Viersen - „Schatzi, unsere ganze Terrasse!”: Tornado-Schock am Niederrhein

alemannia logo frei Teaser Freisteller

„Schatzi, unsere ganze Terrasse!”: Tornado-Schock am Niederrhein

Von: dpa
Letzte Aktualisierung:
Nach_Wirbelsturm_am_57352645.jpg
Auch Wohnwagen wurden nicht verschont. Foto: Theo Titz/dpa
Nach Wirbelsturm
Ein bei einem Wirbelsturm abgedecktes Hausdach im Ortsteil Boisheim. Ein Tornado hat im Raum Viersen gewütet. Foto: Marius Becker
tornado viersen
Ein Tornado ist am Mittwochabend durch den Kreis Viersen gezogen. Foto: Twitter/BigWiesel92
Verwüstung
Auch Bäume riss der Wirbelsturm um. Foto: Federico Gambarini
20180516_00013abf5249b993_IMG_4619.jpg
In Effeld und Steinkirchen sorgten starke Regenfälle für Probleme. Foto: CUH
20180516_00013abf5249b993_IMG_4618.jpg
In Effeld und Steinkirchen sorgten starke Regenfälle für Probleme. Foto: CUH
20180516_00013abf5249b993_IMG_4625.jpg
In Effeld und Steinkirchen sorgten starke Regenfälle für Probleme. Foto: CUH
Unwetter Waldfeucht
In Schöndorf in der Gemeinde Waldfeucht hat es Hagelschauer gegeben. Foto: jas

Viersen. Die Schockmomente des Tornados sitzen vielen Menschen am Niederrhein in den Knochen. Zahlreiche Handyvideos zeigen, wie Anwohner den dunklen Wirbelsturm erlebten. „Schatzi, unsere ganze Terrasse”, ruft eine aufgebrachte Frau in Viersen in einem Video einem Mann zu, zeigt ihm durchs Fenster die Verwüstung: „Die Birke ist weg.” Draußen schweben Papier und andere Abfälle meterhoch. Eine Männerstimme: „Boah, was alles durch die Gegend fliegt. (...) Alle Bäume gehen fliegen.” Nach diesem folgenschweren Wirbelsturm vom Mittwochabend mit zwei Verletzten und zahlreichen beschädigten Häusern sind die Aufräumarbeiten nun in vollem Gange.

„Die Stadt hat unheimliches Glück gehabt. Es ist weitgehend bei Sachschäden geblieben”, sagte ein Stadtsprecher am Donnerstag. Keines der Häuser in der Stadt sei einsturzgefährdet, alle Menschen hätten zu Hause übernachten können. Der Tornado, der am Mittwochabend über den Raum Viersen gefegt war, deckte nach Stadtangaben allein in dem Stadtteil Viersen-Boisheim die Dächer von etwa 40 bis 50 Häusern ab, rund 150 Menschen sind von den Schäden betroffen. Ein Autofahrer wurde schwer und ein Feuerwehrmann leicht verletzt.

Der Sturm hatte die Stadt völlig überraschend getroffen. Er hatte auf der sogenannten Fujita-Skala für Tornados von Null bis fünf die Stärke F1 (117 bis 180 km/h). Das reichte, um Bäume umzulegen und Hunderte Dachziegel wie Geschosse durch die Luft fliegen zu lassen.

Zum Glück seien die Leute in den Häusern geblieben und nicht von den Ziegeln getroffen worden, sagte der Stadtsprecher. „Jeder Tornado kann lebensgefährlich sein”, sagte Andreas Friedrich, Tornadobeauftragter des Deutschen Wetterdienstes (DWD).

„Wir gehen davon aus, dass die Aufräumarbeiten relativ schnell abgeschlossen sein werden”, sagte der Stadtsprecher. Die Schadenshöhe lasse sich aber noch nicht abschätzen. Am Donnerstag arbeiteten überall in der Stadt Dachdecker. „Nach Pfingsten könnten alles schon wieder aussehen wie vorher”, sagte der Sprecher.

Der Wetterunternehmer Jörg Kachelmann spricht auf seiner Internetseite von einem sehr eindrucksvollen Tornado. Videos im Internet zeigen, wie sich ein gigantischer dunkler Rüssel durch die Landschaft schraubt. Ein Autofahrer filmt die unmittelbare Kraft. Matthias Habel von wetteronline.de berichtete, dass sich entlang einer Gewitterlinie im Westen Deutschlands einer der größten Tornados der letzten Jahre in Deutschland gebildet hat.

Angst? Ein Mann in Boisheim, der früh morgens Dachziegel zusammenfegt, sagt knapp: „Da hatten wir keine Zeit zu. Das kam und war auch schon wieder weg. Ich habe noch versucht, die Rollos runterzulassen”, zeigt er zum Fenster im ersten Stock mit dem schief in der Führung hängenden Rollladen.

Auch Rudolf Amende hat es getroffen. Er erzählt von der Verwirrung des ersten Moments: „Wir wussten erst nicht, was passiert.” Seine Frau Tilly wollte noch schnell ihr neues Auto in die Garage stellen. Aber da kam sie schon nicht mehr zur Haustür raus. „Vielleicht war es Glück”, sagt sie. Dachziegel fallen da schon reihenweise vom Dach, ein Fenster wird ins Haus gedrückt, Splitter einer Fensterscheibe landen im Bett. Die Vogelvoliere draußen im Garten - ein Trümmerhaufen, die Kanarienvögel weg. Das neue Auto, so gut wie hin. Aber die Amendes sind heil.

Anders als die beiden Männer in Nettetal, die am Mittwochabend verletzt werden: Ein Feuerwehrmann erleidet einen Stromschlag. Und ein Autofahrer wird beim Aussteigen von herunterfallenden Baumästen schwer verletzt.

In Boisheim trauert Oskar Jalda. Sein Hausdach hat viel abbekommen, auch der Wintergarten. Aber er trauert um seine prächtigen Obstbäume, die der Wirbelsturm umgelegt hat. Trotz der beeindruckend starken Wurzeln, die jetzt auf der Wiese liegen. Er wird keine neuen Bäume mehr setzen: „Bis die tragen, bin ich bei Petrus”, sagt der 88-Jährige und lächelt.

Am Abend gesperrte Straßen und Schienen waren am Donnerstagmorgen weitestgehend wieder frei. Auf der Autobahn 61 rolle der Verkehr, es gebe keine Sperrungen mehr, sagte eine Polizeisprecherin. Nach Angaben von Straßen.NRW waren zwei Landstraßen, die nach Viersen-Boisheim führen, zunächst nicht wieder befahrbar. „Auf einer Straße liegt ein komplettes Wäldchen”, sagte eine Sprecherin. Die Aufräumarbeiten könnten bis zu einer Woche dauern.

 

Tornado advancing on a stopped car. (Viersen, Germany, 16/05/2018) from r/WeatherGifs

 

Das Unwetter hatte sich nach ersten Polizeiangaben innerhalb von etwa 10 bis 15 Minuten abgespielt. „Ein sehr eindrucksvoller Tornado zog über den Landkreis Viersen im Westen von NRW hinweg, er richtete hier einige Schäden an”, teilte der Wetterunternehmer Jörg Kachelmann auf seiner Internetseite mit. In Deutschland seien in diesem Jahr bisher mindestens sechs Tornados beobachtet worden.

 

Die Homepage wurde aktualisiert