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Sie ist gerettet. Sie ist wieder glücklich.

Von: Christian Rein
Letzte Aktualisierung:
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„Ich bin wieder ich”: Kathleen Zürner trägt noch eine Perücke. Aber ihr Spiegelbild zeigt die Aachenerin fast schon wieder so wie vor ihrer Krankheit. Foto: Marco Rose

Aachen. Von dem Menschen, der ihr das Leben gerettet hat, weiß Kathleen Zürner kaum etwas. Ein paar Zeilen auf einer Postkarte verraten, dass es eine Frau aus dem Süden Deutschlands ist, eher jünger, wie die Handschrift nahelegt.

Sie schreibt von ihrem Kind und davon, dass sie glücklich darüber ist, einem anderen Menschen helfen zu können. Mehr nicht. Kein Name, keine Adresse, kein Foto. Das ist im Gesetz so festgelegt.

Ohne die Knochenmarkspende der Frau wäre Kathleen Zürner wahrscheinlich gestorben. Die Aachenerin hatte akute lymphatische Leukämie, eine seltene Form von Blutkrebs.

Seit einer Woche gehe es ihr „anhaltend gut”, hat sie Anfang Dezember in einer E-Mail berichtet. Kurz darauf hat sie am Telefon gesagt, sie sei wieder „vorzeigbar”. Nun sitzt Kathleen Zürner in der Küche ihrer Wohnung, und man muss schon genau hinsehen, um die Spuren der Krankheit und der Chemotherapie zu entdecken: die blasse Haut, die dünnen Augenbrauen, die kurzen Wimpern. Die 25-Jährige deutet auf ihren Kopf und sagt lächelnd: „Natürlich ist das eine Perücke. Es braucht eben länger, bis die Haare wieder nachgewachsen sind.” Man muss schon sehr genau hinsehen.

„Christ der Retter ist da”, heißt es im wohl bekanntesten deutschen Weihnachtslied „Stille Nacht”. Niemand könnte es Kathleen Zürner verdenken, wenn sie gerade in diesen Tagen sentimental werden würde. Retterin? „Natürlich hat mir diese Frau aus Süddeutschland das Leben gerettet. Sie ist meine Heldin.” Ein bisschen nüchtern klingt das. Und doch ist es diese leise Art von Kathleen Zürner, die zeigt, wie tief die von ihr empfundene Dankbarkeit ist. In zwei Jahren, wenn die gesetzliche Informationssperre abgelaufen ist, will Kathleen Zürner versuchen, ihre Heldin über die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) ausfindig zu machen. „Ich würde sie einfach sehr gerne kennenlernen.”

Die Diagnose Leukämie hat Kathleen Zürner Anfang Juni erhalten. Da hatte sie schon drei Wochen lang Krankheitssymptome, auf die sich kein Arzt so recht einen Reim machen konnte. Bis die ältere Schwester Susanne Brunthaler sie schließlich ins Universitätsklinikum Aachen gefahren hat. Dort wurde sofort mit einer Chemotherapie begonnen.

Familie, Freunde, Hoffnung

Parallel dazu startete die Suche nach einem geeigneten Knochenmarkspender, denn nur mit der Transplantation von Stammzellen kann die Krankheit besiegt werden. Mit Hilfe der DKMS wurde eine Typisierungsaktion in Aachen gestartet. Gesucht wird ein Mensch mit möglichst ähnlichen genetischen Merkmalen. Die Nadel im Heuhaufen. Auch Kathleen Zürners Arbeitgeber, das Eventmanagement der Mayerschen Buchhandlung in Aachen, sowie die Aktion „Menschen helfen Menschen” unserer Zeitung haben sich an der Aktion beteiligt. Vor allen Dingen aber hat Kathleen Zürners Bruder Michael Schönau nichts unversucht gelassen, um einen Spender zu finden.

In Zürners Küche hängt eine großformatige Collage aus Fotos von Freunden an der Wand. Es sind fröhliche Bilder von entspannten, glücklichen, manchmal auch albernen Menschen. Noch vor wenigen Wochen hing diese Collage in ihrem Krankenzimmer in einer Klinik in Essen. Dorthin musste Kathleen Zürner im Oktober für die Stammzell-Transplantation. Weit weg von Freunden und Verwandten lag sie mehrere Wochen völlig abgeschottet, weil ihr Immunsystem „auf Null gefahren” war und sie sich auf keinen Fall mit Keimen infizieren durfte. Nur ihr Verlobter Dirk Jakobs durfte ins Zimmer. Selten. Aber was sind das auch schon für Besuche, in Spezialkleidung mit Mundschutz? Das Paar hat am Ende lieber über das Bildtelefon im Internet miteinander gesprochen.

Eine tödliche Krankheit, gegen die man aus eigener Kraft nichts ausrichten kann. „Als ich die Diagnose erhalten habe, war ich schockiert”, sagt Kathleen Zürner. Im Alter von vier Jahren hatte sie bereits eine andere Form von Leukämie. Niemals hätte sie gedacht, dass sie solch eine Krankheit noch einmal bekommen würde. Aber die Erfahrung hat Kathleen Zürner geholfen: „Schon als Kind haben die Medikamente bei mir gut angeschlagen. Als ich gemerkt habe, dass das jetzt wieder so ist, dass die Therapie gut verläuft, hat mir das Hoffnung gegeben”, sagt sie.

Ganz ausgestanden ist die Krankheit noch nicht. Es wird noch einige Monate dauern, bis das Immunsystem von Kathleen Zürner wieder seine volle Stärke erreicht hat. Bis dahin muss sie sich an strenge Regeln halten, muss vor allen Dingen auf ihre Ernährung und auf Hygiene achten. Sie darf Fremden nicht die Hände schütteln und soll sich auch nicht unter vielen Menschen aufhalten. Wenn sie einkaufen geht, muss sie einen Mundschutz tragen. Deshalb ist auch eine große Genesungsfeier noch nicht möglich. Weihnachten verbringt Kathleen Zürner bei den Eltern, im kleinen Kreis. Es ist ein ruhiger Start in das neue Leben nach der Krankheit.

Stammzell-Spender werden weiterhin gesucht

Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) ist eine gemeinnützige Gesellschaft mit Hauptsitz in Tübingen. Mit rund 2,3 Millionen Spendern ist sie die weltweit größte Datei mit Stammzellspendern. In den vergangenen 19 Jahren hat sie rund 23.600 Transplantationen von Stammzellen ermöglicht.

Für eine Transplantation von Stammzellen ist es wichtig, dass die Gewebemerkmale von Spender und Empfänger möglichst gut übereinstimmen. Dafür ist eine Typisierung eines potenziellen Spenders erforderlich. Diese erfolgt über eine Blutabnahme. Jede einzelne Typisierung kostet die DKMS 50 Euro. Deshalb ist die Gesellschaft auch auf Geldspenden angewiesen.

Oft reicht für die Stammzellspende eine Blutabnahme. Wenn Knochenmark entnommen werden muss, dann erfolgt dies aus dem Beckenknochen, nicht aber über das Rückenmark.
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