RWTH-Rektor: „Eine Kinderuni ist eine Art Schaufenster“

Von: Christina Diels
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Ansprechend und anschaulich erklärt Professor Daniel Wentzel den Teilnehmern der Kinderuni, wie Unternehmen Werbung machen. Archiv-Foto: Harald Krömer

Aachen. Ob nun 1000 erwachsene Studenten im Hörsaal sitzen oder 1000 Kinderuni-Teilnehmer: Ein guter Professor hält immer eine gute Vorlesung. Davon ist Ernst Schmachtenberg, Rektor der RWTH Aachen, überzeugt.

Vor der 50. Veranstaltung der Aachener Kinderuni am Freitag, 1. Februar, spricht der 60-Jährige darüber, was die Kinderuni leisten kann, und warum er selbst nicht regelmäßig in der Kinderuni sitzt.

Haben Sie als Kind eine Kinderuni vermisst, Herr Professor Schmachtenberg?

Schmachtenberg: Ich glaube, man kann nichts vermissen, das man nicht kennt. Aber heute kann ich mir gut vorstellen, dass ich sie als Kind sehr vermisst hätte. Auch meine Kinder hätte ich gerne zur Kinderuni geschickt.

Sollten Kinder nicht lieber spielen?

Schmachtenberg: Wenn es gelingt, Spielen und Lernen zu verbinden, stellt sich nicht die Frage „Vorlesung oder Spielen?“, sondern die Vorlesung ist ein Spiel. Und dafür kann man nur sein.

Können Kinder heute noch Kinder sein?

Schmachtenberg: Wir Erwachsenen würden etwas falsch machen, wenn unsere Kinder nicht noch Kinder sein können. Was nicht heißt, dass man nicht kindgerechte Angebote machen und Erfahrensräume schaffen kann, in denen sich Spiel und Fantasie entwickeln können.

Leistungsdruck entsteht oft schon im Kindergarten. Oder sind es die Eltern, die den Druck machen?

Schmachtenberg: Wir machen einen großen Fehler mit dieser Form des Leistungsdrucks. Lassen Sie Kinder über einen Platz laufen, die haben intuitiv Freude dran zu sehen, wer als Erster ankommt. Mal ist es der, mal der. Solange das ein Teil des Spiels ist, wird der Leistungsdruck gar nicht entstehen, sondern das ist ein spielerischer Wettbewerb. Unser Problem ist doch, dass wir das Verlieren immer nur als Makel, nicht aber als Chance verstehen, vom Besseren zu lernen. Dabei kann der Sinn von Wettbewerben nur sein, die eigene Leistungsfähigkeit zu entfalten – spielerisch und kreativ.

Wann waren Sie zuletzt bei der Kinderuni im Audimax?

Schmachtenberg: Als ich meine Vorlesung gegeben habe.

Und wann lassen Sie sich das nächste Mal dort sehen?

Schmachtenberg: Ich habe den Eindruck, dass es nicht hilfreich ist, wenn ich in die Vorlesung gehe. Ich engagiere mich immer wieder, meine Kolleginnen und Kollegen zu motivieren, eine solche Vorlesung zu halten. Ich freue mich auch über die Berichterstattung, aber ich finde, ein Rektor sollte nicht in der Kinderuni sitzen.

Wenn Sie noch eine Kinderuni-Vorlesung halten dürften, welches Thema würden Sie wählen?

Schmachtenberg: Ich würde die wunderbare Geschichte aus der Kunststofftechnik erzählen: Wie werden die Playmobilfiguren eigentlich gemacht?

Mal ehrlich, glauben Sie, dass die Kinder inhaltlich etwas aus der Kinderuni mitnehmen?

Schmachtenberg: Unterschätzen Sie die Kinder nicht. Eine Kinderuni ist eine Art Schaufenster, um einen ersten Blick in den Wissenschaftsbetrieb zu werfen. Die Kinder nehmen mit, was sie brauchen können.

Was kann Kinderuni leisten – und was kann sie nicht leisten?

Schmachtenberg: Sie kann kein konkretes Wissen vermitteln, wie man es für Studiengänge braucht. Aber sie kann die Schwelle zwischen Wissenschaftssystemen und jungen Menschen abbauen und eine Vertrautheit herstellen.

Wie lautet Ihr Fazit nach 49 Mal Kinderuni?

Schmachtenberg: Ich habe immer wieder den Eindruck, dass es eine gelungene Veranstaltung ist. Man müsste herausfinden, was die Kinderuni-Teilnehmer denken, die heute 15 sind.

Und was wünschen Sie sich für die nächsten 50 Mal?

Schmachtenberg: Dass es erfolgreich weiter geht. Und dass alle Kinder, die dahingehen wollen, auch einen Platz bekommen.

Wie wollen Sie es schaffen, die Kinder auch in Zukunft neugierig auf Kinderuni zu machen?

Schmachtenberg: Das kann ich nicht alleine schaffen. Es ist nur ein Angebot. Letztlich geht es darum, dass wir genügend Neugierde in der Gesellschaft für Hochschule haben, und das überträgt sich natürlich auch auf die Kinder.

Dürfen die Kinder den Professoren auch mal Noten geben so wie die Studenten?

Schmachtenberg: Natürlich dürfen sie. Und sie geben schon instinktiv Feedback mit ihrem tosenden oder verhaltenen Applaus. Ich fände es gut, wenn Kinder ihre Lehrerinnen und Lehrer in der Schule bewerten könnten. Bei uns stimmen sie mit den Füßen ab.

Was ist anstrengender für einen Professor – eine Vorlesung vor Kindern oder vor Studenten?

Schmachtenberg: Anstrengend gefällt mir hier gar nicht. Denn wenn es anstrengend ist, ist das schon schlecht. Ein guter Professor, eine gute Professorin hat Spaß daran, eine Vorlesung zu halten. Natürlich kostet das Schweiß. Das ist aber eine positive Herausforderung, keine Anstrengung. Die Frage ist: Wird es mir überhaupt gelingen, diesen Acht- bis Zwölfjährigen eine halbe Stunde Aufmerksamkeit abzuringen? Auf der anderen Seite war es auch für mich immer eine Herausforderung, vor 1000 Maschinenbauern anderthalb Stunden Aufmerksamkeit für meine Werkstoffkunde zu bekommen.

Waren Sie denn aufgeregter vor Ihrer Kinderuni, als sie es vor einer Vorlesung vor Studierenden sind?

Schmachtenberg: Nein, nicht nach 20 Jahren im Vorlesungsbetrieb. Vielleicht wäre es mir peinlicher gewesen, einen Fehler vor den Kindern zu machen.

Und was könnte noch besser werden an der Aachener Kinderuni?

Schmachtenberg: Das Allerwesentlichste ist, dass man den spielerischen Aspekt im Vordergrund behält. Und man sollte weiter überprüfen, ob man so die Neugierde und das Interesse für die Wissenschaften weckt.

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