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Taub und politisch aktiv? Für Patrick Hennings kein Widerspruch

Von: Johannes Mohren
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Ein gelungenes Beispiel für Inklusion: Patrick Hennings im Schulausschuss in Stolberg. Läuft der Ausschuss, sitzt neben Hennings ein Gebärdendolmetscher, der Wortbeiträge übersetzt. Foto: Johannes Mohren

Stolberg. „Ich fühle mich willkommen und akzeptiert: als Tauber und als Fischkopp“, sagt Patrick Hennings und ein Schmunzeln umspielt seine Lippen. Es ist diese selbstironische Art, die Berührungsängste gar nicht erst aufkommen lässt.

Hennings, 51, gebürtiger Hamburger, ist für die Grünen als sachkundiger Bürger aktiv und Mitglied im Ausschuss für Schule, Kultur, Sport und Tourismus. Eine absolute Seltenheit: In Berlin-Mitte, sagt Hennings, säße ein Gehörloser in der Bezirksverordnetenversammlung – aus NRW ist ihm solch ein Fall nicht bekannt.

Ob er damit ein Vorbild für die gehörlosen Menschen sei? Er hoffe es, sonst könne er sich ja auch zur Ruhe setzen. Seine Vision ist, dass alle Menschen zusammen lernen können. Langfristig zumindest. Dafür setzt er sich schon seit Jahrzehnten ein. Immer mit dem Fokus auf die Sache, bemüht, seine Erfahrungen einzubringen – und „so sozial wie möglich.“

Der Mann, der als einjähriger Junge nach einer Pockenschutzimpfung „an die Taubheit grenzend schwerhörig“ wurde und mit Mitte 30 sein komplettes Gehör verlor, steht mitten in der Gesellschaft. Seit 1993 hat er das Parteibuch der Grünen – „weil die aufgeschlossen waren und den Mut hatten, Vertrauen in einen tauben Mann zu setzen.“ In Hamburg-Mitte wurde er damals sogar in den Parteivorstand gewählt. In unruhigen Zeiten in der Hansestadt, erinnert er sich: „Da war man großen Konflikten ausgesetzt und musste Perspektiven neu denken.“

Um Perspektiven geht es ihm auch heute. Darum, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. „Förderschulen sind auf Dauer schädlich, sie sind nur eine Lösung für Einzelfälle“, sagt Hennings. Ein Fazit aus seiner eigenen Erfahrung. Als Kind in Hamburg besuchte Hennings selbst zunächst eine Förderschule, dann gelang ihm aber als einem der wenigen der Sprung auf ein Gymnasium.

Für Hennings ein ganz entscheidender Punkt in seinem Leben – ein entscheidender Schritt zu dem, was er heute ist: „Soweit ich weiß, hat keiner aus meinem Jahrgang, der nur auf der Förderschule war, den sozialen Anschluss geschafft. Bei denen, die mit mir aufs Gymnasium gewechselt sind, sieht das mit einer Ausnahme anders aus: Sie haben Familie, einen Studienabschluss sind in der Arbeitswelt angekommen.“

Es ist eine subjektive Erfahrung – mehr Wahrnehmung denn Statistik. Und Hennings will auch nicht die Arbeit der Förderschulen bemängeln. Aber die Zukunft seien sie dennoch nicht – schlecht für Behinderte und Regelschüler. Weil sie für eine Trennung sorgen würden, die weit über die Schulzeit hinausginge. „Wenn jemand nie mit Behinderten gelernt und gearbeitet hat, wie soll er deren Leistung denn dann später als Personalchef bewerten?“ Für Hennings ist diese Frage rein rhetorischer Natur. Nur der Umgang miteinander könne Hemmschwellen abbauen – und der müsse auch beim gemeinsamen Lernen stattfinden.

Ruhe fordere jedoch der Weg dorthin – und viel Gefühl. „Wir dürfen nichts übers Knie brechen“, sagt Hennings. In den letzten Jahren seien beim Thema Inklusion viele Fehler gemacht worden, Projekte seien falsch aufgelegt gewesen. Das Hauptproblem sei jedoch ein ganz generelleres – und ein hinlänglich bekanntes: „Es wird zu wenig Geld in Bildung investiert, da hängen uns andere Länder längst ab.“ Darunter würden alle leiden, Förder- wie Regelschulen.

Seine Mängelliste: deutlich zu große Klassen, entscheidend zu wenig Personal. Rahmenbedingungen, bei denen die Inklusion nur schwerlich Erfolge verbuchen kann. „Jedes Kind, ob behindert oder nicht, hat einen Förderbedarf und -anspruch. Und wenn bei einer Klassengröße von 30 Leuten und mehr schon die normalen Kinder überfordert sind, dann wird es natürlich schwer, wenn auch noch behinderte hinzukommen.“

Die Folgen sind derzeit zu beobachten: Das Thema Inklusion ist zur öffentlichen Streitfrage geworden. Zum Inhalt medialer Debatten zur besten Sendezeit. Politisch ist die Inklusion auf den Weg gebracht, „mit gutem Willen und breitem Konsens“, sagt Hennings.

Gesetzlich ist im neunten Schulrechtsänderungsgesetz verankert, das für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf schrittweise einen Rechtsanspruch auf Beschulung an einer Regelschule festschreibt. „Trotzdem prallen viele dieser positiven Entwicklungen gerade am Elternwillen ab. Da wünsche ich mir mehr Offenheit“, sagt Hennings. Und dafür wird er sich weiter einsetzen – egal wo.

Langfristig wird das wohl doch wieder der Norden Deutschlands sein. Denn wegen einer privaten Beziehung zieht es Hennings nach Bremen. Vielleicht wird er dann dort der erste Gehörlose in einer Bezirksverordnetenversammlung. Aber die Städteregion Aachen liegt ihm am Herzen. Es sei wichtig, „die jetzt gut laufenden Projekte“ zur Integration weiter zu unterstützten.

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