RWTH-Rektor Schmachtenberg wünscht sich „maximalen Mut“

Von: Thorsten Karbach
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„Diese Universität will eine gute, eine starke Philosophische Fakultät“: RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg zu den Schließungspläne für das Fach Romanistik. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Gemälde. Es zeigt einen Weg. Ein passendes Bild, denn der Weg von Ernst Schmachtenberg – die Künstlerin, die das Bild verantwortet, ist seine Frau – als Rektor der RWTH Aachen ist noch lange nicht zu Ende. Gerade erst wurde er wiedergewählt, am 1. August beginnt seine zweite Amtszeit, vier Jahre wird sie dauern.

„Ich freue mich sehr, dass ich wiedergewählt worden bin“, sagt der Rektor, der sich nun neuen Herausforderungen stellen will. Bange machen gilt nicht. „Ein guter Rektor muss Optimist sein“, sagt er. Und er ist optimistisch.

Wo steht die RWTH Aachen im Sommer 2014 – zu Beginn ihrer zweiten Amtszeit als Rektor – auch im nationalen und internationalen Vergleich?

Schmachtenberg: Wir haben eine tolle Zeit hinter uns gebracht, in den letzten sechs Jahren ist uns Beachtliches gelungen. Ich bin fest davon überzeugt: Wir sind die Wachstumslokomotive für diese Region. Und wenn es Schmerzen gibt, dann sind es Wachstumsschmerzen, die Veränderungen, die auch mal stören und Krach machen. Im internationalen Vergleich haben wir erheblich an Sichtbarkeit gewonnen. Natürlich war es großartig, dass wir die Exzellenzinitiative zweimal in Folge erfolgreich gemeistert haben. Aber auch darüber hinaus hat die Hochschule eine beeindruckende Entwicklung genommen – bis hin zur großen Zahl neuer Studierender, die für uns einen Reichtum darstellen. Im letzten Wintersemester waren es 40.000 exzellente junge Menschen, die nach Aachen kamen. Sie bauen darauf, hier hervorragend ausgebildet zu werden.

Vor einem Jahr war die zentrale Herausforderung die Aufnahme dieser vielen Studierenden aus dem doppelten Abiturjahrgang. Was ist es aktuell?

Schmachtenberg: Wir werden im Herbst noch einmal Rekordzahlen erreichen…

…aber Sie haben nun eine gewisse Routine im Umgang mit so vielen Erstsemestern!

Schmachtenberg: Das schon. Aber mit jedem Jahrgang wird es hier noch enger, da die Absolventenzahlen hier noch nicht mithalten können. Das will ordentlich gemeistert werden und wir machen das mit unserem Stammpersonal und unseren Stammeinrichtungen. Wir haben die überfüllten Hörsäle, den überfüllten öffentlichen Nahverkehr und die Vorlesungszeiten bis in den Abend im Blick. Das ist für die Dozierenden genauso wie für die Studierenden eine Herausforderung. Aber wir haben uns darauf eingestellt und schaffen das auch. Beispiele für die vielen Maßnahmen sind unser temporärer Hörsaalbau und das temporäre Seminargebäude oder die Angebote zur intensiven Betreuung in der Studieneingangsphase.

Was ist dann die nächste große Herausforderung?

Schmachtenberg: Die spannende Frage ist: Stimmen die Prognosen, dass die Studierendenzahlen in wenigen Jahren zurückgehen oder haben die Kultusminister mit einer neuen Studie recht, dass auch dann mehr junge Menschen ein Studium beginnen? Wenn letzterer Fall eintritt, dann muss diese Universität mehr Ressourcen bekommen, um weiterhin so viele junge Menschen aufnehmen zu können. Das ist eine zentrale Herausforderung.

Wenn wir unabhängig von den Studierendenzahlen in die Zukunft blicken. Wo wollen Sie mit der RWTH Aachen hin?

Schmachtenberg: Im Kern sind wir eine Technische Hochschule, die auf den großen Säulen der Ingenieur- und Naturwissenschaften steht, die aber auch die Medizin, die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften integriert und die damit in der Lage ist, die globalen Forschungsfragen unserer Zeit anzugehen und die richtigen Ausbildungsprofile für die Zukunft anzubieten. Mit den Profilbereichen haben wir solch integrierte Ansätze entwickelt – in acht interdisziplinären Themenfeldern, unter anderem Computerwissenschaften, Medizintechnik oder Mobilität und Transport, werden große Projekte interdisziplinär bearbeitet. Die Profilbereiche, hervor gegangen aus der Exzellenzinitiative, ergänzen somit die Forschung der Fakultäten.

Woran kann es am Ende haken, wenn es für die RWTH darum geht, unabhängig von der gleichnamigen Initiative exzellent zu sein?

Schmachtenberg: Wir wollen eine exzellente Hochschule sein. Aber wie viel Exzellenz will unsere Gesellschaft überhaupt? Wie viel Differenzierung in unserem Wissenschafts- und Bildungssystem trauen wir uns zu? Schließlich gibt es in Deutschland immer dieses klamme Gefühl gegenüber dem Primus. Außerdem gibt es weitere wichtige Aufgaben: Die Schere, die sich in der Gesellschaft zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet, müssen wir wieder schließen. Und die RWTH will dabei vorneweg gehen und Hilfestellung leisten. Klar, es gibt immer Stimmen, die sagen, eine Exzellenzuniversität öffnet die Schere weiter. Aber es braucht – ich nehme an dieser Stelle das schwierige Wort – Eliten, die sich der Gesellschaft verpflichtet fühlen und sie nach vorne bringen.

Wie kann eine Hochschule wie die RWTH diese angesprochene Schere schließen?

Schmachtenberg: Meine Wissenschaftsministerin sagt, die unternehmerische Hochschule sei ein Leitbild von gestern. Aber wollen wir nicht doch auch in Zukunft, dass aus unserer Hochschule heraus neue Unternehmen gegründet werden und Arbeitsplätze entstehen? Genau darum geht es doch. Ich bringe es für mich immer auf die Formel einer „Kultur des Ermöglichens“. Wir brauchen Menschen, die die Zukunft erkennen und neue Pfade öffnen. Das bringt die Gesellschaft voran.

Steckt in diesen Worten eine politische Forderung?

Schmachtenberg: Ich sehe da viel mehr einen Lernprozess auf allen Seiten. Auch ein Rektor einer Exzellenzhochschule lernt dazu. Ich spüre schon, dass in unserer Gesellschaft die Frage der weiteren Ausdifferenzierung kritisch gesehen wird. Deswegen ist es wichtig, den Begriff einer positiven Elite zu prägen.

Was haben Sie als Rektor gelernt?

Schmachtenberg: In Deutschland ist die Parole „freie Bildung für freie Bürger“ politisch so attraktiv, dass unser Land jedes Jahr weitere 250 Millionen Euro Schulden aufhäuft, um die Abschaffung der Studiengebühren aufzufangen. Wenn es darum geht, bildungsfernen Schichten einen Zugang zur Bildung zu garantieren, dann hätte mit 250 Millionen Euro im Jahr ein beeindruckendes Stipendienprogramm auf die Beine gestellt werden können. Stattdessen werden heute den Kindern von Rektoren und Zahnärzten die Studiengebühren erspart. Das zum Beispiel habe ich gelernt.

Die Studierendenschaft wird in Zukunft deutlich heterogener – es kommen noch jüngere aber auch noch ältere Studierende zunehmend hinzu. Wie muss sich die Hochschule darauf einstellen?

Schmachtenberg: Das Hochschulsystem insgesamt ist gefragt, Universität wird nicht mehr gleich Universität sein. So wie es in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft – etwa der Wirtschaft – eine weitere Ausdifferenzierung gibt, so wird sich auch der Bildungsbereich weiter ausdifferenzieren. Wir werden weltweit etwa für das duale Ausbildungssystem oder die Unterscheidung in Universitäten und Fachhochschulen beneidet. In der internen Diskussion merke ich immer, dass wir damit Schwierigkeiten haben, dass wir unterschiedlich sind – anstatt uns darüber zu freuen. Jeder sollte seine andersartigen Stärken zum Wohle der Gesellschaft entwickeln können.

Zurück zum Stichwort Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Welche Bedeutung hat dabei die Philosophische Fakultät?

Schmachtenberg: Eine ganz erhebliche! Wir haben Hum-Tec als Projekthaus zwischen den Ingenieur- und Naturwissenschaften auf der einen und den Geistes- und Sozialwissenschaften auf der anderen Seite aufgebaut. Das ist ein hervorragendes Beispiel. So befasst sich hier ein neues Forschungsvorhaben unter dem Titel UFO mit der Gestaltung der Lebensqualität in Stadtquartieren im Kontext von Mobilität, Stadtstruktur und Energiewende. Aber Neues kann nur entstehen, wenn man sich von Altem trennt. So etwas wird immer von schwierigen Diskussionen begleitet, in der sich die Frage stellt: Was leiste ich mir künftig und was kann ich mir dafür nicht mehr leisten?

Inwiefern gestaltet die Philosophische Fakultät dabei ihre Zukunft selber?

Schmachtenberg: Ein Rektor kann Randbedingungen setzen, die Mut machen. Damit meine ich: Keiner der Studierenden, die in Aachen eingeschrieben sind, wird durch eine Änderung des Studienprogramms sein Studium nicht zu Ende führen können. Keiner der Professoren und der Beschäftigten wird seinen Arbeitsplatz verlieren. Aber wenn es um die Frage geht, wie nachberufen wird, dann wünsche ich mir von den Fakultäten maximalen Mut. Diese Universität will eine gute, eine starke Philosophische Fakultät, die die Chancen, die diese Hochschule bietet, aufgreift.

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