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Severinsviertel in Angst: „Wem können wir noch glauben?”

Von: Markus Peters, ddp
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Köln / Stadtarchiv / Einsturz
Blick auf das eingestürzte Wohnhaus in Köln, das mit dem Historischen Stadtarchiv in die Tiefe gerissen wurde. Nach dem Einsturz des Historischen Stadtarchivs werden noch zwei Menschen vermisst. Foto: dpa

Köln. 3000 Stühle hatten die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) am Freitagabend in einer Messehalle am Rheinufer aufstellen lassen. Doch nur rund 250 Anlieger der Severinstraße in der Kölner Südstadt waren der Einladung von Stadtverwaltung und KVB gefolgt, um sich über den folgenschweren Gebäudeeinsturz in ihrer Nachbarschaft informieren zu lassen.

Bei der sehr emotionalen Veranstaltung wurde schnell deutlich, wie verunsichert die Menschen in diesem urkölschen Stadtviertel über den Bau der umstrittenen Stadtbahnlinie unter ihren Straßen und Häusern sind - und wie groß ihre Wut über die Politik und die Verkehrsbetriebe ist. So fragte ein Besucher Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU): „Wie garantiert die Stadt, dass die U-Bahn sicher ist?”

Der Bau der 4,3 Kilometer langen U-Bahn-Trasse in der Südstadt gilt als mögliche Ursache des Unglücks, bei dem am Dienstag das vierstöckige Gebäude des Stadtarchivs sowie zwei benachbarte Häuser eingestürzt waren. Dabei wurden vermutlich zwei junge Männer verschüttet und getötet.

KVB-Vorstand Walter Reinarz verteidigte das Bauvorhaben. Durch die neue Stadtbahn würden ab dem Jahr 2011 rund 60.000 Kölner zusätzlich mit dem öffentlichen Nahverkehr in die Innenstadt gebracht. Dies werde zu einer deutlichen Entlastung der Verkehrssituation führen. Das Bauvorhaben werde seit 20 Jahren vorbereitet, auch sei die Stadtbahn vom Kölner Stadtrat mit großer Mehrheit beschlossen worden.

Sollte aber die anstehende Untersuchung durch unabhängige Gutachter ergeben, dass der Weiterbau nicht zu verantworten sei, dann werde auch nicht weiter gebaut, versicherte Reinarz. Auch verwies er darauf, dass die Verkehrsbetriebe ein gerichtliches Beweissicherungsverfahren beantragt hätten, um so die Schuldfrage von neutraler Stelle klären zu lassen.

Unangenehmen Nachfragen konnte er damit aber nicht ausweichen. So fragte ein Anlieger: „Können Sie mir sagen, welcher Abschnitt der Stadtbahntrasse überhaupt noch sicher ist? Ich glaube Ihnen gar nichts mehr.”

„Ich wünsche mir, dass die Vorstandsposten bei der KVB nach Sachverstand und Ingenieurskönnen vergeben werden, und nicht nach Parteibuch„, sagte ein anderer Anwohner. Reinarz verwahrte sich energisch dagegen. Der 51-Jährige war vor einem Jahr von seinem Amt als Vorsitzender der Kölner CDU zurückgetreten. Zuvor waren Details aus seiner großzügigen Pensionsregelung als KVB-Vorstand bekanntgeworden.

Auch Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) musste sich scharfe Kritik anhören. Sie habe sich so gefreut, dass Schramma am Morgen nach dem Unglück einen sofortigen Baustopp für die U-Bahn gefordert hatte, sagte eine Frau. Es sei ihr deshalb unverständlich, dass das Stadtoberhaupt von dieser Forderung inzwischen wieder abgerückt sei: ”Wie können Sie verantworten, weiterzubauen, wenn nicht geklärt ist, was passiert ist?”

Schramma räumte ein, dass er seine Forderung unter dem Eindruck der Unglücksstelle aufgestellt hatte. Mittlerweile hätten ihn die Experten der KVB davon überzeugt, dass ein sofortiger, kompletter Baustopp gerade unter Sicherheitsaspekten kontraproduktiv wäre: „Ich muss mich da auf die Menschen und den Sachverstand der KVB verlassen.”

Eine „100 Prozent sichere Baustelle” gebe es leider nicht, sagte ein weiterer KVB-Verantwortlicher.

Für die Menschen aus der Südstadt waren diese Antworten zu wenig: „Wie wird es erst sein, wenn in zwei Jahren alle paar Minuten die U-Bahn unter unseren Füßen fährt„, fragte eine von ihnen. ”Wie sollen wir den Fachleuten vertrauen, nachdem was passiert ist?”
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