Sing‘s noch einmal, Debbie Schippers

Von: Jan Mönch
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Debbie Schippers in ihrem Elternhaus in Geilenkirchen: „Die ist total geerdet“, sagt Vater Albert über seine plötzlich berühmt gewordene Tochter. Der Hund heißt Struppi. Foto: Markus Bienwald

Geilenkirchen. Manchmal, ganz selten, fallen Steine lautlos. Dann nämlich, wenn Sie vom Herzen kommen. Wenn eine gewaltige Last von jemandem abfällt. Debbie Schippers aus Geilenkirchen hat einen solchen Moment hinter sich. Rot wie eine Tomate leuchtete der Buzzer vor Alec Völkel von The BossHoss, er schlug kräftig zu. Und Debbie war erlöst, beinahe.

Einige Töne musste sie noch singen, das Stück zu Ende bringen, dann durfte sie ausatmen, durchatmen. „Ich bin Debbie Schippers aus Geilenkirchen“, stieß sie hervor. „Oooh Gott!“

Die Ausstrahlung der Folge von „The Voice of Germany“ liegt zwei Wochen zurück. In Debbies Leben ist etwas Ruhe eingekehrt, vorübergehend. Sie hat die zweite Runde der Castingshow von Pro7 und Sat.1 erreicht. Berühmt, ein bisschen zumindest, ist sie jetzt schon. Für kurze Zeit vergisst Debbie das schon mal. Zum Beispiel dann, wenn sie am Geilenkirchener St.-Ursula-Gymasium im Klassenraum sitzt. „Und dann fällt mir plötzlich ein, dass ich weitergekommen bin.“ Dass Wildfremde sie auf der Straße ansprechen, nicht nur in der Heimat, sondern auch in Köln oder neulich in München. Dass es da draußen Menschen gibt, die ihr die Daumen drücken. Die ihre Stimme mögen.

Geboren wurde Debbie Schippers in Heerlen, aufgewachsen ist sie in Geilenkirchen. Hier lebt die 16-Jährige bis heute, zusammen mit Vater Albert, Stiefmutter Judith und Schwester Amber. Jüngstes Mitglied im Haushalt ist Familienhund Struppi. Im kommenden Jahr steht das Abitur an, Debbie hat die Leistungskurse Deutsch und Englisch belegt. Danach würde sie gerne Psychologie studieren: „Ich will wissen, was in den Köpfen abgeht.“ Nun allerdings könnte es ja auch mit einer Gesangskarriere klappen, auch wenn Debbie daran nicht glauben mag. Noch nicht. Dass für die meisten Teilnehmer an Casting-Shows nicht mehr als fünf Minuten Ruhm he­raussprangen, ist ihr durchaus klar. „Aber die machen ja trotzdem ihr Ding, auch wenn sie nicht mehr im Fernsehen sind.“

„The Voice“ sei ohnehin die einzige Sendung dieser Art gewesen, die für sie in Frage kam. Natürlich würden die Teilnehmer kritisiert, aber konstruktiv, das Heruntermachen von Kandidaten wie bei Dieter Bohlen sei nicht Bestandteil der Sendung. Und überhaupt seien „alle total lieb“.

Die Minuten, bevor Debbie über die Bildschirme der Nation flimmerte, verbrachte sie mit ihrer Vocaltrainerin hinter der Bühne. „Brand New Me“ von Alicia Keys sollte es sein. Mit „so einer Klavier-App“ auf dem Smartphone brachte die Trainerin sie auf den richtigen Ton, denn „wenn man auf dem falschen Ton anfängt, ist man raus“. Und dann? „Dann wurde noch ein bisschen am Outfit gezubbelt und es ging raus auf die Bühne.“

Die Erinnerungen daran, was in den folgenden Minuten geschieht, ist weniger exklusiv. Ein Millionenpublikum sieht zu, als Debbie die ersten Töne von „Brand New Me“ anstimmt. Jurymitglied Alec zieht die Augenbrauen hoch. Debbie singt. Jurymitglied Nena nickt im Takt. Debbie singt. Alec raunt seinem Nebenmann etwas zu, seine Lippen scheinen die Worte „echt gut“ zu formen. Debbie singt noch immer. Alecs Hand schwebt über dem Buzzer. Er zögert noch. Dann schlägt er zu. Nun singt Debbie nicht mehr. Sie kreischt, sie jubelt, lässt alles raus, Druck, Anspannung, Nervosität. Sie ist weiter. Und ein bisschen berühmt.

Und doch ganz einfach Debbie. „Den einen Tag hast Du Fotoshootings und Bühne und Publikum, am nächsten Tag heißt es ‚Debbie, komm‘ mal an die Tafel‘“, sagt sie und lacht. Ihre Mitschüler seien stolz auf sie, Geilenkirchen auch, Freunde und Familie sowieso. Was macht das mit einem jungen Menschen, wenn er plötzlich in einer Metropole wie München erkannt wird? Mit Debbie offenbar nicht viel. „Die ist total geerdet“, sagt ihr Vater. Und der wäre sicher der erste, der Sorge bekunden würde, wenn die denn angebracht wäre.

Zum Singen kam Debbie, als sie zwei oder drei Jahre alt war. Der Vater hatte damals einen Computer mit Aufnahmegerät. „Sing‘ doch mal“, forderte er Debbie auf. Debbie sang. Und hörte nie wieder auf. Bald bekamen die Eltern immer vor dem Zubettgehen ein Ständchen – Gutenachtlieder mal anders herum.

Die erste eigene Band, der Name war Fudge, hatte Debbie im Alter von elf oder zwölf Jahren, die zweite Band, die Long Johns hieß, mit 15, es gab Auftritte bei Stadtfesten. Und nun also „The Voice“, ohne Band, Debbie solo. Beinahe 6000 Fans hat Debbie bei Facebook innerhalb kürzester Zeit gesammelt, und eigentlich müsste man noch diejenigen mitzählen, die irrtümlich den zahlreich kursierenden Fake-Seiten ein „Like“ verpasst haben.

„Willst Du nicht umkehren?“

Auf der korrekten Seite lud Debbie kürzlich die frühkindlichen Gesangsversuche hoch, die ihr Vater einst aufnahm. So schließt sich der Kreis, könnte man sagen – allerdings hat Debbie noch einiges vor. Zu allererst muss sie natürlich bei „The Voice“ ausscheiden. Davon, dass sie ausscheidet, geht sie nämlich fest aus. Davon ging sie allerdings auch schon vor der ersten Runde aus. „Bei ‚The Voice‘ sind so viele gute Leute dabei, da hätte ich nie gedacht, dass Debbie Schippers aus Geilenkirchen eine Chance hat“, sagt Debbie. Und genauso vor dem Auftritt bei der Scouting-Tour des Senders, bei der entschieden wurde, wer teilnehmen darf und wer nicht. Das war im Frühjahr, Debbie kränkelte. „Willst Du nicht einfach umkehren?“, fragte sie die Stiefmutter unterwegs auf der Autobahn nach Köln. Sie wollte nicht, Gott sei Dank.

Würde die Geschichte genauso weitergehen, müsste Debbie also als Siegerin aus „The Voice of Germany“ hervorgehen. Doch daran, das beteuert sie glaubhaft, verschwendet sie keinen einzigen Gedanken. „Das ist doch völlig abwegig.“ Wer weiß: Vielleicht behält sie ja weiterhin Unrecht.

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