Sauerland-Terrorprozess: Rädelsführer packt aus

Von: Frank Christiansen, dpa
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Prozess gegen Sauerland-Gruppe
Der Angeklagte Fritz G. (M.) steht am Montag (10.08.2009) zwischen seinen Anwälten Dirk Uden (l.) und Hannes Linke im Verhandlungssaal des Oberlandesgerichtes in Düsseldorf. Foto: dpa

Düsseldorf. Am Ende des Tages wird Fritz G. vehement. Auf die Frage des Richters, ob es ihm und seiner Gruppe beim Dschihad nur darum gegangen sei, möglichst viele Ungläubige zu töten, versichert er mindestens vier Mal, dass dies „total falsch” sei.

Es gehe beim Heiligen Krieg darum, die amerikanische oder die russische Armee anzugreifen, um das Leid der Muslime zu lindern, betont der Unternehmersohn aus Ulm am Montag bei seinem lange erwarteten Geständnis vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht.

Die deutsche Bevölkerung sollte nur eine „allerletzte Warnung” erhalten: Mit einer gewaltigen Autobombe in einem Flughafen-Parkhaus habe man für einen Tag die Einstellung des Flugverkehrs über Deutschland erzwingen wollen. „Das wäre so eine Prestigesache gewesen” - um den Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan zu erzwingen.

Mehr als drei Stunden lang berichtet der 29-Jährige von seinem manchmal zufälligen Weg über Syrien und den Iran in die Terrorcamps zu „pakistanischen Taliban” und schwer bewaffneten Mudschahedin nach Pakistan und schließlich ins Sauerland-Dorf Oberschledorn.

Sachlich, detailliert. Von religiösem Fundamentalismus ist nichts zu spüren, von Reue allerdings auch nicht - im Gegenteil. Er gesteht, der Islamischen Dschihad-Union als „Leiter der Operation in Deutschland” die Treue geschworen zu haben. Dass es nicht geklappt hat, sei „Allahs Wille”.

Ursprünglich habe er im Irak oder in Tschetschenien in den Heiligen Krieg ziehen wollen, das sei jedoch nicht gelungen, schildert der zum Islam konvertierte Deutsche. Bei seiner dreimonatigen Terror- und Kampf-Ausbildung in der Region Waziristan sei er aber davon überzeugt worden, dass es besser sei, Anschläge in Europa zu begehen. „Auch bei El Kaida gab es damals keinen Europäer, der die Möglichkeit hatte, Anschläge in Europa zu begehen. Wir haben uns bereiterklärt, weil es niemand anderen gab.”

Sie hätten aber nicht aus den pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet abreisen wollen, ohne „Frontluft” geschnuppert zu haben. Dabei habe er auch schon als Test einen 100-Gramm-Sprengsatz auf Wasserstoffperoxid-Basis gezündet. Im Grenzgebiet zu Afghanistan hätten sie dann „Präsenz gezeigt”, und ein Teil der Gruppe habe auch mal eine US-Basis beschossen.

Es sei ihnen aber nicht gelungen, die US-Soldaten zum Verlassen der Basis zu bewegen, um sie anzugreifen. Stattdessen seien sie selbst unter Mörserbeschuss geraten.

G. hat die Lacher auf seiner Seite, als er berichtet, wie auffällig sich der Verfassungsschutz bei seiner Observation benommen habe: „Die konnte man nicht übersehen.”

Als Komplize Atilla S. an einem Observationswagen den Reifen zerstochen habe, sei der ganze Tross davongebraust und habe die Überwachung abgebrochen. „Zehn Autos, die Straße war plötzlich leer.”

Obwohl sie wussten, dass sie den Argwohn von Geheimdiensten und Polizei geweckt hatten, hätten sie sich im Sauerland sicher gefühlt und gedacht, dass sie für ihre Verfolger abgetaucht und unsichtbar seien.

Dass bei der Routinekontrolle einer Polizeistreife die Polizisten per Funk zurückgepfiffen wurden, hätten sie sogar noch mitbekommen, aber nicht für möglich gehalten, dass dahinter das Bundeskriminalamt steckte.

„Wir hätten merken müssen, dass etwas faul ist”, resümiert der 29- Jährige und endet bei seiner spektakulären Festnahme durch die Eliteeinheit GSG 9 im Sauerland. „Den Rest kennen sie ja.”
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