Dieser Komplexität trage ein integratives Schulsystem besser Rechnung als ein mehrgliedriges.

„Es ist doch so”, sagt Axel Wirtz, „viele Eltern schicken ihre Kinder auf eine Gesamtschule, weil sie sie nicht auf eine Hauptschule schicken wollen”, und wahrscheinlich hat er damit recht. Die Frage ist nur, was daraus folgt.

Wirtz lobt die Situation zu Hause in Stolberg, wo ab Sommer beide Gymnasien und eine Realschule ganztägig arbeiten. Dass ab August fast 700 Kinder aus Stolberg Gesamtschulen in Aachen, Eschweiler und Langerwehe besuchen, weil es in Stolberg keine Gesamtschule gibt, sagt er nicht.
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