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Schweinegrippe: Experten warnen vor Sorglosigkeit

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
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Nicht jeder Schnupfen muss eine Schweinegrippe sein: Der Aachener Internist Dr. Gerhard Jacobs macht in seiner Praxis viele Erfahrungen mit dem Stimmungsbild rund um das Virus. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Nur 15 Prozent der Menschen in Nordrhein-Westfalen wollen sich „ganz sicher” gegen die Schweinegrippe impfen lassen. Das hat eine Studie der Deutschen Angestellten-Krankenkasse ergeben.

Die Angst vor dem H1N1-Virus sei „relativ gering”, so das Ergebnis der Umfrage unter 1001 Befragten. Experten sind von dem Trend wenig überrascht - zumal die Grippewelle nach Angaben der AOK Rheinland abebbt.

Während das Land derzeit die Herausgabe von 400.000 Portionen Impfstoffen ab Anfang Oktober plant, richtet sich das Gesundheitsamt Aachen - ungeachtet des geringen Interesses in der Bevölkerung - auf die logistische Herausforderung der ersten Zuteilung von 5000 Portionen ein: „Wir fragen den Bedarf in Krankenhäusern, Arztpraxen, Apotheken, ambulanten Diensten, psysiotherapeutischen Praxen, JVA, Polizei und Feuerwehr etc. ab und kümmern uns natürlich im Vorfeld um die apothekengerechte Lagerung”, sagt Verena Bochat, Leiterin der Abteilung Infektionsschutz.

Die Gründe der geringen Akzeptanz der Impfung sieht sie „im bislang milden Verlauf der Schweinegrippe”. Und ist sicher: „Sobald es einen Todesfall geben wird, ändert sich das rapide.”

Bislang erkrankten in Deutschland laut Robert Koch-Institut exakt 17790 Menschen an dem Virus, in NRW 5429, in Stadt und Kreis Aachen 160, im Kreis Heinsberg 107, im Kreis Düren 31 - wobei die Dunkelziffer jeweils erheblich höher sein dürfte. Dass es bislang zu keinen Todesfällen kam, steht im Kontrast zur „normalen” saisonalen Virusgrippe, an der jährlich tausende Menschen sterben.

„Deren Verlauf ist vielfach wesentlich schwerwiegender als zumindest bislang bei der Schweinegrippe”, weiß der Aachener Internist Dr. Gerhard Jacobs, der ebenfalls bestätigt, dass „unter meinen Patienten die Impfung gegen Schweinegrippe kein großes Thema ist”.

Mit Blick auf die vielen Todesfälle bei der „normalen” Grippe, gibt Jacobs zu bedenken, dass es sich dabei „überwiegend um ältere Menschen handelt”, im Fall der Schweinegrippe aber „insbesondere die Altersgruppe 15 bis 30 Jahre” betroffen sei.

Doch so oder so: „Ohnehin gibt es im Moment bei dem schönen Wetter der letzten Zeit nur wenige Verdachtsfälle und kaum Infekte”, sieht Jacobs einen weiteren Grund dafür, dass das Interesse an der Impfung so gering ist. Zudem spüre er bei seinen Gesprächen mit Patienten, „dass die Menschen verunsichert sind, weil der Impfstoff so neu ist”.

Exakt diese Bedenken untermauert auch der Informationsdienst für Ärzte und Apotheker, der „mit dem unzureichend erprobten Impfstoff”, der rund eine Milliarde Euro koste, sogar „einen Großversuch” wittert, der „bedenklich” sei. Es würden „Lokalreaktionen wie Schwellung und Schmerzen an der Injetionsstelle” drohen - wie auch „Kopfschmerzen, fieber und Schüttelfrost”.

Auch Gabi Neumann, die Vorsitzende des Apotheker-Verbandes Aachen, sieht in solchen Befürchtungen einen Grund der Zurückhaltung: „Es herrscht eine gewisse Unsicherheit, weil das alles auf die Schnelle passiert und der Impfstoff wenig getestet wurde.”

Ihre Kunden würden zum Selbstschutz „eher von Handdesinfektionen und Atemmasken” Gebrauch machen: „Das verkaufen wir vielfach.” Kollegin Angelika Jansen, Inhaberin der Gregorius-Apotheke, musste sogar die Erfahrung machen, „dass keine meiner Mitarbeiterinnen sich impfen lassen wollen”.

Die Bedenken an der Tauglichkeit des Impfstoffes hält Bernd Claßen, stellvertetender Regionaldirektor der AOK Rheinland in Aachen „für einen Medizinerstreit”. Seine Krankenkasse fahre eine klare Linie, die da wäre: „Keine Übertreibung, keine Panikmache, aber auch keine Verharmlosung.”

Erst Recht mit Blick darauf, „dass die Schweinegrippe bei uns noch gar nicht richtig angekommen” sei, halte er die derzeitige Strategie für richtig: „Erst die Impfung der Risikogruppen, dann die der breiten Bevölkerung”.

Auch Verena Bochat vom Gesundheitsamt warnt vor voreiligen, entwarnenden Schlüssen und trügerischer Sicherheit: „Viren sind mobile Gesellen, sie mischen sich untereinander, mit plötzlich ganz anderen Folgen - das ist das Problem, mit dem man in Zukunft rechnen muss.”

Ähnlich argumentiert der Ärztliche Direktor des Aachener Marienhospitals, Professor Dr. Thomas Möllhoff, für den „der Zeitpunkt noch verfrüht ist, diese Diskussionen zu führen”.

Im Moment stelle sich die Problematik „noch sehr ambivalent dar”. Er selber habe für sich und seine Familie fünf Portionen Impfstoff bestellt, aber: „Ob wir davon Gebrauch machen, hängt von der weiteren Entwicklung ab.”
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