Sozialer Kampf am Kölner Chlodwigplatz

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
Protestcamp von „Deine Stadt
Protestcamp von „Deine Stadt - Köln” am Chlodwigplatz. Erst waren die Jugendlichen drei Wochen am Rudolfplatz an den Ringen, dann mussten sie umziehen. Aufgelöst werden kann das Zeltlager nicht ohne weiteres, auch wenn es manchem Anwohner und Passanten ein Dorn im Auge ist. Foto: Verena Müller

Köln. Eine merkwürdige Ansammlung von Igluzelten, Paletten, Zäunen mit Bannern und einem Info-Stand irritiert dieser Tage Passanten auf dem Chlodwigplatz in der Kölner Südstadt. „Selbstbestimmung jetzt” und „Wir sind keine Ware für Kapital und Staat” ist auf den Laken zu lesen, am Infostand tummeln sich Jugendliche.

Ein paar kabbeln sich. „Mach das noch einmal und du kriegst ne Faust”, sagt Nina gerade. Nina ist eine von rund 25 Jugendlichen, die erst drei Wochen am Rudolfplatz campiert hat und jetzt seit rund einer Woche in der Südstadt campieren. Und protestieren.

Täte sie letzteres nicht, könnte die Polizei sie sofort des Platzes verweisen. Noch darf sie sich aber unter der schützenden Hand von Artikel 8 mit Gleichgesinnten versammeln und ihre Meinung äußern. Vormittags geht sie in die Oberstufe und versucht ansonsten so oft es geht im „Protestcamp” von „Deine Stadt - Köln” vor dem Severinstor von ihren Grundrechten Gebrauch zu machen.

„Wir sind für die direkte Demokratie und für mehr Selbstbestimmungsrechte”, sagt sie und es klingt, als habe sie das schon tausend Mal gesagt. Mehr Volksentscheide, weg von der parlamentarischen Demokratie, basisdemokratisch organisieren, das sind ihre Schlagworte. Nina hustet. Erkältung vom Übernachten im Zelt? „Nein nein, Reizhusten”, sagt sie.

Bildung und Gesundheit

Neben ihr steht Sven, 22, auf eine Krücke gestützt. Eigentlich ist er Industriekaufmann, diese Woche hat er aber frei. „Vor allem im Bildungs- und Gesundheitswesen” müsse mehr in diese Richtung getan werden, sagt er, „und bei Arbeitnehmern”. Gewerkschaften, nein, das sei zu wenig.

„Jeder Arbeitnehmer sollte sich in seiner Firma einbringen können. Zum Beispiel könnte eine Gehalts-AG festlegen, wie viel Lohn gezahlt werden kann. Wenn es dann mal nicht so gut läuft und weniger gezahlt werden muss, können das die Leute auch viel besser akzeptieren”, meint er. Was er denn schon in seiner Firma bewegt habe? Sven holt Luft. „Noch nichts.” Wieso? Er überlegt. „Weil ich nicht weiß, ob meine Ideen alle so richtig sind. Aber deshalb haben wir ja auch hier so einen Dauerworkshop, um da­rüber zu diskutieren.” Und wenn man in der Firma mal eine Diskussion anstoßen würde? „Das könnte man machen, ja”, sagt Sven.

Vom Rudolfplatz verschwinden musste die Gruppe, die sich über Facebook formiert hatte, weil dort für Mitte Juli schon länger eine Veranstaltung angemeldet war. Das war bekannt und auch kein Problem. Für manche Anwohner am Chlodwigplatz ist es das aber schon. Sie haben sich bereits wegen Ruhestörung beschwert - auch wenn die Polizei vor Ort keine feststellen konnte. Geräumt werden kann der Platz aber nicht ohne weiteres, selbst wenn es mal laut werden sollte. „Sobald wir aber den Eindruck haben, dass es nur noch ums Trinken geht, werden wir dagegen vorgehen”, sagt Cathrine Maus, Sprecherin der Kölner Polizei. Oder wenn die Grundrechte Dritter tangiert werden. Aber das ist bislang nicht der Fall. Und von selbst mürbe scheinen die Kölner bislang nicht zu werden. Kürzlich riefen sie den „Karneval global” aus, eine Multikulti-Veranstaltung mit Tanz und Musik. 500 Leute seien dagewesen, sagen Nina und Sven.

Die Idee zu dem Protestcamp hätten die „sozialen Kämpfe in Spanien” geliefert. Aus Solidarität und um hier was zu verändern, hätten sie mitgemacht. Einige der campierenden Protestler waren zwischenzeitlich auch in Spanien.

Für Sven ist der Widerstand im Gegensatz zu Nina nur bedingt Neuland, er bewegt sich im linken Spektrum, ist oft auf Demos. Wie aus ihrem statischen Camp eine Bewegung werden soll, wissen die beiden im Grunde auch nicht genau. Erst einmal müsse ein Manifest her. Und irgendwie würden dann einfach immer mehr Menschen politisiert. Aber schon bei ihr an der Schule sei das schwierig, meint Nina. Die meisten ihrer Mitschüler hätten schlicht keine Meinung. Zu versuchen, mit ihnen zu diskutieren, sei zwecklos.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert