„Rock your life“: Studenten helfen Hauptschülern beim Büffeln

Von: Christopher Gerards
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Gemeinsam geht es besser: Marcel Bosseler (links) und sein Coach Niklas Friederichsen in einer Kletterhalle. Foto: Christopher Gerards

Aachen. Für Marcel Bosseler ist Niklas Friederichsen echt Gold wert. Nicht nur, weil Student Friederichsen mit dem Hauptschüler Pläne schmiedet, dessen Traumberufe - Metallbauer oder Kfz-Mechatroniker – zu ergattern. Die beiden hat das vergangene Jahr auch sonst zusammengeschweißt. „Mittlerweile“, sagt Friederichsen, „ist es wie eine Freundschaft.“

Denn der Master-Student – Wirtschaftsingenieurwesen, Spezialgebiete: Metallurgie und Werkstofftechnik – ist seit einem Jahr Marcel Bosselers Coach. Als Aachen-Chef der bundesweit aktiven Organisation „Rock your life!“ – gegründet 2008 in Friedrichshafen – unterstützt Student Friederichsen (24) Hauptschüler Marcel (16) zwei Jahre lang auf dem Weg in die Berufswelt. „Coaching-Beziehung“ nennen sie das.

Über 2000 junge Menschen sind an 25 Standorten in Deutschland Teil einer solchen, in Aachen haben sich seit der Gründung 2011 mehr als 40 Coaching-Paare gefunden: nämlich an der Reformpädagogischen Sekundarschule am Dreiländereck, der Gemeinschaftshauptschule Aretzstraße (beide seit wenigen Wochen) und an der Klaus-Hemmerle-Schule, die Zehntklässler Marcel besucht.

Mit Friederichsen redet er jetzt „mindestens alle zwei Wochen“. Sie schreiben dann Mails oder treffen sich – nicht nur zwecks Arbeit – zum Billardspielen, Minigolfen, Kochen oder Fahrradfahren. Klar, so entstehe Vertrauen, sagt Friederichsen. Wodurch sich leichter gemeinsam arbeiten lässt: „Wir wissen nicht mehr als die Lehrer, aber wir können es anders vermitteln“, glaubt Friederichsen. Und betont, dass sich das – kostenlose – Coaching deutlich von Nachhilfe unterscheidet. Denn statt Unterrichtsstoff stehen hier die Soft Skills im Vordergrund.

So haben Friederichsen und Marcel gemeinsam die Ausbildungswerkstatt der RWTH besucht. Auch haben sie geübt, Bewerbungen zu schreiben, haben Einstellungstests simuliert. „Wir möchten den Schüler abholen, wo er ist“, sagt Friederichsen, „ihm zuhören, was Wünsche, Träume und Interessen angeht“ – und ihm eine realistische Einschätzung geben, ob und wie er sie erreichen kann.

Seine Arbeit leistet Friederichsen dabei zwar zum Nulltarif, aber nicht umsonst, wie er findet: Er habe eine Studie über das deutsche Bildungssystem gelesen; darüber, wie entscheidend das Elternhaus für die Karriere sei. Gestört habe ihn das, natürlich. Aber Friederichsen wollte nicht dagegen demonstrieren, er wollte „etwas Konkretes tun, ohne große Bürokratie“. In einer Zeitschrift hatte er einen Text über „Rock your life“ gelesen.

Wegen eines Auslandssemesters in den USA musste er jedoch das Vorhaben einer möglichen Mitarbeit zunächst aufgeben. Wieder in Deutschland gelandet, wandte Friederichsen sich flugs an den frisch gegründeten Aachener Ableger von „Rock your life!“, stieg ein – und lernte wenig später Marcel kennen. Der hatte über seine Lehrer von dem Programm erfahren. Marcel fand‘s „interessant“, machte mit.

Dann fügten die Dinge sich weiter im Sinne eines Coachings: Auf den obligatorischen Fragebögen hatten Marcel Bosseler und Friederichsen ähnliche Interessen angeben, logisch: hier der Metallbau- und Kfz-Fan, dort der Wirtschaftsingenieur. Und beim Speed-Talking, der Fünf-Minuten-Vorstellung in der Schule, verstanden die Zwei sich auf Anhieb, beschlossen, die kommenden zwei Jahre gemeinsam anzugehen.

Mit ihnen taten das 20 weitere Coaching-Paare – doch sprangen derer sechs ab. „Manche Mitschüler haben es nicht eingesehen, sich in der Freizeit regelmäßig zu treffen“, erinnert sich Marcel. „Wir haben daraus gelernt“, sagt Friederichsen, „wir müssen deutlich machen, dass das Programm mit Arbeit verbunden ist.“

Und das gleich doppelt: Nachdem Marcel sein Handwerk in Sachen Bewerbung und Co. gelernt hat, rollt nun der Einstieg in die Berufswelt auf ihn zu. „Das Coaching hat den Stein ins Rollen gebracht“, sagt der 16-Jährige, wohl wissend, dass es ihm ohne Friederichsen schwerer gefallen wäre, etwa Bewerbungen zu schreiben.

Im November hat der Hauptschüler also ein dreiwöchiges Praktikum bei Mercedes absolviert. Jetzt möchte der 16-Jährige beim Autobauer eine Ausbildungsstelle als Kfz-Mechatroniker ergattern. So greift Marcel Bosseler weiter nach den (Silber)-Sternen – was für ihn eine goldene Zukunft bedeuten könnte.

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