Sven Meyer: „Alle meine Schutzengel sind aufgebraucht”

Von: Christoph Pauli
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Blankes Entsetzen: Ordner schirmen Sven Meyer am Unfallort ab. Foto: Roeger

Hamburg. In der Hamburger Schön-Klinik ist der Patient bekannt. Sven Meyer? „Ist das der Fan des FC St. Pauli, der so viel Glück gehabt hat?”, fragt der Pfleger. Sven Meyer ist ein bisschen berühmt in Hamburg, vor vielen Jahren gründete er einen Fanklub.

Seit dem 17. August ist der 39-Jährige mindestens deutschlandweit bekannt. Ganz sicher hätte Meyer auf diese Popularität verzichten können. Er ist abgestürzt, sieben Meter tief. Es war das Ende eines fröhlichen Fußballspiels für St.-Pauli-Fans in Aachen. 5:0 hatte der Gast bei der Tivoli-Premiere gewonnen, die Mannschaft kam fröhlich in die Fankurve.

Meyer hat keine Erinnerung an den Unfall, er kennt Berichte, Bilder, Erzählungen, das Polizeivideo. Aber seine Erinnerung ist nicht zurückgekommen. „Ich weiß nicht, warum ich das Gleichgewicht verloren habe.”

Der Ablauf lässt sich nicht rekonstruieren. Vermutlich nie mehr. Es gibt keine eindeutigen Zeugenaussagen, die Leute haben gefeiert, auch Meyer hat „ein paar Bierchen getrunken”. Es gibt Fotos, die zeigen das Entsetzen in den Gesichtern der Fans, die ihren Freund am Boden in einer Blutlache liegen sehen. Meyer schlägt hart auf: „Ich habe mit dem Kopf gebremst.” Das klingt fast lapidar, die Folgen sind gravierend.

Am Unfallort leisten die Notärzte und Alemannias Teamdoktor Alexander Mauckner Erste Hilfe. Die Notärzte intubieren, was schwierig ist aufgrund der dramatischen Gesichtsverletzungen. Mauckner reanimiert den Hamburger durch eine Herzdruckmassage. Meyer erleidet einen Schädelbasisbruch, das rechte Handgelenk ist ebenso wie die linke Speichel und ein Brustwirbel gebrochen. Ober- und Unterkiefer sind hinüber.

Am rechten Jochbein wird eine Platte eingesetzt. Meyer kann auf dem rechten Auge nicht gut sehen. Die volle Sehfähigkeit könnte zurückkommen, wenn das Metall in einem halben Jahr entfernt ist. Es sind die einzigen Folgen, unter denen er leidet. Die Neurobiologen, die mit ihm Gehirntraining machen, sind optimistisch. Meyer hat auf seinem Genesungsweg einen dicht gedrängten Stundenplan: Physiotherapie, Ergotherapie, Neuropsychologie, Psychotherapie... Die Mediziner benutzen einen unwissenschaftlichen Ausdruck für seine Geschichte: „Es grenzt an ein Wunder.”

„Sven ist ein zäher Kerl, ein richtiger St. Paulianer, eine Kämpfernatur”, sagt seine SchwesterTanja stolz. Die Eltern haben die Partie in Dänemark in ihrem Urlaub verfolgt. „Mich hat eine Vorahnung beschlichen”, sagt sein Vater Heino. „Ich habe zu meiner Frau gesagt: Es passiert etwas mit Sven.” Spät in der Nacht wird der Vater vom Schwiegersohn informiert, er ist nicht überrascht.

Ein paar Stunden später kommen die Eltern nach Aachen. Ihnen wird wenig Hoffnung gemacht. „Ihr Sohn hat eine Überlebenschance von 1:99”, wird ihnen gesagt. Tagelang liegt er im künstlichen Koma. „Bei jedem Anruf haben wir gezuckt”, sagt der Vater. „Es war furchtbar.” Die Eltern malten sich aus, dass ihr Sohn als Pflegefall enden könnte. Oder noch schlimmer.

Nach etwa zwei Wochen ist er aus dem künstlichen Koma geholt worden. Er kann sprechen, weiß, wer er ist. Es sind die ersten zuverlässigen Anzeichen, dass er wieder völlig normal in den Alltag eintauchen wird. Und noch ein Indiz: Er will sofort im Videotext nachschauen, wo sein Klub steht.

„Ich habe alle meine Schutzengel aufgebraucht”, sagt Meyer.

Rings um sein Klinikbett in Eilbeck sind ausgedruckte Bilder aufgehängt. Am Spieltag nach seinem Unfall haben Fans von St. Pauli, von Bayern, von Aachen, von belgischen und englischen Teams Grußbotschaften für den Verunglückten in vielen Stadien aufgehängt. „Komm wieder auf die Beine, Mini.” Mini ist der Kosename, den ihm sein Vater als Fußballtrainer schon in der Jugend gegeben hat.

Mini ist wieder auf die Beine gekommen, viel schneller, als die Ärzte erwartet haben. „Er hat alle Zeitpläne überholt”, sagt sein Vater Heino. Die Klinik in Hamburg hat er gerade nach einem Monat verlassen. Die Kraft fehlt noch in Beinen und Handgelenken. Heute geht er in die Folge-Reha in Bad Bramstedt. Vielleicht könne er noch in diesem Jahr wieder in der Papierfabrik im Schichtbetrieb arbeiten, meint Meyer.

Inzwischen hat er auch wieder ein Pauli-Spiel besucht - in Begleitung von Arzt und Krankenschwester. Die Auswärtsspiele sind ihm verboten, aber er wird wieder regelmäßig am Millerntor sein.

In Hamburg haben die geschockten Fans für ihren Freund gesammelt. 10000 Euro sind bislang zusammengekommen. Meyer weiß nicht, ob er es für seine Heilung verwenden muss oder ob die Krankenkasse die Kosten trägt. Aber er hat eine Idee, an wen er das Geld weitergeben würde. „In Äthiopien organisiert der ehemalige St.-Pauli-Spieler Benny Adrian mit der Welthungerhilfe Brunnenprojekte. Die können das Geld gut gebrauchen.”

Der Patient hat bislang keine Interviews gegeben. Er ist enttäuscht über Falschmeldungen. Die Familie ist mit Unterlassungserklärungen gegen Boulevard-Medien vorgegangen, die blutgetränkte Bilder zeigten. Die beiden Vereine haben den beteiligten Fotoagenturen parallel die Akkreditierungen für die laufende Saison entzogen. In Aachen musste sogar der Sicherheitsdienst am Klinikum verstärkt werden, weil die Paparazzi nach Fotos vom Schwerverletzten gierten, sagt der Vater.

Ende November wird Meyer eine Woche nach Aachen kommen. Die Meyers sind dankbar, sie haben Aachen in guter Erinnerung. Das Unfallopfer ist den Ärzten im Klinikum dankbar, Alemannia hat geholfen, der Klub hat den Rücktransport finanziert. Die Stadtverwaltung hat spontan Zimmer organisiert, damit geschockte Freunde nicht in der Nacht heimkehren mussten. „Wir haben unglaublich viel Unterstützung erfahren”, sagt Heino Meyer.

Sven Meyer wird dann zum zweiten Mal den neuen Tivoli besuchen. Dort, wo alles geschah. Die Stelle, die seit diesem Tag mit einem Netz gesichert ist.
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