Köln - Stricher in Köln: Überlebensstation für Ausgegrenzte

Stricher in Köln: Überlebensstation für Ausgegrenzte

Von: Verena Müller
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Wenn es Nacht wird in der Kölner Altstadt: Nach einer Studie der Freien Universität Berlin ist keine andere Stricher-Szene so groß wie die in Köln. Rund 1000 junge Männer verdienen sich hier Geld mit der Prostitution. Nach der Studie sind 15 Prozent von ihnen HIV-positiv und sieben Prozent minderjährig. Jeder Fünfte soll drogenabhängig sein. Foto: Looks (1)/vm (1)
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Die gebürtige Kölnerin Sabine Reinke ist seit 1999 Geschäftsführerin von Looks. Der Verein kümmert sich um junge männliche Prostituierte.

Köln. Sabine Reinke wirkt müde, abgekämpft. Die Situation war schon ein paar Mal ernst, jetzt steht ihr Verein kurz vor dem Aus. „Wir machen uns im Moment ständig Gedanken, wie es weitergeht“, sagt sie. Der Stadt Köln droht das Haushaltssicherungskonzept und damit dem Verein Looks der Verlust der freiwilligen Zuwendungen, immerhin zwei Drittel des Etats.

Was sie täte, wenn dem Verein nur noch die Spenden blieben, das weiß die Geschäftsführerin von Looks auch nicht so recht. „Weinen“, sagt sie lakonisch. Weniger um den Verein an sich als um „ihre Jungs“.

Aus ärmsten Verhältnissen

An die 500 sind es pro Jahr, die Looks seit 1995 auf dem Straßenstrich in der Altstadt, in Schwulenkneipen und -bordellen sowie über die Beratungsstelle erreicht. An die 1000 männliche Prostituierte gibt es in Köln, deutschlandweit sind es zehnmal so viele. Sie stammen aus ärmsten Verhältnissen, können selten lesen und schreiben, sind obdachlos, kaum aufgeklärt und zum Teil drogenabhängig.

Im Gegensatz zu weiblichen Prostituierten, die sich bereits eine gewisse Akzeptanz erkämpft haben und für die es viele Hilfsangebote gibt, ist die Mann-männliche Prostitution, wie Sabine Reinke sagt, „unsichtbar“. Menschen, die sich für Hilfsbedürftige aus dieser Tabu-Zone einsetzen, sind rar.

Denn gleich mehrfach werden die jungen Männer diskriminiert: weil sie schwul sind und/oder mit Schwulen gegen Geld Sex haben, weil sie meist aus Osteuropa stammen, auf der Straße leben – und sogar innerhalb der Schwulenszene ist Prostitution verpönt.

Da ist zum Beispiel Mehmet, der aus einer bulgarischen Stadt in der Nähe von Plovdiv stammt. Er ist Anfang 20, verheiratet und hat zwei kleine Kinder. Seine Frau ist krank, Hilfe vom Staat ist nicht zu erwarten und als Roma hat es Mehmets Familie nach wie vor in Bulgarien – wie vielerorts – schwerer als andere.

Ein Freund ist gerade in Plovdiv zu Besuch, in ein paar Tagen fährt er wieder nach Köln. „Komm doch mit“, sagt er zu Mehmet und Mehmet hat eh nichts zu verlieren. Also kratzt seine Familie das letzte Ersparte zusammen, um ihm ein Ticket für den Fernbus zu kaufen.

2000 Kilometer, drei Tage, dann erreicht er Köln. Ein fremder Ort, eine fremde Sprache, kein Geld, er weiß nicht, wo er schlafen soll – und Sex mit Männern hatte er auch noch nie. Da steht er nun, in einer Schwulenkneipe, als er von Sabine Reinke und Marius Henne angesprochen wird.

Ob er öfter da sei? „Nein, nein“, antwortet er schnell. Prostitution? „Nein!“, wehrt er entschieden ab, damit habe er nichts zu tun. Ob er schon mal mit Männern mitgehe, gegen Geld . . . ? Mehmet wiegt den Kopf. Die Mitarbeiter von Looks kennen das schon. Sie geben ihm Kondome und Gleitmittel, laden ihn ein, in der Beratungsstelle an der Pipinstraße 7 vorbeizuschauen.

Ein paar Tage später sitzt er tatsächlich in der Sprechstunde von Looks. Er erfährt, warum er sich schützen sollte und wie man Kondome benutzt – wie für die meisten Klienten ist das auch für Mehmet Neuland. „Wir versuchen, die Jungs so schnell wie möglich zu erwischen, damit sie nicht HIV-positiv werden“, so Sabine Reinke. Denn wer infiziert ist, ist nicht nur potenzieller Überträger, er hat auch schlechte Chancen, therapiert zu werden. Die Medikamente sind teuer und einen Zugang zum Gesundheitswesen hat dieser Personenkreis nicht. Die nächste Schleife in der Spirale: Untherapierte HIV-Infizierte sind ansteckender als behandelte.

Mehmet hatte bislang Glück, er hatte zwar schon eine schwere Syphilis, ist aber nicht HIV-infiziert. Oft nur eine Frage der Zeit. Viele Freier findet Mehmet im Moment nicht, vielleicht einen in zwei Wochen. Wenn dann einer kommt, der für ungeschützten Sex fünfzig Euro mehr bietet, kann man sich ausrechnen, wie die Entscheidung ausfällt. Vielleicht sollte er lieber nach Berlin oder Hamburg gehen, überlegt Mehmet, vielleicht hätte er dort mehr Kunden. Aber all das bereitet ihm weniger Sorgen. Inzwischen ist auch seine Mutter krank, sie braucht dringend Medikamente und er weiß nicht, wie er diese finanzieren soll.

Seit drei Jahren ist er jetzt in Deutschland, seine Familie hat er vielleicht vier-, fünfmal gesehen. Oft ist er verzweifelt. „Ich halte das nicht aus, Sex mit Männern“, sagt er dann. Sabine Reinke kann ihm kaum helfen. „Versuch es doch mal in den türkischen Cafés, vielleicht haben die Arbeit für dich“, sagt sie. Mehmet ist türkischsprachiger Roma, das könnte also klappen. Theoretisch. Bislang hat Mehmet noch keine Alternative zur Prostitution gefunden.

Er ist stark gealtert, in den letzten Jahren. Drei Zähne musste ihm die Malteser Migranten Medizin (MMM) ziehen – mehr als die Notfallbehandlung, etwa Zahnersatz, steht ihm nicht zu. Nur für kurze Zeit konnte er bei einem Freier übernachten – bis sich die beiden verkrachten. Deshalb lebt er wieder auf der Straße. Er übernachtet in Parks oder am Rheintunnel, wo es ein bisschen wärmer ist.

Zweimal die Woche kann Mehmet zu Looks gehen, duschen, seine Kleidung waschen, mit dem Arzt des Gesundheitsamtes sprechen, ein paar Stunden schlafen und etwas Warmes essen. Manchmal das Einzige in der ganzen Woche. Die Lebensmittel stammen von der Tafel. So wie Mehmet kommen rund 20 weitere Stricher regelmäßig zu Looks, manchmal ist es so voll, dass er nur kurz bleiben darf und den Nächsten, Wartenden Platz machen muss. „Es ist bitter, die Jungs wegzuschicken, aber sie sind sehr tapfer und haben Verständnis“, erzählt Sabine Reinke. Eine andere Anlaufstelle haben sie nicht.

Mehmet ist in vielerlei Hinsicht ein Spiegel der Klientel von Looks: Er ist jung, hetero, und die Armut treibt ihn in die Prostitution. Aufzugeben käme für ihn nicht in Frage. Der Familie Kummer zu bereiten, wäre für ihn das Schlimmste. 80 Prozent der Stricher in Köln haben einen Migrationshintergrund, 65 Prozent stammen aus Osteuropa, davon die meisten aus Rumänien und Bulgarien. Die Mehrzahl stammt aus der Stadt in der Nähe von Plovdiv. „Manchmal kommt es uns so vor, als würden alle Männer Anfang 20 aus diesem einen bulgarischen Ort nach Köln zum Anschaffen kommen. Es ist wie Stille Post: Keiner redet offen drüber, aber jeder weiß es“, sagt Sabine Reinke.

Bulgarien und Rumänien befinden sich immer noch in der Warteschleife für einen vollen EU-Beitritt. Wer von dort stammt, benötigt kein Visum und darf sich unbegrenzt in EU-Ländern aufhalten, genießt aber noch keine Arbeitnehmerfreizügigkeit. Rumänen und Bulgaren brauchen eine Arbeitserlaubnis, es sei denn, sie wollten sich selbstständig machen. Dazu mangelt es der Klientel von Looks schlicht an Bildung. Und einen Anspruch auf Sozialleistungen hat sie nicht. Auch die Pforten der Notunterkünfte bleiben verschlossen – außer im Winter.

„Wir sind eine Art Überlebensstation“, sagt Sabine Reinke. Eine, die selbst ums Überleben kämpft.

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