Schramma im Interview: „Man wird zur Zielscheibe”

Von: kr
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Köln. Einen Tag nach seinem Rücktritt von der Oberbürgermeister-Kandidatur für die Kommunalwahl im August haben Nicole Stötzel und Christian Deppe mit Kölns OB Fritz Schramma gesprochen.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Entscheidung?

Schramma: Ganz viele Menschen haben sich gemeldet, auch Freunde aus Asien, aus der Türkei, aus Amerika. Schon im Vorfeld kamen ganz viele Blumensträuße und Briefe an, die sagten, ich solle durchhalten. Nach der Entscheidung kam dann der Tenor durch: Respekt, wie du es gemacht hast. Wir können es verstehen.

Spüren Sie Abschiedsschmerz?

Schramma: Für mich ist das kein Abschied. Mir geht es gut. Ich bin sehr tatendurstig, gesund und kräftig. Es gibt noch so viel zu tun.

Wann war der Moment, in dem Sie gesagt haben, ich sollte das Handtuch werfen?

Schramma: Das war ein langer Prozess, aber entschieden habe ich es am Wochenende. Ich wollte das mit meiner Frau in Ruhe besprechen.

Gab es einen Auslöser?

Schramma: Als klar wurde, ich bin Zielscheibe, da kommen Pfeile auf mich zu. Leute, die es auch treffen könnten, treten zur Seite, weil sie wissen, dahinter ist eine ganz große Zielscheibe und das ist der OB. Dann kommt der Punkt, an dem Sie merken, jetzt ist die Zielscheibe bald voll. Unter den massiven Einschlägen habe ich natürlich sehr gelitten. Und vor allem meine Frau. Wir haben eine Pro- und Kontra-Liste gemacht. Die entscheidenden Tropfen war die skurrile Abhöraffäre, wo sich fünf von sieben Beigeordneten plötzlich öffentlich gegen mich stellen. Dabei sind sie dem Wohl der Stadt verpflichtet. Als ich am Samstagmorgen gelesen habe, die NRW-CDU rückt ab und hinter meinem Rücken werden schon Namen gehandelt, war ich sehr enttäuscht.

Fühlen Sie sich von der CDU im Stich gelassen?

Schramma: Von der hiesigen nicht. Von der Landes-CDU hätte ich mir mehr Unterstützung und Offenheit erwartet. Diejenigen, die mit den Hufen scharren und mich kritisieren, hätten mich mal anrufen sollen.

Haben Sie versucht, mit Ministerpräsident Rüttgers zu sprechen?

Schramma: Er ist nicht ans Telefon gegangen. Ich habe es von Samstagmittag bis nachts um 1 Uhr versucht und auch am Sonntagmorgen noch einmal. Das war eine herbe Enttäuschung.

Waren Sie auch von Konrad Adenauer enttäuscht?

Schramma: Wer zuerst den Kopf raus hängt, ist verbrannt. Konrad Adenauer hat sich und mir keinen Gefallen getan. Mit einem solchen Amt so umzugehen, dass ich mich einerseits anbiedere auf dem Markt und dann aber bei der ersten konkreten Nachfrage Nein sage, da würde sich sein Großvater im Grabe umdrehen. Das entspricht nicht der Würde des Amtes eines Kölner Oberbürgermeisters.

Gibt es Umstände, unter denen Sie sich vorstellen können, frühzeitig zurückzutreten?

Schramma: Nein, ich will bis zum 20. Oktober OB bleiben.

Wenn Sie auf die letzten vier Wochen zurückschauen, was würden Sie anders machen?

Schramma: Vielleicht in der Kommunikation das eine oder andere. Vielleicht hätte ich mich manchem Interview nicht so schnell stellen sollen an der Baustelle, wobei ich inhaltlich nichts zurücknehmen würde. Es waren eben sehr emotionale Momente. Manches wurde aber auch falsch zitiert: Ich habe die Gesamtverantwortung beispielsweise nie geleugnet. Ich habe mich auch nie von dieser U-Bahn distanziert.

Waren Sie zwischendurch wütend auf die KVB?

Schramma: Auch, natürlich. Ganz besonders in der Phase, in der ich vom Zurückhalten von Informationen erfuhr. Unabhängig davon, ob die Inhalte relevant gewesen sind. Aber alleine dadurch, dass ich sage, ich will Transparenz, darf so etwas doch nicht passieren. Das war keine vertrauensschaffende Maßnahme.

Sie stehen auf Platz eins der Ratsliste. Werden Sie kandidieren?

Schramma: Ich will mir mit dieser Entscheidung noch ein bisschen Zeit lassen. Die Option halte ich aber offen. Da gibt es ja spannende Möglichkeiten in der Fraktion.

Was stellen Sie sich vor?

Schramma: Es wird sicherlich nicht die Hinterbänklerposition sein. Mehr will ich dazu noch nicht sagen.

Würden Sie Baudezernent Bernd Streitberger rauswerfen, wenn Sie Unternehmenschef wären?

Schramma: Dafür ist das Vergehen - und es war das erste in der Form - nicht Grund genug. Allerdings muss ich ihn mit dem Disziplinarverfahren in die Schranken weisen. Ich kann es nicht ungeahndet lassen, es ist in der Öffentlichkeit geschehen. Jeder andere Mitarbeiter, der das sieht, und der Chef der Verwaltung handelt nicht, der kommt morgen und sagt, wenn das so ist, kann doch hier jeder fernhalten, verschweigen, die Unwahrheit sagen.

Das Kandidatenkarussell dreht sich bei der CDU. Was muss Ihr Nachfolger mitbringen?

Schramma: Er muss auf der einen Seite Oberstadtdirektor sein können, Verwaltungserfahrung haben, Menschen führen können. Das zweite ist das Amt des Oberbürgermeisters, was mit den Menschen in Köln und außerhalb zu tun hat. Die Frage ist, ob das beides zusammenpasst.

Das ist ein hohes Anforderungsprofil. Wer kann das in der Kölner CDU?

Schramma: Im Moment habe ich noch keinen Namen. Unter denjenigen, die gehandelt worden sind, waren welche, die das sicherlich könnten. Wolfgang Bosbach traue ich das zu, aber der hat das Problem, dass er sich für etwas anderes entschieden hat und im Bundestag eine Karriere vor sich hat. Die Auswahl wird schwierig.

Werden Sie sich bei der Kandidatensuche einschalten?

Schramma: Man wird mich fragen. Ich bin immer noch einer der Spitzenleute der CDU. Das nehme ich auch in Anspruch, deswegen werde ich auch mitreden.

Ist Ihnen eine Last von den Schultern gefallen?

Schramma: Ich war manchmal fertig von der physischen und psychischen Belastung. Wenn ich kein Verantwortungsgefühl gehabt hätte, hätte ich das nicht an mich ran lassen brauchen. Daran sehen Sie, dass ich mich der Verantwortung von Anfang an gestellt habe.
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