Sporter des Jahres Freisteller Sportlerwahl Sportlergala Freisteller

„Ritter Jürgen” summt nachts Karnevalslieder

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
rüttgers-bu2
Angeregter Plausch: „Ritter Jürgen” und unser Redakteur Manfred Kutsch.

Düsseldorf. Nein, nein, das sei kein Problem, winkt Jürgen Rüttgers gelassen ab. Gerade erst noch in der Landtagssitzung, jetzt im Anschluss das Interview über Narren. Für den Ministerpräsidenten scheint die Grenze fließend zu sein. Er schnappt sich einen jüngst übergebenen Öcher Printenmann und wedelt mit dem Riesenteil durch die Staatskanzlei. Na also, dann können wir ja loslegen.

Es geht um die Festsitzung des Aachener Karnevalsvereins (AKV) am Samstag, 30. Januar, im Aachener Eurogress. Um die Verleihung des Ordens „Wider den tierischen Ernst”, der sich inzwischen ganz bescheiden auch „Nobelpreis des Humors” nennt.

Und er, Jürgen Rüttgers, der Sohn eines Kölner Elektromeisters, anno 1978 der Mitbegründer der Karnevalsgesellschaft „Brauweiler Freunde e.V.”, der einstige Pfadfinder und heutige Ministerpräsident (in der Staatskanzlei sagen alle nur „MP”), wird dann zwar gegen den tierischen, aber schließlich doch im Ernst zum Ritter geschlagen.

Im Mittelpunkt eines närrischen Glamour-Events vor vier Millionen Fernsehzuschauern und knapp 1400 Gästen im Saal, von denen ein Gutteil damit beschäftigt sein wird, nach den Kameras zu schielen.

Jawoll! „Manschetten” habe er vor diesem Auftritt, „großen Respekt” oder auch „professionelle Hochachtung”. „Das beschäftigt mich schon sehr in diesen Tagen”, räumt Rüttgers ein. Das gehe sogar so weit, dass er „heute Nacht aufgewacht” und ihm „ein Karnevalslied nicht aus dem Kopf gegangen” sei.

Offen bleibt, ob die neben ihm schlafende Ehefrau Angelika im Traum mit geschunkelt hat. Ach so. Welches Lied er unter der Bettdecke summte? „Das verrate ich nicht”, sagt der MP entschlossen und setzt eine so bedeutungsschwere Miene auf, als habe man ihn auf eine vertrauliche CIA-Info angesprochen.

Höchste Geheimhaltung

Seine Präsentation bei der Festsitzung, seine Rolle, sein Konzept? Geheimhaltungsstufe 1. „Der AKV hat mich dazu verpflichtet.” Aber zumindest hat Präsident Horst Wollgarten freundlicherweise grünes Licht gegeben, sich beim „tierisch” bühnenerfahrenen Ministerkollegen Armin Laschet Tipps holen zu dürfen: „Das habe ich zwar getan, aber letztlich muss ich da ganz alleine durch.” „Och härm” - würde da der Öcher seufzen.

Der Saal wird mit Promis gespickt sein. Allen voran Ex-Ritter und Vizekanzler Guido Westerwelle, „der aber keine Angst zu haben braucht”, so der CDU-Sozialpolitiker, der sich gerne mit dem FDP-Chef anlegt: „Als Bonner hat er jederzeit im Rheinland Asyl.” Auch mit Blick auf die Bundeskanzlerin mag der designierte Ritter nicht mit dem närrischen Säbel rasseln, zumal „wir prima miteinander auskommen”, und wenn anderes geschrieben werde, dann sei das „für uns beide immer ein Grund zu lachen”.

Womit wir wieder beim Thema sind. Und der Frage, warum im vergangenen Jahrzehnt nur vier Politiker mit dem AKV-Orden ausgezeichnet wurden. „Wahrscheinlich sind denen in Berlin etwas die Typen ausgegangen”, sucht Rüttgers nach einer Erklärung und schwärmt von einstigen Kollegen, die im AKV-Vogelkäfig zu Höchstform aufliefen, wie etwa Norbert Blüm und Johannes Rau.

Ach so, und dann ist da noch die viel gestellte Frage nach der Wahlkampfhilfe der Aachener Edel-Narren für den amtierenden Landesvater. Der Ministerpräsident verzieht das Gesicht, als habe man ihm soeben eine seiner heiß geliebten Frikadellen mit Nutella statt Senf gereicht: „Wer denkt denn im Mai noch an den Karneval? Nein, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.”

Zudem trage er dabei „auch ein Risiko”, sagte jüngst AKV-Präsident Horst Wollgarten. Und dachte vermutlich an Edmund Stoiber (Ritter 2000) oder Friedrich Merz (2005).

Kommen wir also zu einem pflegeleichteren Thema, seiner Familie. Wie nahe ist der MP dran am Alltag seiner Frau Angelika, an den so unterschiedlichen Entwicklungsphasen seines zehnjährigen Thomas, des pubertierenden Lucas (14) und des erwachsenen Marcus (20)? „Trotz der oft sehr langen Fahrtzeit versuche ich in der Regel nachts nach Hause zu kommen, um auf jeden Fall gegen 6 Uhr am Frühstückstisch zu sitzen, wo sich die ganze Familie versammelt.”

Nicht gerade die kommunikativste Tageszeit. Rüttgers schmunzelt: „Das muss ja auch nicht sein. Ich fange ja nicht an und frage, wie es in der Schule geht. Dann ist der Tag ja schon versaut. Es ist wichtig, dass man sich sieht und wenn nur einer da sitzt und verkündet: ÔMontags 6.15 Uhr, und die Woche nimmt kein EndeÔ.”

Nein, Zeit für die Familie bleibe auch zuweilen am Wochenende und vor allem im Ferienhaus in Toulon an der französischen Mittelmeerküste: „Ich habe nie das Gefühl, dass wir nichts mehr voneinander wissen.” Und wie hält er es mit der Aussage seiner Frau: „Ich bin der Chef, wenn mein Mann nicht da ist - und wenn er da ist, auch.”

Im Nu schwindet das Präsidiale im Konterfei des MP zugunsten des schelmischen Grinsens eines Till Eulenspiegels: „Wir haben eine klare Aufgabenteilung: Meine Frau kümmert sich um das Normale, und ich bin für die wichtigen Dinge zuständig - etwa wenn es um die Aufnahme von China in die EU geht.”

Apropos Toulon. Was bindet ihn an die Hafenstadt, 70 Kilometer südöstlich von Marseilles? „Es ist diese wunderbare mediterrane Lebensform, die wir im übrigen im Rheinland als einzige mediterrane Gegend Deutschlands auch kennen.”

Gleichzeitig pflegt der AKV-Ritter 2010 dort eine Posthum-Selbstbehauptung gegenüber seinem verstorbenen Vater, dem Elektromeister: „Ich liebe es, in unserem Ferienhaus Badekacheln oder Leitungen zu verlegen. Es ist wichtig, etwas mit den Händen zu tun. Obwohl mein Vater immer gesagt hat, ich solle es lieber lassen, weil ich zwei linke Hände hätte.”

Zumindest die rechte Hand scheint ein Problem zu sein. Mit der pflegt der Ministerpräsident zu schreiben - spricht dabei von einer „Sauklaue”, die inzwischen „eine Reihe von Mitarbeitern besser lesen können als ich”. Was ihn einst dazu inspirierte, in die Schulpolitik einzugreifen und das Erlernen des „Bogenschreibens” anzuregen.

Längst hat der Ritter im Wartestand seine vor der Brust gekreuzten Arme gelöst, ist aus der Tiefe des Ledersessels nach vorne auf die Sitzkante vorgerückt und wippt auch nicht mehr mit dem linken Bein. Ganz entspannt ist er im Hier und Narrensein.

Was uns noch mal über Mario Adorf sprechen lässt. Nein, er habe „keine Ahnung”, was der Vorjahresritter in seiner Laudatio plane. Doch sein Vertrauen sei groß: „Ich mag ihn, nicht nur als Schauspieler. Er ist einfach auch ein unheimlich freundlicher Mensch.”

„Lebe deinen Traum!”

Auf dieses Prädikat dürfte ein Alt-Bundeskanzler lange warten. Vor einigen Jahren beantwortete Rüttgers die Frage nach seinem Lieblingsschauspieler cool mit „Gerhard Schröder”. Eine inzwischen überholte Festlegung. „Denn der ist ja von der Bühne gegangen”, witzelt der MP.

Gibt es einen Neuen im politischen Geschehen? Jetzt merkt man, dass dieser durchweg freundliche Gesprächspartner richtig „fies” ins närrische Mark treffen kann: „Nein! Einen Nachfolger gibt es nicht. Das müsste ja jemand sein, der eine Rolle übernimmt, die nichts mit dem zu tun hat, was er wirklich denkt.” Tusch.

Wir lassen das Gespräch ausklingen mit einer Kurzanalyse seines Lebensmottos „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum.” Und das in der Politik? Sorry, Herr Ministerpräsident, das kann doch nicht Ihr Ernst sein? Rüttgers zuckt ungerührt mit den Schultern: „Ich bin einfach gerne Landesvater dieses wunderschönen Nordrhein-Westfalens. Mit Widerständen, mit Ärger habe ich gelernt zu leben - wie andere in ihren Berufen auch.”

Aber die Erfüllung sei für ihn die Begegnung mit den Bürgern, ihre Erzählungen, auch ihre Bitten um Hilfen: „Für Menschen etwas zu tun, das ist das, was mich wirklich bewegt.” Und er berichtet vom Beispiel des Fonds, mit dem inzwischen 80000 Kinder versorgt werden, die „sonst ohne Frühstück in die Schule gehen würden”. Dann kommt er auf die Ehrenamtlichen zu sprechen, „die so unendlich wichtig sind für unser Land”.

Am Ende begleitet uns Jürgen Rüttgers noch zur Tür, schnappt sich einen Haufen Karnevalsorden und lässt ihn klimpern. Der Printenmann steht inzwischen wieder in der Ecke. Die Arbeit kann weiter gehen. Bis Montag. Dann rückt der AKV wieder an und präsentiert seinen Ritter im Düsseldorfer Medienhafen. Und wird weiterhin rund um seinen Auftritt einen Mantel des Schweigens hängen. Eines jedenfalls glauben wir jetzt zu wissen: Das nächtliche Lied im Bett ist eingeplant.

Am Samstag, 30. Januar, gegen 11.30 Uhr, ist der designierte AKV-Ritter Jürgen Rüttgers hautnah in der Aachener Elisengalerie zu erleben. Begleitet wird er dabei unter anderem von den Ex-Rittern Mario Adorf, Joachim Hunold, Thomas Borer und Ordenskanzler Freiherr Heereman von Zuydtyck.

Moderiert wird die Veranstaltung von AKV-Elferrat Rolf Gerrards und unserem Redakteur Manfred Kutsch. Talkrunden mit der ritterlichen Prominenz werden umrahmt vom Auftritt der „Jonge vajjen Beverau”.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert