Aachen - Singen gegen die erdrückende Traurigkeit

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Singen gegen die erdrückende Traurigkeit

Von: Sabine Rother
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Wie klingt die eigene Stimme, wenn man sich die Ohren zuhält? Im Rahmen des Projekts „Singen mit psychisch Kranken“ sammeln Patienten der Klinik für Psychiatrie am Uniklinikum Aachen neue Erfahrungen. Die Stunden mit Chorleiter Harald Nickoll sind spannend. Foto: Ralf Roeger
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Nehmen die wissenschaftliche Auswertung vor: Psychologin Ute Habel, Klinikchef Frank Schneider und Harald Nickoll von der Musikschule.

Aachen. „Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König . . .“ – kräftiger Gesang erfüllt den nüchternen Aufenthaltsraum der Psychiatrischen Klinik am Universitätsklinikum Aachen. Der Kanon mit seiner munteren Melodie verlockt zum Mitsingen. Für einen Moment stehen die Sorgen der Menschen, die hier mitmachen und zumeist an schweren Depressionen oder anderen psychischen Störungen leiden, nicht mehr im Vordergrund.

Gesang als Therapie? „Dazu gibt es noch keine offizielle Studie“, sagt Klinikchef Professor Frank Schneider. Unter dem Motto „Singen mit psychisch Kranken“ hat er daher ein ambitioniertes Projekt ins Leben gerufen, das seine Klinik mit der Musikschule Aachen zusammenführt.

Durch die persönliche Verbindung zu Harald Nickoll, Leiter der Musikschule und des Kammerchors Carmina Mundi, stand rasch der Entschluss fest, ein bisher einmaliges Angebot für Patienten zu schaffen, bei dem sich Wissenschaftler und Musikpädagogen auf Augenhöhe begegnen.

Die fachliche Auswertung und Umsetzung zu einer Studie übernimmt Professor Ute Habel, Leitende Psychologin der Klinik. Finanziert wird das Projekt mit 15.000 Euro aus der Stiftung der Sparkasse Aachen. „Der naturwissenschaftliche Beweis entscheidet darüber, ob man das Singen in Zukunft als Therapie anerkennt“, betont Schneider. „Wir wissen aber bereits, dass beim Singen Gehirnzentren für positive Empfindungen aktiviert werden.“

Zweimal in der Woche treffen sich zurzeit zwei Gruppen von jeweils vier bis acht Personen für 30 Minuten. Und das kann dann so klingen: „Aaaoaaa“, stimmt Nickoll einen Ton an, den er wie eine Kostbarkeit mit beiden Händen vorsichtig „umschließt“ und von Person zu Person in der Gruppe „weiterreicht“. Alle machen mit, auch Verena Kuck, die an der Universität Maastricht eine Masterarbeit über das Projekt schreibt. Wo der Ton ankommt, tönt er im Teilnehmer weiter. „Das ist befreiend, denn durch den Klang entwickelt sich eine unverkrampfte neue Form von Kommunikation“, sagt Nickoll.

Seine Arbeit als Musikpädagoge, ob mit Patienten oder Chormitgliedern, setzt beim Körpergefühl an, bei der Wahrnehmung von Schwingungen, beim bewussten Atmen. „Wir kreisen sogar mit dem Becken, die Lockerung der Lendenmuskulatur gehört dazu, um den Flow, den ungehemmten Energiefluss, zu erreichen“, erklärt er. „Auch das Zwerchfell ist Träger von Emotionen“, betont er.

Die eigene Stimme singend so zu erkennen, wie das Umfeld sie hört, ist für die meisten irritierend. Nickoll begleitet sie dabei. „Jeder Einzelne hört zwar seine Stimme, aber das ist nicht der Klang, der die anderen erreicht. Dieser Klang ist nur in uns selbst, unser inneres Gehör“, erklärt der Musikpädagoge. Immer noch erklingt das große „Aaaoaaa“.

Danach wandern die Hände an die Ohren, sie werden ein wenig zugehalten, dann wieder geöffnet. Und plötzlich ist alles still, denn die Gruppe horcht auf das, was man rundum hört – einen knarrenden Stuhl, Schritte, Stimmen, das Klappern eines Rollwagens auf dem Stationsflur – Welt eben.

Verstärkte positive Selbstwahrnehmung, die Harmonisierung von Körper und Psyche in kleinen Einheiten ist Ziel dieser Übungen. „Ein besonderes Gefühl für Menschen, die in einer Depression alles nur schwarz sehen“, meint Schneider. „Die meisten gehen verändert aus so einer Stunde.“

Stichwort Kommunikation: „Jetzt drücken wir beim Refrain mal alle die Enter-Taste“, sagt Nickoll schmunzelnd in die Runde. Die Teilnehmer sind verwundert, aber Nickoll zeigt, was er meint. Der Schlussteil des Kanons – „. . . ist ein König“ – klingt für ihn wie ein Statement, das man, wie Nickoll sagt, aufmunternd an den anderen weitergeben sollte. Resolut stützt er dabei also singend die Hände in die Hüften und schaut seiner Nachbarin aufmunternd ins Gesicht – die andern tun es ihm gleich und haben ihren Spaß. „Selbst die Mimik wirkt sich auf das Gehirn aus“, betont er. „Wir sind keine Therapeuten, aber Melancholie und Traurigkeit weichen in den Übungsstunden musikalischer Begeisterung.“

Einige Patienten, die den Klinikaufenthalt hinter sich haben, wollen weiterhin in einem Chor singen. Ein 20-Jähriger, der zu Anfang extrem skeptisch war, wird sogar bei einem Popchor-Projekt mitmachen. Noch bis April 2015 läuft das „Singen mit psychisch Kranken“. Wie geht es weiter? Frank Schneider würde das therapeutische Angebot gern aufrechterhalten.

„Wenn ich bei einer Visite mit schwer depressiven Patienten spreche, ist oft das Singen der einzige Lichtblick“, berichtet er. „Eine Insel, ein Fenster, das man vielleicht noch weiter öffnen kann.“ Der Antrag auf Förderung durch die Robert-Enke-Stiftung läuft. Stiftungsziel ist die Erforschung, Behandlung und Aufklärung von Depressionserkrankungen.

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