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Strippenzieher hinter den Kulissen der Modemesse

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
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Gibt Choreographie-Anweisungen für die Modeschau für Ubergrößen: Ace Grendison. Foto: V. Müller

Düsseldorf. Hut auf, Hut ab, nur ein Knopf zu oder doch die ganze Leiste, mit oder ohne Top unter der Bluse - im Sekundentakt fallen die Entscheidungen für die letzten Details der Outfits. „Der Schal muss bitte weg, den kassier´ ich gleich ein. Dafür machen wir hier bitte Hut und Spitze.”

Sachlich erteilt Antje Verhoeven-Helf, Mode-Direktorin der Igedo Company, in einem kahlen Konferenzraum auf dem Düsseldorfer Messegelände knappe Anweisungen, während sie Model für Model durchgeht. Diskussion unerwünscht.

Vom Model zum Organisator

Einen Tag vor den großen Shows der Modemesse „Igedo Fashion Fairs” werden alle Kleidungsstücke der „Supersize-Show” - Damenmode in großen Größen - anprobiert, unter Umständen geändert und die Accessoires festgelegt. „Wo ist die Anziehhilfe von Isabelle? Isabelle muss noch ein Grace-Kelly-Tuch dabei haben.

Kurt, habt ihr das in der Liste notiert?” Kurt Savelsberg nickt. Er stellt mit seiner Aachener Agentur die Models, klärt die Wünsche der Firmen ab, hängt die Kleidungsstücke in richtiger Reihenfolge auf den Ständer, legt die Musik fest - kurzum: Er organisiert die gesamte Supersize-Show.

Zehn Firmen werden in der von der Igedo gesponserten Modenschau für große Größen eine Auswahl aus der Herbst/Winter-Kollektion zeigen. Bei den Anziehproben stellt sich heraus, ob die Vorstellungen der Messe, des Herstellers und der Agentur übereinstimmen. „Ich möchte echt, dass das Styling so bleibt. Wir haben die Klamotten nicht verändert, es ist nur ein bisschen frecher”, sagt Antje Verhoeven-Helf, die für die Presse attraktives Bildmaterial liefern will.

Der Hersteller bevorzugt aber eine klassischere Linie, um seine Zielgruppe zu erreichen. Kurt Savelsberg reagiert mit der nötigen Gelassenheit, schließlich arbeitet er schon seit Jahrzehnten für die Messe. Am Ende ist der Hersteller überzeugt.

Nach nicht einmal drei Stunden ist die Anprobe abgeschlossen. In der Pause zwischen „Fitting” und den Laufsteg-Proben gibt es Suppe, Salate und Kartoffelgratin. Auch dafür hat Kurt Savelsberg gesorgt. Bevor er die KS Shows-Event GmbH gegründet hat, war er selbst Model. „Schuld daran ist der Stadionsprecher von Alemannia Aachen, Robert Moonen”, sagt der 54-Jährige. Der habe ihm, damals noch als DJ tätig, in den Siebzigern nahegelegt, eine Modelschule zu besuchen. Anfang 20 war Savelsberg da, machte gerade eine Ausbildung zum Elektromechaniker.

Er folgte dem Rat und entschied sich trotz mühevollen Einstiegs für die Karriere auf dem Catwalk. „Später wurden die Jungs dann immer größer und es lief für mich nicht mehr so gut”, erzählt Savelsberg. Er wechselte hinter die Bühne, setzte in den 80ern und 90ern, den Jahren des Musical-Booms, Maßstäbe, was getanzte Choreographien auf dem Laufsteg anbelangte. Models wie Bruce Darnell - bekannt als Jurymitglied und Drama-Queen bei „Germany´s Next Topmodel” - stellten sich damals mit ihrer Setkarte bei ihm vor.

Eine kaufmännische Ausbildung hat Savelsberg nicht gemacht. „Jeder Fehler kostet Geld. Beispielsweise wenn man aus Versehen ein Mädchen zu viel bucht. Da lernt man schnell”, sagt er. Für Prét-à-porter-Shows in Paris, diverse Galas, sogar für die Präsentation der WM-Trikots der deutschen Nationalmannschaft hat er im Lauf seiner Karriere den Zuschlag bekommen - inzwischen delegiert er Teile der Vorbereitung wie das Einstudieren der Choreographien an seinen Assistenten Ace Grendison. Der stammt aus London und war früher bei „Starlight-Express”.

Auf der kleinen Supersize-Bühne in Messehalle 11 hat Grendison gerade damit begonnen, mit den Models die einzelnen Läufe einzustudieren. Die tragen wieder ihre Alltagssachen inklusive Mänteln. Es ist kalt, denn zum Aufbau der Stände waren die Hallentore lange offen. Eine Fünfer-Formation soll sich in der Mitte aufteilen. Die Models notieren sich die einzelnen Schritte, geprobt wird, bis jede Drehung stimmt. Stress kommt nicht auf. Auch bei der Generalprobe am späteren Abend nicht.

„Alles wird mehrfach kontrolliert. Wenn mal etwas schiefgeht, müssen einfach alle sofort reagieren”, sagt Savelsberg und winkt ab, wenn er an das viele Theater und Drama denkt, das schon mal im Fernsehen gezeigt wird. „Da haben sich ein paar wenige einfach fürchterlich wichtig”, meint er. „Die Mädchen haben eine Minute und vierzig Sekunden Zeit, um sich ein Mal aus- und wieder anzuziehen. Da kommen die zwar mal ins Schwitzen, aber Hektik gibt es nicht”, sagt Savelsberg.

Eine Sekunde lang heiß wird es ihm am nächsten Tag, bei der Show auf der großen Bühne, die auch von der Messe für die Medien aufgezeichnet wird, dann doch. Er steht bei den Technikern gegenüber der Bühne und hat eine Minute vor Beginn noch keinen Kontakt nach hinten zu seinem Assistenten. „Sabine, gehst du mal gucken? Der soll das Headset aufsetzen. Jetzt”, sagt Savelsberg.

Ruhig, aber bestimmt. Zehn Sekunden vor Start dann die Erleichterung: „Da isser doch! Sind alle fertig?” Sind sie. Ace schickt sie los. 24 Minuten später ist die Show auch schon wieder vorbei. Dass sich hinter der professionellen Gelassenheit doch Anspannung verbarg, lässt sich erst hinter der Bühne an den erleichtert strahlenden Gesichtern ablesen. Das Ende des Abends ist wie der Gesamtablauf überraschend unspektakulär. Keine knallenden Sektkorken, keine große Party. Ein großes Lob und: „Bis morgen um neun dann!”

Die „Leichen” der Modemesse

Über 1000 Euro kosten die Outfits, die bei den Modeschauen auf der Igedo gezeigt werden - alles Unikate. Erst wenn sich Händler für bestimmte Teile entscheiden, werden sie in Serie produziert. Die sogenannten Leichen, die Stücke, für die sich niemand begeistern konnte, werden dann oft für einen Bruchteil, zum Teil nur 20 oder 30 Euro, beispielsweise im Fabrikverkauf der Hersteller angeboten.

Am letzten Messetag, so wie bei der „Igedo Fashion Fairs” am Dienstag, kann man aber auch schon Glück haben und auf Nachfrage das eine oder andere Teil erstehen.
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