„Schreiben ist für mich eine Art von Therapie”

Von: Joachim Zinsen
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Aachen. Welche Sprache sprechen eigentlich Schutzengel? Marie und José redeten Französisch. Sie waren belgische Bauern, ganz einfache Menschen. Doch für Helmut und Heinz Clahsen gewannen sie überirdische Größe. Monatelang versteckten die Eheleute die beiden Halbjuden vor den Nazis. Sie setzten ihr eigenes Leben aufs Spiel, um die Kinder aus Aachen vor der drohenden Deportation, vor dem Tod zu retten.

Homburg, Mergelland: Keine 20 Kilometer von der deutsch-belgischen Grenze entfernt liegt ein kleines Wasserschloss inmitten weiter Wiesen. Heute zu einer luxuriösen Wohnanlage ausgebaut, war das Anwesen vor Jahrzehnten ein Bauernhof. Im Sommer 1943 wurden der damals 13-jährige Helmut und sein zwei Jahre jüngerer Bruder von Ordensbrüdern aus dem nahen Völkerich auf das Gehöft gebracht. Ein winziges, muffiges, karg möbliertes Zimmer war jetzt ihr Versteck.

Wenn Helmut Clahsen heute über die Zeit erzählt, merkt man, wie immer noch eine tiefe Unruhe in ihm aufsteigt. Seine Hände arbeiten ebenso schnell wie seine Erinnerungen. „Wir waren verlaust, hatten Geschwüre am ganzen Körper, unsere Füße waren in Lappen eingewickelt”, erzählt Clahsen. „Mein Bruder und ich durften aus Sicherheitsgründen das Zimmer nur nachts verlassen. Dann konnten wir für ein, zwei Stunden im Innenhof spielen.” Rührend muss sich Marie um die beiden Jungs gekümmert haben. „Sie hat uns das Essen gebracht, mit uns gesungen und immer in einem aufmunternden Ton geredet, obwohl wir kein Wort verstanden”, sagt Clahsen. Trotzdem habe er sich die ganze Zeit wie in einem Gefängnis gefühlt. Allein schon wegen der unendlichen Langeweile. „Wir hatten nur Karten und ein Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel, um uns zu beschäftigen, mehr nicht”, erinnert sich Clahsen.

Tagsüber waren drei kleine, tief in den dicken Mauern liegende Fenster die einzige Verbindung der Brüder zur Außenwelt. Geöffnet werden durften sie nicht. Zu groß war die Gefahr, dass deutsche Pa­trouillen die Kinder hätten entdecken können. Und trotzdem schlichen sich die Brüder immer wieder an die Fenster. „Im Sommer haben wir die Leute beobachtet, die auf den Wiesen und Feldern arbeiteten”, erzählt Clahsen. „Aber der Herbst war schrecklich. Alles war leer und grau. Um uns zu beschäftigen, haben wir die Blätter gezählt, die von den Bäumen fielen, und uns anschließend stundenlang darüber gestritten, wie viele es waren.”

Nur kurz wiedergesehen

Warum sich Marie und José damals in Lebensgefahr brachten, weiß Clahsen bis heute nicht. War es ein bewusster Widerstandsakt des Ehepaars gegen die deutschen Besatzer? War es religiöse Überzeugung? War es reine Menschenliebe? Wurden sie von den Mönchen vielleicht bezahlt? Reden konnte Clahsen mit seinen beiden Rettern über ihre Motive nie. Nachdem die Jungs im Februar 1944 in ein anderes Versteck gebracht worden waren, hat Clahsen die beiden nur ein einziges Mal - in der Schmuggelzeit nach dem Krieg - kurz wiedergesehen. Ob sie für ihren Einsatz geehrt wurden, wie ihre richtigen Namen lauteten, auch das weiß der 80-Jährige bis heute nicht. „Alle Leute, bei denen die Ordensbrüder aus Völkerich gefährdete Kinder versteckten, hießen Marie und José”, sagt Clahsen. „Gehandelt wurde immer nach dem Prinzip: Je weniger die Kinder und die Retter voneinander wissen, desto geringer ist die Gefahr, dass sie über die anderen etwas preisgeben können, sollten sie von den Nazis erwischt werden.”

Dass Helmut und sein kleiner Bruder „Heini” die Zeit des braunen Terrors zumindest physisch heil überleben konnten, haben sie neben Marie und José auch anderen couragierten Menschen zu verdanken. Clahsen, heute Schriftsteller in Aachen, hat einige von ihnen in seinem Erfolgsbuch „Mama, was ist ein Judenbalg?” schon vor Jahren vorgestellt. In diesen Kindheitserinnerungen, die mittlerweile zehntausende Mal verkauft wurden und den Weg bis in das Archiv der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gefunden haben, gibt es eine zentrale Gestalt: Maria Maaßen. Im Buch heißt sie nur Tante Mary. Die Geschäftsfrau besaß einen kleinen Lebensmittelhandel am Seilgraben in Aachen. Sie war eine enge Freundin von Clahsens jüdischer Mutter, ließ sich nie von dem auch in der alten Kaiserstadt grassierenden Rassenwahn der Nazis anstecken.

Jahrelang organisierte die Frau für die beiden Kinder immer neue Verstecke. Auch ihr Tun ist nie von offizieller Seite gewürdigt worden. Dabei war der Mut dieser Dame her­ausragend. Denn in demselben Haus, in dem sie mit ihrem Mann den Lebensmittelladen betrieb, wohnte eine Schwester von Helmuts Vater. „Fast der gesamte katholische Teil meiner Verwandtschaft war rasend antisemitisch”, erinnert sich Clahsen. „Er hat meinen Vater die ganze Zeit gedrängt, uns Kinder zu verstoßen, damit die Familie endlich judenrein sei. Tante Mary wurde von der Sippschaft erpresst. Sie musste den Leuten Lebensmittel zuschieben, damit wir nicht an die Gestapo verraten wurden.”

Maria Maaßen war es auch, die die Jungs an die Ordensbrüder im Aachener Johannes-Höver-Haus vermittelte. Die Franziskaner nahmen damals zahlreiche Kinder auf, die in den Augen der Nazis einen Makel hatten - Kinder aus „asozialen” Verhältnissen, jüdische oder behinderte Kinder - „unwertes Leben”, wie es im Jargon der braunen „Herrenmenschen” hieß. Auch für die Ordensbrüder war das ein lebensgefährliches Unterfangen. Ständig drohten ihnen „Besuche” der Gestapo, zunächst im Höver-Haus, später dann in ihrem Konvent im belgischen Völkerich, wo viele der „Kloster-Kinder” ab 1943 versteckt wurden.

Rund 40 verschiedene Zufluchtsorte fand Clahsen in der Zeit der Verfolgung. Zahlreiche Episoden seiner Odyssee hat er heute wieder vor Augen. Da war der Senior der Familie Lafaire, die an der Neupforte in Aachen ein Fuhrunternehmen betrieb. Als Nazi-Schergen Helmut verfolgten, versteckte der alte Mann den Jungen in einer Futterkiste. Da war die Lehrerin Anna Löhrer, die Helmut und seinen Bruder in kleine Soldatenuniformen steckte, um die beiden leichter über die deutsch-belgische Grenze nach Völkerich schmuggeln zu können. Da waren die Ordensschwestern im Eifelörtchen Höfen, die den Jungen in Decken und einen Altarteppich wickelten, um ihn auf einem Schlitten in ein neues Versteck zu bringen. Da war der belgische Bauer, der Helmut auf seinem Karren transportierte und ihn zur Tarnung unter einem Leinensack und einem Berg von Kuhdung versteckte.

Erinnerungsarbeit

„Mit zunehmendem Alter sind immer mehr Erinnerungen hochgekommen”, hat Clahsen festgestellt. „Oft waren sie quälend. Auch deshalb habe ich angefangen zu schreiben. Schreiben ist für mich eine Art von Therapie.” Nicht allen hat seine Erinnerungsarbeit gefallen. „Meine katholischen Verwandten haben den Kontakt zu mir abgebrochen, weil ich in meinem Buch das Verhalten ihrer Vorfahren in der Nazi-Zeit geschildert habe”, sagt Clahsen. „Sie konnten die Wahrheit nicht ertragen.”

Von jüdischen Familienmitgliedern hat er hingegen keine Reaktionen erhalten. Wie denn auch? Nur zwei seiner 74 Angehörigen haben Auschwitz und andere Nazi-Lager überlebt. Ihnen standen kei­ne Schutzengel zur Seite.

Film über Helmut Clahsen wird uraufgeführt

Den stillen Retternvon Helmut und Heinz Clahsen ist jetzt ein filmisches Denkmal gesetzt worden. Zusammen mit dem Historiker Herbert „Rübi” Ruland von der Autonomen Hochschule der deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien ist Helmut Clahsen nochmals die Orte seiner Kindheit und seiner Verstecke abgegangen. Entstanden ist eine 60-minütige Dokumentation. Ihr Titel: „Von Schutzengeln auf zwei Beinen und Verrätern in der eigenen Familie.” Der Film wird am Dienstag, 17.Mai, um 19.30 Uhr im Jünglingshaus in Eupen, Neustraße, uraufgeführt.
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