Star-Chirurg muss drei Jahre in Haft

Von: Johannes Nitschmann
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Muss wegen Bestechlichkeit, Nötigung, Betrugs und Steuerhinterzie- hung in Haft: Der renommierte Chi- rurg Christoph Foto: dpa

Essen. Mit federndem Schritt betritt Christoph Broelsch an diesem Freitag den Verhandlungssaal 101 im Essener Landgericht. Unmittelbar vor der Urteilsverkündung in dem Strafprozess um einen der bundesweit größten Klinikskandale lächelt der prominente Medizin-Professor in den Pulk der Fotografen und Kameraleute vor seiner Anklagebank.

Der 65-jährige Star-Chirurg, dem die Nötigung von schwerkranken Krebspatienten zu Spendenzahlungen angelastet wird, rechnet „mit einem Freispruch in den wesentlichen Punkten” der 99-seitigen Anklage. „Ich bin gespannt aber nicht ängstlich”, gewährt Broelsch bereitwillig Einblick in seine Seelenlage.

Wenige Minuten später spiegelt sich die Anspannung in dem puterroten Gesicht des ehemaligen Chefarztes der Essener Uniklinik wieder. Das Gericht hat ihn zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Falls der Bundesgerichtshof dieses Urteil im Wege einer Revision nicht noch aufhebt, muss der pensionierte Professor einen Teil seines Lebensabends im Gefängnis verbringen und verliert seine Pensionsansprüche als Beamter.

Als „unerträglich” und „verwerflich” brandmarkt der Vorsitzende Richter Wolfgang Schmidt die kriminellen Machenschaften des „Prof. Dr. med. Hc. mult.”, der unter den Transplantationsmedizinern als „Leber-Papst” gilt und als filigraner Chirurg weltweit Anerkennung genießt.

Nach 28 Verhandlungstagen sah es das Gericht als erwiesen an, dass der ehemalige Chefarzt in mindestens 30 Fällen von todkranken Krebspatienten Spendenzahlungen für deren Vorzugsbehandlung verlangt hatte. Broelsch hat sich nach dem Urteil der Richter der Bestechlichkeit, Nötigung, des Betruges und der Steuerhinterziehung schuldig gemacht. Er habe Betten auf seiner Privatstation gegen Zusatzzahlungen verkauft. Etlichen Privatpatienten habe er seine Chefarzt-Mitwirkung am OP-Tisch in Rechnung stellen lassen, obwohl er zu dieser Zeit im Ausland gewesen sei.

Recht rabiat vorgegangen

Mit seinem Strafmaß blieb das Gericht ein Jahr unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte in den wesentlichen Anklagepunkten auf Freispruch plädiert und lediglich eine Geldstrafe beantragt. Broelsch selbst hatte lediglich einige Fälle der Steuerhinterziehung eingeräumt.

Das Gericht lastete dem Star-Chirurgen und Leibarzt des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau an, er habe von schwerkranken Kassenpatienten „ultimativ” Spenden zwischen 2000 und 15000 Euro auf das Drittmittelkonto der Uniklinik verlangt, um sie als Chefarzt unter Umgehung langer Wartelisten operieren zu können. Dabei ist der Mediziner nach den Feststellungen der Essener Strafkammer mitunter recht rabiat vorgegangen. In einem Falle soll er den Angehörigen eines Patienten erklärt haben, die Zahlung sei auch dann zu leisten, „wenn er auf dem Tisch liegenbleibt”.

Bei den von seinen Patienten abgetrotzten Spenden habe es sich für Broelsch um eine „Besserstellung” und einen „Eigenvorteil” gehandelt, weil er zur Abrechnung seiner Reise- und Forschungskosten „faktischen Zugang” zu dem Spendenkonto gehabt habe, erklärte der Vorsitzende Richter Wolfgang Schmidt.

Nach Überzeugung des Gerichts hatte der renommierte Mediziner die Todesangst seiner Patienten listig ausgenutzt, um so Spenden von mindestens 158.000 Euro einzuwerben. Der Angeklagte, der unter einem „fehlenden Unrechtsbewusstsein” leide, habe ihm schutzlos ausgelieferte Menschen zu hohen Zusatz-Zahlungen genötigt, die diese mitunter nur in Raten abstottern hätten können, erklärte Richter Schmidt. Dass die Patienten von Broelsch bei dessen hartnäckiger Spenden-Akquise lediglich „einem Missverständnis” erlegen sein sollen, hielt das Gericht für eine lebensfremde Schutzbehauptung.

In seiner mehrstündigen Urteilsbegründung stellte das Gericht klar, dass bei lebensbedrohlichen Erkrankungen auch jeder Kassenpatient das Anrecht auf eine zeitnahe Chefarzt-Behandlung genieße. Zweifellos, so Richter Schmidt, sei Broelsch „ein überragender Arzt”, der sich „fürsorglich” um seine Patienten gekümmert habe. Zugleich aber habe der Star-Chirurg von Weltruf auch „immer ein Auge auf die Wirtschaftlichkeit gehabt”. Mitunter sei von ihm das Sechsfache der üblichen Arzthonorare in Rechnung gestellt worden. Schließlich habe Broelsch während der Verhandlung selbst eingeräumt, dass für ihn in Deutschland eine „Vier-Klassen-Medizin” existiere. Zuerst würden „Patienten mit Geld” behandelt, dann „Politiker, Privatversicherte und Kassenpatienten”.
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