Köln - Staubfänger auf der Jagd nach musealer Materie

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Staubfänger auf der Jagd nach musealer Materie

Von: SUSANNE SCHRAMM
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Passionierter Staubfänger: Dr. Wolfgang Stöcker, Archivleiter des Deutschen Staubarchivs Köln, beim Sammeln von Staub am Rande einer Baustelle gegenüber dem Gürzenich im Zentrum der Kölner Altstadt. Foto: Thomas Brill
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Acht Mal ließ sich die Aachener Domverwaltung anschreiben, um dann nachzufragen „Was machen Sie überhaupt?“, ehe tatsächlich ein Tütchen mit Partikeln vom Boden des Weltkulturerbes eintrudelte.

Köln. Am Anfang gedieh die Wollmaus prächtig. Unter Laborbedingungen gezüchtet, erreichte das Tierchen nach mehreren Versuchsreihen eine stattliche Größe von 15 Zentimetern. Der Pelz war von herrlich lockerer Konsistenz. „Aber dann wuchs sie nicht weiter, sondern fing an, in sich zusammen zu fallen“, sagt Dr. Wolfgang Stöcker, „und sie war auch nicht länger fluffig. Das mit ansehen zu müssen, war nicht schön“ Nach und nach mutierte die Wollmaus zur Filzkugel.

Was andere Menschen ärgert oder ekelt – Zusammenballungen von Haaren, Staub und unsichtbaren Milben, die sich am liebsten unter Schränken oder Kommoden aufhalten – bereitet Stöcker Freude: „Die Wollmaus ist ein reines Kunstwerk.“ 2004 hat er in Köln das „Deutsche Staubarchiv“ gegründet. Unterstützt von 15 „Staub-Scouts“ sammelt der Kunstgeschichtler und Künstler historisch bedeutsame Stäube aus der ganzen Welt.

Bislang sind rund 350 Staubproben zusammen gekommen, die Stöcker in sechs Untergruppen (Sakrale Stäube, Kulturstäube, Politik-Stäube, Kulinarische Stäube, Naturraumstäube, Musikalische Stäube) archiviert und im Internet dokumentiert.

Das „Deutsche Staubarchiv“ widmet sich auch der Forschung – beispielsweise der künstlichen Befruchtung von Wollmäusen, die in der freien Wildbahn durch Aerodynamik und Elektrostatik entstehen oder der Analyse von Besen- und Abstellkammern – kuratiert Ausstellungen, hält Vorträge und bietet Staub-Spaziergänge an.

Fündig werden die Staubfänger in Kirchen, Museen oder Rathäusern, auf Dachböden, in Weinkellern und Burghöfen, zwischen Ritzen, in Ecken oder, ganz prosaisch, auf der Straße. Denn Staub ist überall. Aber nicht alles, was Staub ist, ist auch archivwürdig. Erst der Fundort macht die Materie museal: „Der Staub selbst ist lästig und nutzlos.

Das zu koppeln mit Stätten von Bedeutung, die für Kunst und Kultur, Ordnung und Erhabenheit stehen, erzeugt eine Spannung und zugleich einen Bruch. Im Wertvollen ist auch das Nutzlose anwesend. Und wird dadurch erhöht. Ist nicht auch die Staubflocke auf einem Picasso Kunst?“ Kunst(räume) und Geschichte wollte der 44-Jährige, der seit 2003 in Köln lebt, schon immer zusammen bringen: „Eine Zeitlang habe ich über Friedhofskultur geforscht, in Archiven, und auch ein Buch darüber geschrieben.“

Das Wort Archiv hat ihn schon damals fasziniert: „Das klingt so schwer und getragen, etwas, was ich selbst gar nicht bin. Wenn ich sage, ich bin der Archivar, dann hat das etwas Ironisches.“

Ehe Stöcker dem Staub verfiel, erwog er, Spinnweben zu sammeln, dann trug er Wasser aus legendären Flüssen zusammen. Aber als eine Flasche mit kostbarem Nass aus dem Loch Ness auf dem Küchenboden zerschellte („Das hat vielleicht gestunken!“), fand das Projekt ein jähes Ende. Staub ist geruchsfrei, lässt sich platzsparend zwischen Aktenordnerdeckeln lagern – und erzählt dennoch Geschichte(n).

Fürstengruft zu Weimar

Etwa von Schiller und Goethe, die wieder vereint in der Fürstengruft zu Weimar ihre letzte Ruhestätte gefunden haben (Kulturstaub Nr. 18), von der Gründlichkeit der Aachener Domverwaltung, die sich erst acht Mal anschreiben ließ, um dann nachzufragen „Was machen Sie überhaupt?“, ehe tatsächlich ein Tütchen mit Partikeln vom Boden des Weltkulturerbes eintrudelte (Sakral-Staub Nr. 21) oder der Bejing Road in Shanghai, die 2010, im Zuge der Weltausstellung, ihrer historischen Substanz beraubt wurde, um der seelenlosen Konstruktion einer modernen Metropole Platz zu machen.

Das von Hand bemalte hölzerne Ladenschild mit der Kulturstaubproben-Nummer 19 existiert nicht mehr. Außer in Stöckers Archiv. Geschichten erzählen auch die Staub-Scouts, die in Briefen berichten, wo sie was unter welchen Umständen erbeutet haben, die Fotos der Fundorte und solche Devotionalien wie Eintrittskarten, Lagepläne oder ein Stadtwappen.

Streng genommen ist nicht alles, was in durchsichtigen, wieder verschließbaren „Archiv-Norm-Staub-Beuteln“ aus Plastik aufbewahrt wird, wirklich Staub: „Zu vielem würden Biologen nie Staub sagen. Aber ich bin kein Naturwissenschaftler“. Es gibt körnige, bröcklige, pulvrig-feine Archivalien, flockige, harzige und erdige, und solche, die Spuren von Rost, Lack oder Ruß enthalten.

Manche sind mit Moos, Sand oder Flusen vermengt, in anderen entdeckt man Insektenlarven, Spinnweben oder Holzstückchen. Auch die Wollmaus ist vertreten, genießt aber Artenschutz. Vielleicht deshalb, weil ihrer Eingliederung ins Staubarchiv ein grausames Procedere vorangeht: „Bevor ich sie archiviere, muss ich sie platt machen. Das tut mir jedes Mal weh.“ Aus Gründen der Originalität können auch mal zwei Olivenkerne, Mörtelbröckchen oder ein Weinkorken in der Sammlung landen – weil sie von der Akropolis, dem Empire State Building oder einem historischen Weingut im Burgund stammen.

Mitunter auch gefährlich leben

Dass Staub-Scouts mitunter auch gefährlich leben, bekam ein Sammler aus Stöckers Crew im Opernhaus von Sydney zu spüren, als er von Sicherheitsleuten in Gewahrsam genommen wurde. Erst diverse Mails nach Deutschland und wieder zurück klärten den Sachverhalt – und der Scout wurde, mit Flusenprobe, in die Freiheit entlassen.

Andere Fälle sind tragisch: „Einer meiner Scouts war schon mehrfach im Tadsch Mahal – und jedes Mal fiel ihm hinterher ein: ,Ich hab´ die Probe vergessen.´“ Einen besonderen Liebling in seinen Beständen besitzt der Bewahrer des Staubs nicht: „Ich finde alle Stäube toll. Aber der Staub von der letzten Weihnachtsmesse des Benedikt-Papstes oder Staub direkt von einer Dichter-Statue im Kleist-Museum – das sind schon Schätze!“ Außer historischem Wissen, Kunstsinn und einer philosophischen Neugier, gepaart mit Sinn für Humor, bringt der Archivar einen langen Atem mit.

Wenn er eine spezielle Staubprobe haben will, kontaktiert er Institutionen, Museen oder Kommunen direkt und lässt dabei nicht locker: „Den Sitz des Bundespräsidenten schreibe ich seit Herzog an, das Bundeskanzleramt seit Schröder.“ Eines Tages werden sich auch die Regierenden dem Mikrokosmos Staubarchiv nicht länger entziehen können.

Zumal dessen Inhalt staatstragende Bedeutung besitzt:„Der Staub ist ein Demokrat. Er lebt in Hütten und Palästen. Wenn er sich ablagert, kümmert es ihn nicht, ob er das auf einem Rembrandt oder einer Werbetafel tut. Für den Staub sind alle gleich.“

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