Schlachthof droht das Aus: „Schikane geht auf keine Kuhhaut!“

Von: Rudolf Müller
Letzte Aktualisierung:
4793386.jpg
Wird derzeit technisch noch einmal aufgepeppt: die Fixierungsbox im Eschweiler Schlachthof. Foto: R. Müller
4793379.jpg
Muss seine Rinder jetzt in Viersen schlachten lassen und hohe Transportkosten auf sich nehmen: Fleischhändler und Genossenschaftssprecher Klaus Philippi. Foto: R. Müller

Eschweiler/Aachen. Er ist einer von ganz wenigen Schlachthöfen im Land, die biozertifiziert sind. Ein Zeichen dafür, dass Tiere unter besonderer Beachtung des Tierschutzes getötet werden – denn das macht sich auch in der Qualität des Fleischs bemerkbar. Jetzt trägt ausgerechnet Eschweilers Schlachthof den Makel mangelnden Tierschutzes – zum Unverständnis der Betreiber.

Am 4. Januar hat das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz die Tötung von Rindern hier auf unabsehbare Zeit untersagt. Weil das Geschäft mit Rindfleisch für den Betrieb existenziell wichtig ist, droht dem Schlachthof das Aus.

Was war passiert? Schon vor rund einem halben Jahr waren europaweit Schlachtbetriebe wie die Fleischversorgung Eschweiler (FVE) auf eine zum 1. Januar 2013 in Kraft tretende EU-Verordnung hingewiesen worden, die sich mit der Notwendigkeit von Tötungsboxen befasst, in denen Großvieh fixiert wird, ehe der tödliche Bolzenschuss fällt. Die Eschweiler Genossenschaft wurde sofort aktiv: „Wir haben eine Box entwickelt, die den Anforderungen gerecht wurde“, betont Sprecher Klaus Philippi. „Dazu gehört die größtmögliche Einschränkung der Kopf-Beweglichkeit.“ Noch im vergangenen Jahr nahm der Schlachthof die Box in Betrieb – am 17. Dezember, sagt Philippi, habe das Veterinäramt der Städteregion Aachen diese als in Ordnung abgenommen. Es kam der 2. Januar: Während ein Mitarbeiter des Landesamtes die Szene mit einer Kamera verfolgt, befreit sich ein Bulle aufgrund eines technischen Fehlers aus der Kopffixierung. „Der Bulle hat sich auf den Hintern gesetzt – mehr ist nicht passiert“, sagt Philippi. Pech für die FVE: Das Landesamt kontrolliert nur alle fünf bis sieben Jahre – und nun ausgerechnet in diesem Moment. Das Foto reichte als Beleg: Der Schlachthof wurde weitgehend stillgelegt.

Dabei war der Eschweiler Schlachthof weit und breit der einzige, der die Tötungsbox überhaupt schon abgenommen und in Betrieb hatte. Was dazu führt, dass die meisten der Rinder jetzt in Schlachtstätten getötet werden, die laut Philippi über gar keine Kopffixierung verfügen. „Das ist widersinnig“, sagt Philippi. „Tierschutz darf nicht nur für uns gelten, sondern überall, wo geschlachtet wird, unabhängig von der Zahl der Tiere.“

Dass die FVE unmittelbar nach der Stilllegungsverfügung begann, die Box zu verbessern, hilft nur wenig: Aufgehoben wird die Verfügung erst nach einer Begutachtung der Anlage durch das renommierte Beratungs- und Schulungsinstitut für Tierschutz bei Transport und Schlachtung „bsi Schwarzenbeck“. Das aber hat erst Ende Februar die Zeit, sich in Eschweiler umzusehen. Weil gerade jetzt – mit dem Inkrafttreten der EU-Verordnung – Dutzende von Schlachthöfen in ganz Deutschland auf die Abnahme ihrer Tötungsboxen warten. „Wenn hier zwei Monate die Großviehschlachtung stillliegt, sind wir am Ende“, sagt Philippi, der seine Rinder derzeit im inzwischen ebenfalls biozertifizierten Viersen schlachten lässt. Was mit erhöhten Transportkosten für ihn verbunden ist, während der Eschweiler Schlachthof mit deutlichen Mindereinnahmen auskommen muss. „Die Rinderschlachtung war die Haupteinnahmequelle für die Genossenschaft“, sagt Philippi. „Uns fehlen jede Woche rund 7000 Euro Schlachtgebühren. Unsere 25 Mitarbeiter wollen bezahlt werden, und diejenigen, die Fleisch auf Kilobasis zerlegen, kommen jetzt auf 600 oder 700 Euro im Monat statt auf 2000 – das reicht vorne und hinten nicht.“

Ein Problem haben auch die Biobauern der Region: „Die wissen nicht, wohin mit ihren Tieren“, sagt Philippi. Er hat inzwischen einen Anwalt eingeschaltet, der mittels Einstweiliger Verfügung das Schlachtverbot aufheben lassen will. „Wenn ein Bulle aus der Fixierung geht und sich auf den Hintern setzt, ist das noch lange keine Tierquälerei, das passiert überall“, betont Philippi: „Die Fixierungstechnik wird bereits weiter verbessert. Wir sind selbst in höchstem Maß interessiert, möglichst schonend zu schlachten. Bei uns gibt es keine Massenproduktion, keine Fließbandarbeit, keine ständig wechselnden Kolonnen, sondern nur Handarbeit – bei acht Rindern je Stunde.“

Mit Unverständnis reagiert Wolfgang Flachs, Obermeister der Aachener Fleischerei-Innung, auf die Entwicklung am Eschweiler Schlachthof. „Ich kann nicht nachvollziehen, warum man aus Gründen des Tierschutzes dem Betrieb untersagt, Rinder zu schlachten“, sagt Flachs. Denn nun müssten die Tiere über weite Strecken zu Schlachthöfen außerhalb der Region transportiert werden. „Der Stress, den die Tiere bei den langen Transporten erleben, kann wohl kaum im Sinne des Tierschutzes sein“, sagt Flachs. Außerdem habe er sich im Laufe der Jahre stets von der hochwertigen Qualität, mit der in Eschweiler gearbeitet werde, überzeugen können.

Die Betroffenen in Eschweiler fühlen sich derweil schon aus persönlichen Gründen verfolgt. Seit etwa drei Jahren werde der Schlachthof von Mitarbeitern des Veterinäramts geradezu schikaniert. „Die Sache mit der Fixierungsbox ist das Tüpfelchen auf dem i“, ist Philippi besonders auf Amts-Mitarbeiter E. sauer. „Herr E. hat uns nacheinander bei sämtlichen Ämtern angeschissen – ohne nennenswerten Erfolg; die haben alle eine zufriedenstellende Antwort von uns bekommen.“ So habe E. der FVE die Berufsgenossenschaft auf den Hals gehetzt, weil die Böden angeblich nicht in Ordnung waren. Die prüfte – und stellte das Gegenteil fest. Auch angebliche arbeitsrechtliche Mängel hätten sich als unzutreffend he­rausgestellt. Philippi: „Diese Schikane geht auf keine Kuhhaut!“

Obermeister Flachs rät zur Sachlichkeit. „Der Schlachthof in Eschweiler ist für die gesamte Region von immenser Wichtigkeit. Wenn er schließt, ist die Versorgung der Region mit Fleisch aus der Region nicht mehr gewährleistet“, so Flachs.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert