Stadt versammelt größte karolingische Bausubstanz weltweit

Von: Angela Delonge
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Unbestritten einmalig: Der Aachener Dom ist das größte erhaltene Bauwerk aus der Karolingerzeit und damit für Forscher aus aller Welt von Interesse. Ein Buch versammelt jetzt alle bisherigen Forschungsergebnisse. Neu gesichtet wurden die Schriftquellen. Foto: A. Herrmann

Aachen. Stammen die Marmorsäulen wirklich aus Ravenna? Hat Kaiser Karl tatsächlich auf diesem Thron gesessen? Wurde er in einer Gruft unter der Kirche beigesetzt, und wo ist die? Auch nach Jahrhunderten der Forschung über den Aachener Dom sind viele Fragen unbeantwortet. Doch nun kommt Licht ins Dunkel.

Alles, was Wissenschaftler jemals über den Aachener Dom herausgefunden haben, wird erstmals in einer Publikationsreihe versammelt – für die Fachwelt ein Meilenstein. Band 1 ist soeben erschienen, Herzstück des Buches sind die mittelalterlichen Schriftquellen – neu übersetzt und kommentiert unter anderem von Harald Müller, Inhaber des Lehrstuhls für Mittlere Geschichte der RWTH.

Professor Müller, Sie hatten maßgeblichen Anteil daran, dass die Anfänge des Aachener Doms jetzt mal auf Höhe der Forschung erzählt werden können. Muss die Geschichte neu geschrieben werden?

Müller: Das würde ich nicht sagen. Aber sie muss in einigen Facetten genauer betrachtet werden. Unsere Erkenntnisse sind eher Detailerkenntnisse und Deutungsverschiebungen; nichts, was den Bau der karolingischen Kirche etwa ins 10. Jahrhundert verschieben würde.

Was geben die Schriftquellen her?

Müller: Bei den Schriftquellen geht es vor allem darum, sie in ihrem Kontext zu deuten. Also nicht nur Textpassagen herauszupicken, die die Marienkirche erwähnen, sondern auch zu schauen, wer da geschrieben hat. Ein Zeitgenosse wie Einhard ist anders zu bewerten als jemand, der erst drei Generationen später geschrieben hat und vielleicht nie in Aachen war.

Sie haben rund 65 Quellen neu gesichtet. Warum gibt es aus der Karolingerzeit doppelt so viele erzählende Quellen wie Urkunden?

Müller: Unser Auswahlprinzip war, Quellen zu finden, die sich vor allem mit dem Bau der Kirche beschäftigen. Da findet man nicht so viele Urkunden sondern eher Notizen, Berichte, lyrische Verarbeitungen des Bauwerks.

Die gehören aber doch eher ins Reich der Dichtung?

Müller: Das kann man so nicht sagen. Es handelt sich weniger um Dichtung als um bildhafte Beschreibungen. Hier werden Sachverhalte in allgemein erlebbare, verständliche Gewänder gekleidet. So wird bei der Schilderung der Folgen eines Erdbebens ein Katalog von Motiven herangezogen, die dann abgearbeitet werden. Die Frage ist, wie viel Kernaussage da drin steckt.

Wie unterscheiden Historiker Dichtung und Wahrheit?

Müller: Das Kerngeschäft des Historikers ist das Hinterfragen. Was war die Absicht des Autors? Will man Karl als Bauherrn loben, dann wird man alles besonders großartig darstellen. Will man den Bau herausheben, gilt dasselbe. Ein Preisgedicht wird die Sache anders darstellen als der Bericht eines reisenden Architekten. Dies muss man immer bedenken, wenn man versucht, diese Texte auf die Realität zurückzuführen.

Ist also vieles, was Karls Kirche betrifft, erfunden?

Müller: Das glaube ich nicht. Es ist eine so außergewöhnliche Kirche, ein so außergewöhnliches Bauwerk, an dessen Existenz und Ausführung es keinerlei Zweifel gibt. Natürlich haben die Zeitgenossen oft noch einen draufgepackt, haben antike Sprachmuster benutzt, um die Sache rhetorisch noch einmal zu überhöhen. Der Bau, das Gold, die Bronzen, die Ausstattung sind unzweifelhaft, aber sie zu erwähnen, spiegelt natürlich den Reichtum und das Engagement Karls für dieses Bauwerk wieder.

Was ist dann wahr?

Müller: Man hat einen hohen Realitätsgehalt, vor allem dann, wenn es keinen Grund gibt, etwas zu verformen. Bei Einhard ist zum Beispiel das Problem, dass er vieles überzeichnet, weil Karl sein Held war. Auf der andern Seite konnte Einhard nichts schreiben, was völlig grotesk gewesen wäre, weil die Leute, die ihn lasen, Karl noch erlebt haben. Die Bestattung Karls des Großen bei Einhard kann nicht grob falsch geschildert sein. Dagegen ist die Bestattungsbeschreibung vom Beginn des 11. Jahrhundert, die wir auch haben, völlig frei von solchen Bindungen und kann alles erfinden, was man damals für großartig hielt.

Sie halten die Darstellung von Karls Bestattung für erfunden?

Müller: Ja, bei vorsichtiger Deutung werden wir sicherlich die Frage der Graböffnung durch Otto III. noch mal genauer unter die Lupe nehmen müssen. Wir wissen aus Vergleichen, dass die Sitzbestattung damals völlig unüblich war. Wir haben auch diese Gruft nicht gefunden, von der die Rede ist. Die momentane Deutung geht dahin, dass hier vielleicht eine lokale Sage im Umlauf war. Das kontrastiert aber völlig mit dem, was Einhard über die Bestattung schreibt. In dieser Situation können wir nur Einhard vertrauen und keinem anderen.

Der Thron ist nicht das Grab?

Müller: Der Beitrag über den Thron legt nahe, dass zumindest momentan nicht zu entscheiden ist, ob der Thron in seinen Einzelteilen aus der Zeit Karls ist. Da gibt es eine andere prominente These, die das bestreitet. Aber es ist schon bemerkenswert, dass der Thron in den Schriftquellen erst im 10. Jahrhundert auftaucht. Er spielt in der karolingischen Zeit keinerlei Rolle, genauso wenig wie das Grab. Erst die Ottonen begründen die Krönungsserie in Aachen, und in deren Gefolge bekommen der Thron und das Grab diese prominente Erinnerungsfunktion an Karl den Großen. Aber, das muss man deutlich sagen: Hier gibt es keine harten Beweise. Um den Thron wird man sich erneut kümmern müssen, denn er ist als Problem noch viel komplexer als das Grab.

Scheint ein fest installierter Thron zur damaligen Zeit plausibel?

Müller: Das ist das Entscheidende, was dagegen spricht. Andererseits lässt sich Karl ja in Aachen nieder, es wäre also denkbar, dass er sich etwas Stationäres in Sachen Thron schafft, aber dann wäre die Königshalle der angemessene Ort gewesen.

Gibt es Beispiele aus der Antike, die von einem Herrscherthron zeugen?

Müller: Es gibt im byzantinischen Bereich den Herrscherthron in der Kirche, aber der Herrscher hatte dort auch ein anderes zeremonielles Selbstverständnis in der Liturgie. Es ist aber eigentlich zu früh, überhaupt über den Thron zu reden. Da muss man ganz neu ansetzen. Anders beim Grab: Das, was wir hier überhaupt wissen können, führt zu einem klaren Ergebnis, das auch auf absehbare Zeit Bestand haben wird.

Was heißt das?

Müller: Das heißt: Verabschieden von der Gruftidee, die uns in den historischen Quellen des 11. Jahrhunderts begegnet. Am wahrscheinlichsten ist eine oberirdische Bestattung in einer Nische des Oktogon-Umgangs. Das ist im Moment das Plausibelste auch aufgrund der Tatsache, dass wir archäologisch alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben, eine aufwändige Bestattung zu finden. Hier müssen wir uns an Einhards Beschreibung halten, die relativ nah an der Realität gewesen sein muss.

Die Grabfrage wäre also geklärt?

Müller: Im Prinzip ja. Wir streiten noch um Begriffe. Heißt „humare“ wirklich „begraben“ oder ist dieser Begriff im Sinne der antiken lateinischen Stilistik einfach nur eine Variation? Einhard benutzt fünf verschiedene Verben für „bestatten“ in seiner Beschreibung der Bestattungszeremonie. Wir müssen das jetzt also nicht so deuten, dass damit wirklich „unter der Erde“ gemeint ist.

Womit wir uns wieder im Bereich der Deutung befinden.

Müller: Geschichtswissenschaft führt gerade in zurückliegenden, quellenarmen Zeiten meistens nur zu Deutungsangeboten und muss immer mit der Bereitschaft verbunden sein, dass ein neuer Befund oder eine noch gescheitere Auslegung der Quellen die eigene Deutung unter Umständen überspielt.

Gibt es bei den Marmorsäulen auch noch was zu deuteln?

Müller: Hier geben die Schriftquellen ein schönes Beispiel, wie sich die Dinge manchmal verselbstständigen beziehungsweise sich das menschliche Gehirn Kausalketten erschließt, auch wenn sie nicht wirklich belegbar sind. Wir haben einen frühen Brief (787, die Red.), in dem Papst Hadrian I. Karl erlaubt, Mosaik und Baumaterial aus einem Palast in Ravenna zu entnehmen. Da ist aber nicht die Rede davon, dass das für Aachen sein soll. Einhard erwähnt rückblickend zur Ausstattung der Kirche, dass dort Säulen aus Rom und Ravenna stehen. Das kann richtig sein. Aber es steht nirgendwo explizit, dass diese Säulen aus Ravenna sind. Zumal die Erlaubnis zur Baustoffentnahme in Ravenna rund sieben Jahre vor dem Baubeginn in Aachen liegt. Wir versuchen, das alles ein bisschen schärfer zu trennen – ohne zu sagen: Das stimmt alles nicht.

Wurde der Stein nicht untersucht?

Müller: Ich denke schon, bin als Textwissenschaftler hier aber überfragt. Es gibt Fälle, in denen man Marmor einem bestimmten Steinbruch zuordnen kann. Aber das geht nicht überall.

Beim Dom muss also a) vieles neu betrachtet werden und b) ist vieles noch unerforscht?

Müller: Das geschieht ja in Serie und löst dann dominosteinartig Neubetrachtungen vermeintlicher Gewissheiten aus – wie die Datierung der Bauzeit. Ja, da ist wirklich viel zu tun. Es gibt viele einzelne Bausteine, aber noch keine wissenschaftlich fundierte Gesamtgeschichte der Marienkirche. Was wir hier vorlegen, ist im Moment Stand der Forschung. Wir gehen aber davon aus, dass sich da an einigen Ecken noch etwas tun wird.

Wer treibt die Forschung voran?

Müller: Dem Domkapitel ist das offenbar wichtig. Das zeigt der Schritt, diese Reihe herauszugeben. Bislang hat die Stiftung in Restaurierung investiert. Aber man kann nur angemessen konservieren und in Stand setzen, wenn wir möglichst viel über das Bauwerk wissen. Das Domkapitel geht diesen Weg mit. Das ist sehr zu begrüßen. Man darf die Kirche nicht nur mit einem hermetisch-lokalpatriotischen Blick betrachten.

Was wünscht sich der Historiker?

Müller: Die Wissenschaft muss hier mit einem weiten Blick agieren, das heißt, man muss auch auswärtige Wissenschaftler, Experten dazuholen und dann die Erkenntnisse noch stärker in die Fachwelt zurückspielen, weil nur die entscheiden kann, ob das plausibel ist, was an Deutungen angeboten wird oder nicht. Die Marienkirche muss in die Fachwelt getragen und dort diskutiert werden. Der Kenntnisstand der weltweiten Forschung ist leider alles andere als aktuell.

Wer forscht denn an der Kirche?

Müller: Wenn irgendwo in der Welt über Karl den Großen und die Karolinger geforscht wird, schauen alle reflexartig nach Aachen, weil dort die mit Abstand größte Masse an Bausubstanz aus karolingischer Zeit versammelt ist, und auf die Marienkirche, weil das die Attraktion schlechthin ist. Das ist der Zauber des Orts: An Aachen kommt in dieser Hinsicht niemand vorbei.

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