RWTH und Forschungszentrum: Viel Geld für zwei kühne Visionen

Von: Axel Borrenkott
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Viel Gehirn: Hunderte europäische Forscher setzen nun all ihre Kreativität ein, um den menschlichen Denkapparat zu verstehen – und mit dem „Wundermaterial“ Graphen möglichst viel anfangen zu können. Foto: Imago

Aachen/Jülich. Mit großen Zahlen und kühnen Visionen umzugehen, ist der RWTH und dem Forschungszentrum Jülich durchaus vertraut. Doch die beiden Projekte, an denen sie nun beteiligt sind, übersteigen an Größe und Ehrgeiz alle bisherigen. Europa nimmt sich vor, in zehn Jahren das gesamte menschliche Gehirn nachzubauen sowie die Computertechnologie zu revolutionieren.

Zwei Milliarden Euro sollen für diese gigantischen Versprechen mobilisiert werden. Der Erfolgszwang ist enorm. Um Europa global wettbewerbsfähig zu halten und möglichst auf einzelnen Gebieten führend zu machen, soll die FET-Flagship-Initiative der EU-Kommission Wissenschaftlern ermöglichen, besonders ehrgeizige Ziele mit richtig viel Geld langfristig zu verfolgen. FET steht dabei für „Future und Emerging – künftige und gerade auftauchende – Technologien.

Heute Mittag wird die EU-Kommission offiziell verkünden, dass aus insgesamt 30 Vorschlägen der im MaI 2011 gestarteten Initiative das „Human Brain Project“ und „Graphen“ den Zuschlag erhalten.

Die Simulation des gesamten menschlichen Gehirns folgt dabei einer Idee des aus Israel stammenden Neurophysiologen Henry Markram von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne, der nun auch das gesamte Projekt leitet.

Wundermaterial Graphen

Alles in allem sind daran 135 wissenschaftliche Einrichtungen aus 24 Ländern beteiligt, darunter 33 deutsche Forschungsstätten. Neurowissenschaftler, Informatiker, Physiker, Mathematiker und Ärzte wollen innerhalb von zehn Jahren das komplette menschliche Gehirn detailgetreu genetisch, molekular und im Zusammenspiel seiner Zellverbände simulieren, im Prinzip also nachbauen. Die Hoffnung: Die Funktionsweise des gesunden wie des erkrankten Gehirns wirklich zu verstehen, um es auch heilen zu können.

„Das große Ziel ist, auf einem Rechner das Modell eines menschlichen Gehirns zu simulieren“, sagt Thomas Lippert. Lippert leitet das Supercomputing Zentrum des FZ Jülich und ist auch einer der Kodirektoren des gesamten Projekts. Für die neurowissenschaftlichen Beiträge aus Jülich und Aachen ist Katrin Amunts verantwortlich.

Die nicht einmal zehn Jahre alte Entdeckung des Wundermaterials Graphen wurde 2010 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet. Es handelt sich um eine spezielle Form von Kohlenstoff, in dem die Atome wabenförmig angeordnet sind, was die als fantastisch beschriebenen elektronischen und mechanischen Eigenschaften des Stoffs begründet. „Graphen ist wahrscheinlich das Material mit den meisten Superlativen“, sagt Jari Kinaret. Der Festkörperphysiker der schwedischen Chalmers-Universität in Göteborg leitet dieses Flaggschiff-Projekt.

Das enorme Potenzial, das das foliendünne, nur aus einer Atomschicht bestehende Graphen sowohl als Grundstoff für superschnelle Computer wie gleichermaßen als superfestes und leichtes Material für Autos und Flugzeuge anbietet, war in Aachen bereits 2007 erkannt worden. Da gelang es nämlich der von dem Halbleiter-Experten der RWTH Heinrich Kurz 1993 gegründeten und seither geleiteten AMO GmbH, den ersten Transistor aus Graphen zu bauen.

Die AMO war beim Antrag des Graphen-Projekts in Brüssel wesentlich beteiligt und ist auch, wie Kurz mitteilt, sowohl für eines der beiden industriell angelegten Teilprojekte wie auch für die Einbindung der RWTH in das Projekt „wesentlich verantwortlich“. Europaweit arbeiten 126 Forschergruppen in 17 Ländern zusammen.

Finanzierung noch offen

Offen ist allerdings noch, wie die Finanzierung beider Projekte tatsächlich funktionieren wird. In einer Startphase von zweieinhalb Jahren sollen beide Vorhaben je 54 Millionen Euro erhalten. Später sollen es insgesamt 100 Millionen Euro pro Jahr werden, die zur Hälfte die Mitgliedsstaaten zahlen. Die insgesamt zwei Milliarden Euro sollen auch nicht komplett von der EU kommen, sondern müssen von den beteiligten Forschungsstätten und Industriepartnern mitfinanziert werden.

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