Aachen - RWE-Power-Chef Matthias Hartung im Interview mit unserer Redaktion

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RWE-Power-Chef Matthias Hartung im Interview mit unserer Redaktion

Von: Patrick Nowicki und Christian Rein
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Aachen. Im Moment sieht er sich eher als Krisenmanager, der sich nach Ruhe im eigenen Unternehmen sehnt: RWE-Power-Chef Matthias Hartung. Im Gespräch mit unserer Zeitung brach der Mann, der im Essener Energiekonzern für die länderübergreifende Stromerzeugung, Kraftwerke und Tagebaue verantwortlich ist, eine Lanze für die Braunkohle. Für ihn ist die Stromgewinnung aus Braunkohle noch lange kein Auslaufmodell.

Ihr Unternehmen RWE stand immer für eine hohe Rentabilität und für sehr solide Arbeit. Bei uns heißt zum Beispiel eine Schlagzeile „RWE baut ab“ und zwar im doppelten Sinne. Wie konnte das passieren?

Hartung: Ich nenne da nur das Thema Energiewende und die damit verbundenen energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Ich glaube, das ist das wesentliche Element.

Waren Sie nicht vorbereitet?

Hartung: Die Energiewende hat immer noch einige Baustellen, deswegen ist es ja auch ein intensives Thema in den Koalitionsverhandlungen. Wichtig ist, dass diese Baustellen jetzt ausgeräumt werden, dass Unternehmen, Regionen, Wirtschaft, Industrie auch wieder eine Planungsperspektive bekommen. Wir sind der Überzeugung, dass die Förderung der erneuerbaren Energien angepackt werden muss. Wir stecken im nächsten Jahr in Deutschland 24 Milliarden Euro in die Subventionierung der erneuerbaren Energien. Da ist die Balance raus. Das ist mit ein Grund, warum wir mit der konventionellen Erzeugung, also Gas, Kohle, aber auch Braunkohle unter Druck sind.

RWE Power ist in Gesamt-RWE für die Stromerzeugung in Kraftwerken und die Tagebaue verantwortlich. RWE-Chef Peter Terium hat davon gesprochen, dass das traditionelle Geschäftsmodell keinen Gewinn mehr einfährt. Warum?

Hartung: Wir erzielen im Moment Strompreise von 37 Euro pro Megawatt-Stunde. Vor zwei Jahren war der Preis doppelt so hoch. Dadurch ist ein Teil unserer Kraftwerksflotte erheblich unter finanziellem Druck. 20 bis 30 Prozent verdienen sogar kein Geld mehr. Das betrifft besonders Gas- und Steinkohle-Kraftwerke, wo wir teilweise auch schon Stillegungsentscheidungen getroffen haben. Also das charakterisiert so ein bisschen die aktuelle Situation.

Das heißt aber, dass Sie am traditionellen Geschäftsmodell festhalten?

Hartung: Das ist ein Teil unseres Geschäftsmodells. Das wird es auch in Zukunft bleiben. Es wird sich sicherlich auch in der Erzeugung ändern. Erneuerbare Energieformen bauen wir auch als RWE aus. Aber selbst bei den Erneuerbaren sind die Rahmenbedingungen nicht klar. Alles das ist im Grunde genommen für Unternehmen keine klare Planungsperspektive.

Wäre es jetzt nicht eine gute Zeit, in Berlin bei den Koalitionsverhandlungen zu sitzen?

Hartung: Also ich denke mal, unsere Botschaften sind klar. Sie sind schon lange positioniert. Und zwar nicht von uns als RWE, sondern vom Verband der Energieversorger.

Ist denn nun nicht gerade die Chance da, etwas politisch zu korrigieren?

Hartung: Energiewirtschaft benötigt eine sehr langfristige Perspektive. Dies geht über Legislaturperioden hinaus.

Nochmal: Waren Sie nach Fukushima von der Schnelligkeit der Energiewende wirklich überrascht?

Hartung: Also ich würde es nicht alleine an Fukushima festmachen. Die inzwischen 32 000 Megawatt installierte Photovoltaik-Leistung gehen ins Netz und übernehmen keine Verantwortung für das System, für den Netzausbau, für Netzstabilität. Da sollte jeder Energieträger auch seinen Anteil übernehmen. Die konventionellen Energieversorger schultern das im Moment vollständig alleine, und das bei den niedrigen Preisen. Bei RWE wird das zum Problem, das wird aber auch in der Volkswirtschaft zum Problem. Beim Thema Industriestandort geht es immer häufiger um Bezahlbarkeit von Strom.

Gab es denn kein Szenario, dass die Energiewende in der Form erkannte? Wie kann man einem Bürger erklären, dass ein solch professionell aufgestelltes Unternehmen so dermaßen in die falsche Richtung marschiert?

Hartung: Wir haben in den Jahren vor Fukushima auch in die Änderung unseres Kraftwerksparkes investiert. Wir haben ein Programm auferlegt, insgesamt 15 Milliarden Euro, davon 12 Milliarden Euro in konventionelle Erzeugung. Den größeren Teil haben wir besonders in moderne Gasanlagen gesteckt, in dem Vertrauen darauf, dass wir mit flexiblen hochmodernen Krafwerken unseren Beitrag leisten können zur Energiewende. Aber jetzt verdienen wir mit diesen Gaskraftwerken kein Geld mehr. Es ist etwas gewaltig aus dem Ruder gelaufen.

Das bedeutet, Sie legen alle Gasanlagen wieder still?

Hartung: Man muss da unterscheiden. Also wir legen jetzt keine modernen GuD-Anlagen (Anm. der Redaktion: Gas- und Dampf-Kombikraftwerke) endgültig still oder bauen die ab. Das tun wir nicht, aber wenn wir damit nicht nur kein Geld verdienen, sondern Geld verlieren, dann motten wir die ein. Und das ist die Diskussion. Heute wird nur der produzierte Strom bezahlt. Das hat nach dem alten Marktsystem gut funktioniert. Nur wenn Wind und Sonne 60 Prozent und mehr ins Stromnetz geben, dann muss es eine Reservekapazität geben. Dies muss in irgendeiner Form wirtschaftlich sein. Das gibt der heutige regulatorische Rahmen nicht her.

Von 60 Prozent sind wir aber noch weit entfernt, wir liegen momentan bei 23 Prozent...

Hartung: Die 23 Prozent sind der Durchschnitt im Jahr. Wir haben Tageszeiten, wo die Einspeisung der Erneuerbaren deutlich darüber hinausgeht. Darum sehen wir schon jetzt die Notwendigkeit, um eben die Versorgungsicherheit gewährleisten zu können. Wir haben Tage, an denen wir den vollen konventionellen Kraftwerkspark benötigen, an denen Sonne und Wind nicht viel beitragen. Das wird auch in Zukunft so bleiben.

Also Ihr Unternehmen schlingert, und der Auslöser ist die Energiewende. Kann man das so auf den Punkt bringen?

Hartung: Also ich würde das jetzt nicht als Schlingern bezeichnen. Wenn die Bundesregierung mit ihrem Energieszenario vorstellt, dass im Jahr 2030 rund 50 Prozent erneuerbare Energien den Strom produzieren sollen, dann ist das für uns ein Rahmen. Wir haben uns daran orientiert. Warum so spät? Weil wir gesagt haben, dass wir eigentlich keinen Subventionstatbestand unterstützen wollen. Das Problem sehen wir heute. Was bedeuten aber 50 Prozent Erneuerbare im Jahr 2030? Das heißt immer noch 50 Prozent konventionelle Erzeugung. Wo soll der Strom herkommen? Kernenergie ist 2022 erledigt. Da bleiben nur noch Kohle und Gas. Dann aus der Kohle auszusteigen, halte ich persönlich für den vollkommen falschen Weg. Deswegen sagen wir Kohle und Gas, das sind die Energieträger, die als Pärchen und nicht als Gegensatz die Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit, Umweltverträglichkeit gewährleisten können. Als Backupkapazität benötigen wir nach wie vor den konventionellen Park. Das ist unsere Strategie. Deswegen bin ich persönlich der felsenfesten Überzeugung, dass auch die konventionelle Stromerzeugung im zukünftigen Markt eine zentrale Rolle spielen wird.

Wie wäre in Zukunft die Gewichtung bei Ihnen zwischen Braunkohle und Gas?

Hartung: Die Braunkohle wird weiterhin einen signifikanten Beitrag leisten. Wir haben die Ressource hier, die ist sicher verfügbar. Die Kosten sind für uns planbar und auch mit den modernen Kraftwerken können wir in der Flexibilität genauso reagieren, wie wir das mit Gaskraftwerken tun. Auf lange Sicht hängt es natürlich vom Marktdesign ab. Aber das ist kein deutsches, das ist ein europäisches Thema. Wir können dies in Nordrhein-Westfalen nicht alleine lösen.

Gleichwohl interessiert natürlich, was passiert vor Ort mit Garzweiler II und den ganzen Arbeitsplätzen in der Region?

Hartung: Sie wissen, ich lebe im Revier. Diese Unsicherheit, die jetzt durch Gerüchte und Fehlinformationen entstanden sind, stellt eine enorme Belastung für die Menschen in der Region, die Umsiedler und unsere Mitarbeiter dar. Alle, die in irgendeiner Form Verantwortung tragen, müssen dazu beitragen, dass wir wieder Verlässlichkeit und ein Stück Vertrauen und Ruhe reinbekommen. Wir haben das gemacht, indem wir uns klar positioniert haben.

Der Stand ist welcher?

Hartung: Wir haben ganz klar gesagt, wir halten an den Planungen fest. Wir haben auch zugesagt, dass wir an den Umsiedlungen und Abläufen festhalten. Da geht es ja im Wesentlichen um den dritten Umsiedlungsabschnitt. Das haben wir konkret, auch in einem Brief an die Stadt Erkelenz schriftlich erklärt. Ich bin auch selbst im Braunkohleausschuss gewesen und habe mich auch da nochmal ganz klar geäußert.

Schließen Sie aus, dass es da in den nächsten zwei Jahren zu einer Neubewertung in dieser Frage kommen kann?

Hartung: Ich habe keinen Zweifel an der Notwendigkeit der Braunkohlenutzung.

Sie sind vor Ort gewesen, um mit Umsiedlern zu sprechen?

Hartung: Bin ich.

Und was erleben Sie dann, wenn Sie als RWE-Mann dorthin kommen?

Hartung: Natürlich erlebe ich die Vorbehalte und die Verunsicherung auch persönlich. Die Bürger sprechen das aus, was ich gut finde. Und nicht nur die Umsiedler, auch unsere Mitarbeiter. Das ist eine andere Art der Betroffenheit, aber es ist eine Form von Betroffenheit.

 

 

Welche Sicherheit können Sie Ihren Mitarbeitern geben?

Hartung: Wir treten unseren Mitarbeitern gegenüber mit Offenheit und Transparenz auf. Wir waren in Alsdorf mit allen Arbeitnehmervertretern besammen und haben sie erste darüber informiert. Wir haben die Zahlen genannt, wir haben auch die Instrumente genannt, wir haben auch gesagt, dass wir es sozialverträglich machen können. Das ist der Prozess.

Ihre Mitarbeiter schildern uns genau Gegenteiliges. Nämlich, dass Sie irgendwo das Gefühl haben, nicht zu wissen, was passiert. Es wird über Personaleinsparungen gesprochen, aber wie das konkret aussieht, weiß noch keiner. Was heißt das also für die einzelnen Standorte, für Weisweiler oder Frimmersdorf?

Hartung: Das ist die Wahrnehmung der Mitarbeiter, das will ich gar nicht leugnen. Wir sind in einem Kostensenkungsprogramm und Effizienzsteigerungsprogramm. Dass da Unruhe entsteht und Gerüchte laufen, ist normal. Aber Sie können mir auch abnehmen, dass wir darüber kommunizieren und dass wir über die Dinge, die in den einzelnen Standorten erforderlich sind, informieren. Natürlich ist auch die persönliche Betroffenheit da für den individuellen Mitarbeiter, der sich fragt. Bin ich von einem Abbau betroffen? Das kann man im Einzelfall heute auch vielleicht noch nicht sagen. Aber wir machen es sozialverträglich. Der Sozialplan für RWE Power und RWE Generation ist unterschrieben.

Nochmal zum Garzweiler-Gerücht. Können Sie den Vorwurf verstehen, dass es vielleicht sogar von Ihrem Unternehmen lanciert wurde, um auf die Koalitionsverhandlungen Druck aufzubauen?

Hartung: Gerade den letzten Punkt halte ich für vollkommen abstrus. Wer lange im Geschäft ist und meint über solche Dinge Druck auszuüben auf die Politik, der schätzt das vollkommen falsch ein. Insoweit sage ich an der Stelle, das ist absolut kontraproduktiv.

Wie empfinden Sie sich im Moment – mehr als Krisenmanager oder als Planer, der nach vorne schaut?

Hartung: Das Positive ist ja, der Strom wird gebraucht. Es hört sich so simpel an, aber dies ist unsere Basis. Wir brauchen jetzt etwas Zeit, und die Zeit ist von Unsicherheit geprägt. Aber da wird auch wieder Sicherheit reinkommen. Im Moment ist viel Krisenmanagement. Kostensenkungsprogramme sind schwierig, anstrengend und belastend. Das ist nicht etwas, das wirklich Spaß macht.

Können Sie mit Blick auf Weisweiler etwas über die Zukunft dieses Kraftwerks sagen?

Hartung: Wir haben gesagt, welche Kraftwerke unter besonderer Beobachtung stehen. Das ist Frimmersdorf. Manche Kraftwerke schreiben jetzt schon riote Zahlen. Das sind insbesondere Gas- und Steinkohlekraftwerke, aber noch keine Braunkohlekraftwerke. Warum bleibe ich da jetzt ein bisschen vage? Unsere Kostensenkungsmaßnahmen, unsere Anstrengungen setzen ein Stück auch fast ungeahnte Kräfte frei. Wir wollen besser sein als der Wettbewerber.

Die Frage nach Weisweiler ist trotzdem berechtigt, da Weisweiler in Ihrem Kraftwerkspark nicht das modernste Kraftwerk ist...

Hartung: Gerade Weisweiler als der Inselbetrieb mit dem Tagebau Inden steht hervorragend da.

Und die Ausbildungswerkstatt bleibt ebenfalls dort?

Hartung: Natürlich, etwas anderes ist mir nicht bekannt.

Sie verlagern im Gesamtkonzern manches ins Ausland. Dadurch entsteht weitere Unruhe...

Hartung: Manche Umstrukturierung ruft natürlich Sorgen hervor. Am Ende ist es aber auch eine unternehmerische Notwendigkeit, um im Wettbewerb zu bestehen. Das bedeutet auch, Arbeitsplätze zu erhalten oder Perspektiven zu geben für eine Region. Da haben wir mit der Generation nun ein Unternehmen, dass die Erzeugung zusammengeführt. Und zwar auf dem europäischen Markt. Wir müssen auch unsere Aktivitäten bündeln und uns auf unser Kerngeschäft, die Stromerzeugung, konzentrieren. Das machen wir jetzt.

Aver Mitarbeiter haben die Sorge, dass demnächst alles vom Ausland aus geregelt wird.

Hartung: Wir haben uns darauf verständigt, ein Pilotprojekt in Krakau zu machen, das läuft jetzt an. Das machen wir nicht aus Spaß an der Freud, sondern das machen wir, um die Wettbewerbsfähigkeit zu halten.

Aus Sicht der Arbeitnehmer könnte man jetzt darauf hinweisen, dass Sie immer noch schwarze Zahlen schreiben, immer noch Dividenden ausschütten. Geht es Ihnen schlecht als Unternehmen?

Hartung: Als Unternehmen, als RWE Generation, geht es uns schlecht. Wenn wir nach vorne gucken, nach 2015, 2016, dann schreiben wir rote Zahlen.

Wäre es nicht auch berechtigt zu sagen, liebe Aktionäre, wir können in diesem Jahr leider keine Dividenden anbieten, weil wir uns für die Zukunft besser aufstellen müssen?

Hartung: Die Dividendenpolitik legt der Aufsichtsrat fest.

Was waren bei der Planung der Energiewende in Ihren Augen in den letzten Jahren die Grundfehler? Was müsste besser laufen?

Hartung: Die Anschubfinanzierung für die erneuerbaren Energien war vollkommen richtig. Aber dies ohne Maß und ohne Limitierung laufen zu lassen, das ist ein Dilemma, aus dem wir raus müssen. Die Marktorientierung, die Systemverantwortung müssen die Erneuerbaren auch übernehmen.

Wäre für Sie eine Forderung, die Subventionierung komplett zu kappen?

Hartung: Was wir nicht fordern, ist rückwirkend einzugreifen. Aber ich glaube, so wie es heute ist, da sind wir uns auch mit der Politik einig, so sollte es nicht fortgesetzt werden. Der Strompreis steigt ohnehin weiter an, weil die Förderung für die Zukunft festgeschrieben ist. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Es gibt im Grunde darum, den Anstieg zu begrenzen.

Sie wollen nun verstärkt mit Kommunen und regionalen Partnern zusammenarbeiten. Kommt das aus der Not heraus?

Hartung: Ich sag mal ja und nein. Wir haben in der Vergangenheit auch solche Partnerschaften gemacht. Wir können solche Projekte viel besser mit den Regionen entwickeln. Wir haben ja in der Bergbaufolgelandschaft, auch hier in der Region, über 3300 Arbeitsplätze angesiedelt. Das ist auch ein Stück Antwort aus unserer Sicht auf den Strukturwandel.

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