Düren/Eschweiler - Stauenden-Unfälle: Autobahn 4 als Transit-Achse stark betroffen

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Stauenden-Unfälle: Autobahn 4 als Transit-Achse stark betroffen

Von: Udo Kals und Claudia Schweda
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05. Juni 2013 Mehrere LKW und ein PKW mit Wohnwagen sind hinter Düren Richtung Buir auf der A 4 zusammen gekracht. sieben Personen verletzt Copyright Ralf Roeger Foto: Ralf Roeger

Düren/Eschweiler. Es sind nicht immer die Lastwagenfahrer. Natürlich nicht. Nur wenige Stunden nach den beiden folgenschweren Unfällen auf der Autobahn 4 am Mittwoch fuhr am Mittwochmorgen auf der A 61 eine Pkw-Fahrerin in ein Stauende. Die 28-Jährige schob bei Bergheim drei Fahrzeuge ineinander und wurde selbst lebensgefährlich verletzt.

Doch gerade auf der West-Ost-Achse A 4 stehen die Lkw-Fahrer im Mittelpunkt – nicht erst seit dieser Woche. Jedes fünfte Fahrzeug zwischen Eschweiler und Kerpen ist nach Zahlen der Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) ein Lkw. Das sind 13000 Transporter, die täglich zwischen den niederländischen und belgischen Seehäfen und Köln unterwegs sind, beladen mit Waren für Europa und die ganze Welt. Dass dieser Streckenabschnitt der A4 auf dem Weg zum Güterumschlagplatz in Köln-Eifeltor damit die doppelte Menge der auf anderen Autobahnen üblichen Lkw-Menge auffangen muss, zeigen auch die Bast-Zahlen: Ab Köln-Klettenberg ist nur noch jedes zehnte Fahrzeug ein Laster – der deutschlandweite Durchschnitt. Kein Wunder also, dass auf der A4 in unserer Region so außergewöhnlich viele schwere Unfälle passieren – wie etwa am Mittwoch.

Die Vollsperrung hob die Polizei erst am Donnerstagmorgen auf. Von den insgesamt elf Verletzten der beiden Unfälle schwebte nach Polizeiangaben noch eine Frau in Lebensgefahr. Ein Sattelzug hatte in der Nacht zu Donnerstag zwischen Eschweiler-Weisweiler und dem Rastplatz Rurscholle am Stauende zwei andere Lastwagen ineinandergeschoben. Dabei wurden drei Menschen verletzt. Der Stau hatte sich nach einem anderen schweren Unfall zwischen Düren und Kerpen-Buir mit sieben Verletzten gebildet. Dabei war am Mittwochnachmittag in der gleichen Fahrtrichtung ein Lkw ebenfalls auf ein Stauende aufgefahren und hatte mehrere Fahrzeuge, da­runter ein Wohnwagengespann, ineinandergeschoben. Die Insassen des Gespanns (zwei, vier, 28 und 55 Jahre) wurden eingeklemmt und mussten von der Feuerwehr befreit werden. Auch zwei Lastwagenfahrer erlitten schwere Verletzungen. Vier Rettungshubschrauber waren im Einsatz und flogen die Verletzten in verschiedene Krankenhäuser. Auslöser für die beiden schwerwiegenden Unfälle war ein eher harmloser Unfall in einer Baustelle zwischen Düren und Buir. Bereits am Montag war auf der A4 in der Gegenrichtung bei Kerpen ein Laster in ein Stauende gekracht. Dabei waren zwei Menschen lebensgefährlich und drei weitere leicht verletzt worden.

Wenn ein Lkw an einem Unfall beteiligt ist, hat allein die schiere Masse der mit 30 Tonnen oder mehr beladenen Fahrzeuge schwerwiegende Folgen. Zum Vergleich: Ein Pkw wiegt im Durchschnitt eine Tonne. „Lkw-Unfälle gerade am Stauende sind mit die schlimmsten, die wir kennen. Mit vielen betroffenen Fahrzeugen und Menschen“, sagt Michael Schreckenberg, Professor für die Physik von Transport und Verkehr an der Universität Duisburg-Essen. Die meisten Unfälle auf Autobahnen ereignen sich wegen Staus. „Da kann die Polizei ein Lied von singen.“ Das Problem sei, dass man vor einem Stauende nicht warnen könne. Es wandere, und zwar mit einer Geschwindigkeit von 15 Stundenkilometern – entgegen der Fahrtrichtung. Das hat fatale Folgen: Fahre der Lkw-Fahrer mit 80 km/h auf den Stau zu und der Stau kommt ihm mit 15 km/h entgegen, liege das effektive Tempo beim Unfall bei 95 km/h, erklärt der Stauforscher. Dazu komme, dass viele Lastwagen zu schnell unterwegs seien. Das heißt: Die Unfallgeschwindigkeit ist noch höher. „Studien belegen, dass die Menschen vor nichts mehr Angst haben als vor Lkw“, sagt er, „angesichts der Auswirkungen von Lkw-Unfällen ist diese Angst nicht ganz unbegründet.“

Georg Dissen, Chef der Kölner Autobahnpolizei, bestätigt den Forscher: „Stauende-Unfälle sind schrecklich und zu oft Bilder des Grauens.“ Mit Macht will seine Behörde diese Bilder verhindern. So kündigte er auf der A 4 verstärkte Kontrollen an und forderte richtiges Verhalten ein. Was das heißt? Dissen: „Konzen­tration auf das Fahren, runter vom Gas, Abstand halten, Warnblinkanlage einschalten und den nachfolgenden Verkehr im Auge behalten.“

Viel mehr als dieser Appell an die Verkehrsteilnehmer bleibt denen, die Unfälle an Stauenden verhindern wollen, derzeit kaum. Denn trotz aller Maßnahmen bleibt das Problem seit Jahren unverändert groß. Das beweisen die Statistiken. Im Bereich der Autobahnpolizei Köln schwanken die Zahlen in den vergangenen sechs Jahren zwischen 825 und 700 ohne erkennbare Tendenz.

Es gebe drei Bereiche, mit denen man versuche, das Problem in den Griff zu bekommen, erklärt der Verkehrssicherheitsforscher Justin Geistefeldt von der Ruhr-Universität Bochum. Für jeden sichtbar seien etwa die Schilderbrücken über den Autobahnen, die vor Staus warnen und die Geschwindigkeit immer mehr reduzieren, je näher man zum Unfallort kommt. Dazu kämen seit einigen Jahren autonome Fahrassistenzsysteme, die von selbst eine Notbremsung einleiten, wenn das Fahrzeug ein Hindernis auf der Fahrbahn wahrnimmt, und der Fahrer auf hörbare Warnsignale nicht reagiert hat. Diese Notbremsassistenten werden ab November dieses Jahres Pflicht für alle neuen Lkw-Typen, ab November 2015 dann für alle neu zugelassenen Lkw. Alte Fahrzeuge müssen aber nicht nachgerüstet werden. Schreckenberg warnt allerdings vor zu viel Hoffnung, die mit dieser Technik verbunden wird. Sie sei oft noch nicht ausgereift und reagiere teils auf Hindernisse wie Brückenpfeiler am Fahrbahnrand, für die der Mensch sinnvollerweise nicht bremsen würde. Konsequenz: „Der Mensch schaltet die Technik ab.“

Beide Verkehrsforscher setzen auf den dritten Bereich, um das Problem in den Griff zu kriegen: die Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikation. Dabei informieren sich etwa mit WLAN vernetzte Systeme im Fahrzeug gegenseitig. Bremsen etwa alle vorausfahrenden Lkw, bekommen die folgenden eine Stauwarnung. Doch beide wissen: Bis zur Serienreife dieser Systeme vergehen noch 10 bis 15 Jahre.

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