St. Gallener Klosterplan wird Wirklichkeit

Von: Ulrich Simons
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Arbeiten wie im Mittelalter: Schreiner, Korbmacherinnen, Steinmetz und zwei „Zugmaschinen“. Foto: Jutta Hoffmann
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Nicht weniger als diese mittelalterliche Klosteranlage will der Aachener Bert W. Geurten mithilfe von Freiwilligen und ausschließlich unter Verwendung historischer Werkzeuge und Baumaterialien am Bodensee bauen.

Aachen/Meßkirch. 1200 Jahre vom Entwurf bis zur Baugenehmigung: Eine karolingische „Klosterstadt“ soll ab Juni am Rande der 8000-Einwohner-Gemeinde Meßkirch entstehen, 20 Kilometer nördlich vom Bodensee. Vorlage ist der legendäre St. Gallener Klosterplan aus dem frühen 9. Jahrhundert, gebaut werden soll wie zu Karls Zeiten mit historischen Werkzeugen und Baumaterialien.

Die Bauzeit ist auf 40 Jahre angesetzt. Initiator des Projektes „Campus Galli“ und „Bauherr“ ist der Aachener Journalist Bert M. Geurten.

1965 war Geurten gerade 16 Jahre alt, da fand im Krönungssaal des Rathauses eine Ausstellung zum 800-jährigen Jubiläum der Heiligsprechung Karls des Großen statt. Mit dabei: Ein Klostermodell nach dem jahrhundertealten Bauplan von St. Gallen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Danach hatte Geurten nur noch eine Idee: die Klosterstadt, die nur auf dem Pergament existierte, in natura nachzubauen. Der lange Weg endete schließlich in Meßkirch am Bodensee. In einem Waldstück am Ortsrand soll am 22. Juni der Startschuss für das Projekt fallen.

Das Maß des Aachener Domes

Eines der Probleme: Im St. Gallener Klosterplan ist kein Maßstab angegeben. Zudem ist er nur eine Grundrisszeichnung – sämtliche dreidimensionalen Interpretationen aus den folgenden Jahrhunderten sind mehr oder weniger Phantasieprodukte.

Für das Problem mit dem Maßstab fanden die Aachener eine „rheinische“ Lösung, frei formuliert nach der Devise: „Wenn nichts richtig passt, nehmen wir das, was am besten passt.“ Wissenschaftler hatten mehr als 100 Jahre versucht, hinter das Grundmaß der Pläne zu kommen und waren bei einem Maßstab von 1:160 gelandet, basierend auf dem altrömischen Fußmaß von 29,62 Zentimetern. Aber auch dahinter standen noch einige Fragezeichen.

Die Aachener wählten die nächstliegende Lösung, nachdem im vorigen Jahr das Grundmaß des Aachener Domes mit 32,24 Zentimetern entdeckt worden war, und bauen die Anlage jetzt nach dem „Aachener Königsfuß“ im Maßstab 1:144. Dass die Anlage erstmals in 3D entsteht, sehen die Planer eher als Vorteil: „Es kann uns nie einer nachweisen, dass es nicht so gewesen ist.“

Rund 30 Handwerker werden in der Startphase die ersten Projektschritte begleiten – in einer mitunter amüsanten Kombination aus karolingischer Bautechnik und Sicherheitsvorschriften des 21. Jahrhunderts. So sollen die Bauhelme unter Strohhüten verschwinden. Die Holzschuhe jener Zeit sind dagegen in Baden-Württemberg als Arbeitsschuhe anerkannt – nur nicht beim Schmied, weil sie Feuer fangen könnten.

Die Nachfrage hat alle Erwartungen übertroffen: „In der vorigen Woche hat sich der 125. Steinmetz bei uns gemeldet“, konnte Bert M. Geurten strahlend vermelden. Und auch Schmiede und Schreiner stehen Schlange, weil sie alle einmal ausprobieren wollen, wie das ist, so ganz ohne Maschinen zu arbeiten.

Mit Aachener Dom-Mörtel

Neben den festangestellten Bauleuten, darunter auch Langzeit-Arbeitslose und Behinderte, werden Gäste gerne gesehen, die mit anpacken. Die erste Gruppe, die im Sommer ins Mittelalter reist, kommt von der bischöflichen Akademie in Aachen. Auch der Aachener Dombaumeister Helmut Maintz hat sich bereits um das Projekt verdient gemacht und Bert M. Geurten das Mörtelrezept des Aachener Domes verraten.

Dass er die Fertigstellung seines Jugendtraumes wohl nicht mehr erleben wird, ist für Geurten kein Thema. Ihm würde es reichen, in Meßkirch begraben zu werden, und er wäre glücklich, wenn die Besucher dort hin und wieder ein Kerzchen für ihn anzündeten.

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