Aachen - Temporeiche Gedankenspiele in heiliger Stätte

Weltmeisterschaft Weltmeister WM Pokal Russland Fifa DFB Nationalmannschaft

Temporeiche Gedankenspiele in heiliger Stätte

Von: Robert Baumann
Letzte Aktualisierung:
60 Züge pro Minute sind bei d
60 Züge pro Minute sind bei diesem Spiel keine Foto: beim Training des Schachclubs Aufwärt Aachen im Josefshaus.

Aachen. Der Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein hat ein mal gesagt: „Schach ist das schnellste Spiel der Welt, weil man in jeder Sekunde Tausende von Gedanken ordnen muss.” Ganz unrecht hat er mit dieser Behauptung nicht.

Aber es geht noch viel schneller - beim Blitzschach. Hochkonzentriert sitzen sich Heinrich Kerres und Peter Jansen an einem Tisch auf einer Gartenterrasse gegenüber. Auf dem Tisch steht eine Uhr mit zwei Zeitanzeigen und ein Schachbrett. Ein kurzer Handschlag zur Begrüßung, dann geht es los. Kerres startet die Uhr und spielt blitzschnell den ersten Zug. Dann stoppt er seine Uhr per Knopfdruck, was gleichzeitig die Uhr von Jansen ans Laufen bringt. Jansen macht seinen ersten Zug und drückt auf die Uhr. Und so geht es gedankenschnell hin und her, Zug um Zug. 60 Züge pro Minute sind da keine Seltenheit.

Heiße Duelle auf 64 Feldern

Die beiden Schachspieler gehören zum Schachclub DJK Aufwärts Aachen 1920. Am Samstag, 23. Juni, richtet der Verein ein ganz besonderes Turnier in einer ungewöhnlichen Umgebung aus. In der Aachener Citykirche St. Nikolaus in der Großkölnstraße werden ab 11.30 Uhr 26 Viererteams den kommenden Deutschen Mannschaftsmeister im Blitzschach unter sich aus machen. An 13 Tischen werden sich die Spieler heiße Duelle auf den 64 Feldern des königlichen Spiels liefern. Pro Tisch werden vier Partien gespielt. Jeder Spieler hat ein festgelegtes Zeitfenster von nur fünf Minuten, in der er seine Züge machen muss - eine Partie endet also nach gut zehn Minuten.

„Wenn man das normale Schachspiel, das um die sechs Stunden dauert, mit einem Marathonlauf vergleicht, dann ist Blitzschach der 100-Meter-Sprint”, sagt Jansen, Vorstandsmitglied der DJK Aufwärts Aachen 1920 und Cheforganisator des Turniers. Rund 1300 Blitzschach-Partien werden am Samstag in der Citykirche gespielt werden, bis die beste Mannschaft Deutschlands feststeht. Über den Austragungsort der ersten Deutschen Mannschaftsmeisterschaft im Blitzschach in Aachen überhaupt, freut sich Jansen ganz besonders. „Ich bin an der Kirche vorbei gekommen, rein gegangen, und habe gedacht, das ist es. Unser Verein ist aus einer Messdiener-Gruppe entstanden und gehört zur Deutschen Jugendkraft. Daher haben wir einen konkreten Bezug zur Kirche. Und im Gegensatz zu einer Turnhalle ist die Kirche wie ein Fünf-Sterne-Hotel, ich rechne über den Tag verteilt mit 500 Zuschauern”, sagt er.

Die Idee von Peter Jansen, die Meisterschaft in einer Kirche auszutragen, stieß beim Pastoralreferent der Nikolauskirche, Dieter Spoo, sofort auf offene Ohren. „Das ist ein spannendes Konzept, an dem wir gerne mitwirken. Die Sportart Schach hat etwas Meditatives, und das passt gut zu einer Kirche. Durch so eine bunte Veranstaltung sprechen wir Menschen an, die sonst nicht so viel mit Kirche zu tun haben, aber vielleicht nach dem Turnier gerne wiederkommen”, freut sich Spoo auf das sportliche Ereignis. „Die Citykirche ist ein Ort, der sich zur Stadt hin öffnet und durch seine Zusammenarbeit mit vielen anderen Gruppen Netzwerke schafft. Solche besonderen Aktionen werfen ein gutes Licht auf unsere Kirche.”

Kerres und Jansen werden selbst nicht bei dem Blitzschach-Turnier an den Start gehen, zu sehr sind sie mit der Organisation und dem reibungslosen Ablauf der Veranstaltung beschäftigt. Für das vierköpfige Team der DJK Aufwärts Aachen, das bei den letzten Deutschen Meisterschaften den vierten Platz belegte und zwei Juniorenweltmeister stellt, rechnen sich die beiden aber gute Chancen aus. „Es sind fünf favorisierte Teams, die um den Titel spielen werden. Wir gehören ganz klar zu den Top-Favoriten”, sagt Jansen. Mannschaften aus ganz Deutschland werden teilnehmen, darunter Spitzenteams wie der Schach-Rekordmeister Bayern München, SG Porz oder SV Mülheim-Nord. Namhafte Spieler wie Robert Hübner und die Deutschen Nationalspieler Igor Khenkin und Daniel Fridmann haben zugesagt. Finanziell unterstützt wird das Sportereignis in der Citykirche von der Stadt Aachen und Schirmherr Oberbürgermeister Marcel Philipp. Dem Gewinnerteam winkt ein Preisgeld von 600 Euro.

Weg vom verstaubten Image

Während in der Kirche die Profis ihre Meistermannschaft suchen, können Interessierte unter freiem Himmel rund um das Gotteshaus Schach spielen. Dafür stehen Tische und Schachbretter bereit. „Wir wollen Schach interessanter machen, und das Spiel von seinem verstaubten und schlechten Image befreien. Viele Leute denken, dass Schach nur von Hochintelligenten gespielt wird, aber das ist nicht so”, sagt Jansen. So gebe es unter den gut 100 Mitgliedern zwischen fünf und 88 Jahren bei der DJK zwar auch einen 13-Jährigen, der die elfte Klasse am Gymnasium besucht oder einen 21-Jährigen, der seinen Master in Physik macht. Genauso gehörten aber auch geistig Behinderte zum Schachclub und haben Freude an dem Spiel.

Jeden Freitag treffen sich die Mitglieder im Josefshaus und spielen, spielen, spielen. Und das sehr erfolgreich. Die erste Mannschaft belegte in der Zweiten Bundesliga in dieser Saison Platz Drei. „Es ist ein sehr kreatives Spiel, bei dem man sich immer tiefer in seine Gedankengänge verstrickt und irgendwann eine Entscheidung treffen muss. Und es ist körperlich richtig anstrengend”, sagt der 62-jährige Kerres, und untermauert seine Behauptung prompt mit einem Beispiel: „Es ist nachgewiesen, dass Boris Spasski bei der Schachweltmeisterschaft 1972 in der Partie gegen Bobby Fischer genau so viele Kalorien verbraucht hat, wie Franz Beckenbauer in einem WM-Spiel.”

Auf der Gartenterrasse von Heinrich Kerres ticken die Uhren weiter runter. „Ich bin ein Taktiker und aggressiver Spieler”, beschreibt Kerres sich selbst, während Jansen seine Spielweise mit Fachbegriffen wie „Stratege mit stillen Zügen” bezeichnet. Ein bisschen wirken die beiden Schachspieler wie Roboter, die ausdruckslos und Automatismen folgend ihre Figuren in rasender Geschwindigkeit über die Felder schieben. Jansen bewegt die nächste Spielfigur über die schwarz-weißen Quadrate des Holzbretts und erkennt die aussichtslose Lage. Im nächsten Zug könnte Kerres den gegnerischen König Mattsetzen. Bevor es dazu kommt, gibt Jansen auf und beendet die Partie mit einem Handschlag. „Die Blöße will man sich als Spieler einfach nicht geben”, sagt er mit einem Lächeln. Zum Glück ging es um nichts, nur ein kurzes Spiel zum Spaß am Nachmittag im Freien. Das wird sich am Samstag für die über 100 Blitzschach-Spieler ändern, wenn es in der Citykirche um die Deutsche Meisterschaft geht. Dann heißt es volle Konzentration und blitzschnell die Gedanken ordnen in der heiligen Spielstätte - Zug für Zug.

Beim Klenkes-Cup mit den Profis messen

Vereinsspieler und Schachinteressierte können sich am Sonntag, 24. Juni, mit zahlreichen Profispielern messen. Beim Klenkes-Cup, der ebenfalls in der Citykirche, An der Nikolauskirche 3, stattfindet, werden dann rund 100 Schachspieler über den Brettern grübeln. Beginn ist um 10 Uhr. Der Eintritt zu diesem Schnellschachturnier (15 Minuten pro Partie und pro Spieler) und zum Blitzschachturnier am Samstag ist für Besucher frei. Weitere Informationen gibt es beim Ausrichter im Internet unter http://www.djk-aufwaerts-aachen.de

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert