Sinti und Roma: „Im Zweifel immer die Diebe“

Von: Marco Rose
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Wünscht sich ein Outing prominenter deutscher Sinti: Roman Franz, Landesvorsitzender Sinti und Roma NRW. Foto: Marco Rose
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Roma-Mädchen im Kosovo: „Es ist ein Skandal, dass noch immer ganze Familien abgeschoben werden“, klagt Roman Franz im Interview. Foto: dpa

Düsseldorf. „Zick, zack, Zigeunerpack“: ein Schmähruf auf dem Schulhof, dessen Nachhall weiterhin schmerzt, auch nach vielen Jahrzehnten. Roman Franz, 65 Jahre alt und Landesvorsitzender der Sinti und Roma in NRW, steckt voll von Erinnerungen, die sich tief in die Seele eingefressen haben.

Es sind auch Bilder aus den Familienurlauben mit seinen Eltern und Geschwistern: Erinnerungen an eine Zeit, in der die Familie mit ihrem Wohnwagen nicht auf einem deutschen oder niederländischen Campingplatz geduldet wird. „Verboten für Zigeuner und Landfahrer“ ist dort im Nachkriegsdeutschland vielfach auf Schildern zu lesen. Franz denkt an Razzien, bei denen mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten den Wohnwagen im Urlaub umstellten. Das Bild des stehlenden Zigeuners verfolge Sinti und Roma bis in die heutige Zeit – gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Migrationsdebatte, klagt der Sinto im Interview mit unserer Zeitung. Von Politikern, Journalisten und Lehrern wünscht er sich mehr Sensibilität im Umgang mit einer Minderheit, die seit mehr als 600 Jahren in Deutschland heimisch ist.

Herr Franz, mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihre Heimat, auf Deutschland?

Franz: Mit gemischten. Manchmal habe ich hier einfach Angst.

Wie meinen Sie das?

Franz: Bei öffentlichen Auftritten werde ich von uniformierten Polizisten begleitet. Darauf lege ich Wert. Weil ich Angst habe.

War das schon immer so?

Franz: Das hat vor etwa 15 Jahren angefangen. Unsere Veranstaltungen sind schon wiederholt von Neonazis gestört worden.

Ihr Vater Hugo hat den NRW-Landesverband deutscher Sinti und Roma gegründet. Vor mehr als 20 Jahren haben Sie ihn in diesem Amt beerbt. Hat sich die Situation der mehr als 35 000 Sinti an Rhein und Ruhr seither denn nicht verbessert?

Franz: Wir merken, dass sich zumindest die Einstellung der deutschen Mehrheitsgesellschaft ändert, dass sich da etwas verbessert hat. Ich denke, diese Fortschritte sind vor allem auf unsere Öffentlichkeitsarbeit zurückzuführen; darauf, dass wir den Menschen erklären, was Sinti und Roma überhaupt sind. Zufrieden können wir aber noch nicht sein.

Warum nicht?

Franz: Jahrhunderte alte Klischees leben in den Köpfen der Menschen fort und werden von Eltern auf ihre Kinder übertragen. Vor drei Jahren saß mir zum Beispiel eine Gruppe von 15 Lehrern gegenüber. Ich habe sie gefragt, wer mir etwas über das Schicksal von Sinti in Deutschland sagen kann. 14 von 15 Pädagogen hatten keine Ahnung. Die Schüler selbst stellen bei Veranstaltungen oft sehr negative Fragen, die darauf schließen lassen, was sie zu Hause von den Eltern zu hören bekommen.

Sinti werden in Deutschland noch immer diskriminiert?

Franz: Nicht mehr in dem Maße wie in meiner Kindheit. Trotzdem ist es in der Regel von Nachteil, wenn sich Sinti outen. Als zehnjähriges Kind habe ich mir immer anhören müssen: „Geht doch dahin, woher Ihr gekommen seid!“ Ich habe mich dann immer gefragt, was die wohl damit meinen. Nur wenige Familien können urkundlich belegen, dass sie seit mehr als 400 Jahren in Deutschland leben.

Ihre Familie ist von den Nazis beinahe ausgelöscht worden.

Franz: 36 Angehörige meiner Familie sind in Konzentrationslagern umgekommen. Mein Vater war zunächst im KZ Oranienburg-Sachsenhausen, dann in Groß-Rosen, im März 1945 kam er in das Konzentrationslager Leitmeritz bei Theresienstadt. Er hat überlebt.

Wie hat Ihre Familie in Deutschland nach dieser Tragödie wieder Fuß fassen können?

Franz: Mein Vater hat nach dem Krieg als Geschäftsführer bei der Hochseilshow Traber gearbeitet. Wir waren deshalb in ganz Europa unterwegs. Mit etwa 55 Jahren hat er ein Grundstück in Rösrath bei Köln gekauft. Mein Vater hatte einen Campingwagen, weil das in der Branche halt so üblich war. Der Wagen stand also neben der Baustelle, weil wir auf diese Weise ein Hotel sparen konnten und mein Vater am Bau mitgearbeitet hat. Er hatte eine Baugenehmigung, im Gegensatz zu vielen seiner Nachbarn. Schnell gab es Getuschel und Missgunst. Die Nachbarn waren sehr neugierig und fragten, woher wir denn kämen. Mein Vater antwortete dann immer: „Aus Bozen, Meran.“ Er hatte dunkles, welliges Haar und eine leicht braune Hautfarbe. Das passte, man hat es ihm abgekauft. Er hat sich im Ort schnell integriert und war überaus beliebt. Später wurde er Schützenkönig und Karnevalsprinz. Außerdem war er erster Vorsitzender im Kegelclub. Nach ein paar Jahren kamen dann wieder diese Fragen: „Sag mal Hugo, wir glauben nicht, dass Du Italiener bist. Also was bist Du?“ Er sagte schließlich: „Ihr würdet mich Zigeuner nennen. Ich bin aber Sinto.“ Da herrschte allenthalben ungläubiges Staunen. „Ein Zigeuner? Wie das? Du kannst doch lesen und schreiben.“

Hatte dieses Outing für Ihren Vater Nachteile?

Franz: Eigentlich nicht. Er war damals schon zu beliebt. Hätte er sich dagegen von Anfang an zu erkennen gegeben – er wäre sicher nie so akzeptiert worden.

Und wie sieht es heute aus?

Franz: Neun von zehn Sinti werden diskriminiert, wenn sie sich outen. Auch heute noch.

Man mag sich das in einer aufgeklärten Gesellschaft gar nicht vorstellen.

Franz: Aber leider Gottes ist es so. Wenn sie einem Arbeitgeber sagen, dass sie Sinto sind, ist das sehr problematisch. Dann sind sie im Zweifelsfall immer der Dieb. Und so ist es auch schon Künstlern ergangen, als sie sich geoutet haben.

Sinti führen in Deutschland also noch immer ein verstecktes Leben?

Franz: Das ist sehr unterschiedlich. Wir haben natürlich viele Freunde aus der Mehrheitsgesellschaft, es gibt auch Verheiratungen. Wir kapseln uns nicht völlig ab. Aber es gibt Sinti, die unter sich bleiben wollen. Unsere Sprache wird auch heute noch ausschließlich in den Familien weitergegeben. Wir wollen keine eigenen Schulen, wir sind deutsche Staatsbürger. Wir wollen nur unser Recht als deutsche Staatsbürger.

Daniel Strauß vom Zentralrat deutscher Sinti und Roma wünscht sich eine Aktion, in der sich 200 Sinti gemeinsam outen und sagen: „Seht her, wir sind Sinti!“ Eine gute Idee?

Franz: Bestimmt! Aber man kann niemanden dazu zwingen.

Was würde ein Outing bringen?

Franz: Die Mehrheitsgesellschaft würde sehen: Die haben auch Bürgermeister oder Fußballstars in ihren Reihen! Dass Sinti gute Musik machen, wissen ja alle. Mehr aber auch nicht. Ich habe festgestellt: Wer Sinti persönlich kennt, der hat ein ganz anderes Bild von uns.

Dieses Bild wird derzeit in den Medien oftmals von Roma-Flüchtlingen bestimmt, die aus Osteuropa zu uns kommen.

Franz: Zunächst gilt: Diese Leute dürfen zu uns kommen. Das haben wir, die Europäer, selbst so gewollt. Zweitens: Ein so großes Problem stellt das doch gar nicht dar! Es wird von den Medien hemmungslos aufgebauscht. Es gibt da Brandstifter, die immer wieder Öl ins Feuer gießen. Und drittens: Warum kommen diese Menschen hierhin? Warum verlassen sie ihre Heimat? Weil sie dort keine ärztliche Versorgung haben und unter erbärmlichen Bedingungen leben. Weil sie überhaupt keine Rechte genießen. Sie gelten vielerorts als vogelfrei, man kann mit ihnen machen, was man will. Deshalb verlassen diese Roma ihr Land. Und das würden wir auch tun, wenn wir unter solchen Bedingungen leben müssten.

Was kann die Politik tun, damit sich diese Situation bessert?

Franz: Die Politik in NRW kümmert sich ganz gut um die Flüchtlinge. Ich habe viele Gespräche mit den Oberbürgermeistern und anderen Lokalpolitikern der betroffenen Städte geführt. Man ist bemüht, zunächst jenen Menschen das Handwerk zu legen, die die Flüchtlinge schamlos ausnutzen – sprich Vermieter und Schlepper. Das sind Betrüger, die sich auf Kosten der Armutsflüchtlinge bereichern. Auch von der Mehrheitsgesellschaft bekommen wir engagierte Hilfe. Ich wünsche mir außerdem, dass unsere Außenpolitiker in Osteuropa viel stärker auf die Einhaltung der Menschenrechte pochen, damit die Roma dort ihr Land erst gar nicht verlassen müssen. Und schließlich ist es ein Skandal, dass noch immer ganze Familien in den Kosovo abgeschoben werden. Man muss doch allen Menschen, die in unser Land kommen, eine faire Chance geben.

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