Aachen - Reitställe greifen nach dem letzten Strohhalm

Reitställe greifen nach dem letzten Strohhalm

Von: Manfred Kutsch
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Noch einmal kräftig zulangen:
Noch einmal kräftig zulangen: Dieses Pferd genießt einen extrem teuer gewordenen Happen Stroh, der auf dem deutschen Markt zum gelben Gold geworden ist. Ab Februar 2012, so befürchtet die Vereinigung Deutscher Freizeitreiter und -fahrer, werden die letzten Reserven verbraucht Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Die NRW-Vereinigung der Freizeitreiter und -fahrer (VFD) und die Landwirtschaftskammer schlagen gemeinsam Alarm. Die Reitställe im Land, darunter Dutzende in der Region, kämpfen derzeit um die nackte Existenz.

Grund ist der rapide Preisanstieg von Stroh und Heu. „Wir zahlen inzwischen 300 bis 400 Prozent mehr als normal”, klagt etwa Renate Dahmen, in deren Reitstall in Horbach 30 Pferde untergebracht sind: „Wir wissen keinen Rat mehr und versuchen, die Krise auszusitzen.” Ihr Futter bezieht sie inzwischen aus Frankreich und Spanien.

André Uphoff, neuer Pächter des Würselener Reitstalls Teuterhof, hat mit ähnlichen Preissteigerungen zu kämpfen und mit einem weiteren Problem: „Das, was wir an Stroh bekommen, hat zudem längst nicht die gewohnte Qualität.” Dessen Leidensgenossin Elke Stenten, Kassenwartin des Aachener Reitvereins Gut Hanbruch, stöhnt: „Der Preis eines Quaderballen Heu ist bereits im vorigen Winter von 55 auf 85 Euro gestiegen - und das wird in diesem Winter noch wesentlich mehr.”

Die Gründe der Misere sind vielfältig, allen voran insbesondere wetterbedingt: Wegen der Trockenheit des Frühjahres fiel der Graswuchs extrem langsam aus -entsprechend kurz waren die Halme. Die Regenarmut habe auch dazu geführt, dass die Getreidehalme für Stroh kürzer als sonst waren - sagt Bernhard Rüb, Sprecher der Landwirtschaftskammer NRW.

Im nassen Sommer blieben zudem viele Strohballen draußen im Regen liegen und litten in ihrer Qualität. Insgesamt sei die Heuernte um 30 bis 40 Prozent geringer ausgefallen als üblich, so Rüb.

„Ab Februar nichts mehr”

Doch damit nicht genug. Die pferdereichen Niederlande bedienen sich zunehmend auf dem deutschen Markt. Dort aber pflanzen Bauern statt Getreide vermehrt Mais für Biogasanlagen an. Alles zusammen führte zu den rapiden Preissteigerungen.„Es ist eine Katastrophe”, sagt die 47-jährige Gabi Breuer, Inhaberin des Reitstalls Breuer nahe des holländischen Vaals. „Wir denken derzeit Tag für Tag darüber nach, wie es weitergehen soll.” Wenn sie die Mehrkosten über die Boxenmiete ihrer 40 Pferde kompensieren wolle, dann müsste sie statt 320 Euro monatlich 400 Euro kassieren. Aber: „Dann wäre die Hälfte der Stallungen bald leer, weil das niemand bezahlen würde.”

Zumal die Pferdebranche in den letzten Jahren zunehmend Konkurrenz von Bauern bekommt, die sich von ihren Kühen trennen und die Ställe für Pferde umrüsten: „Die können Heu und Stroh selber und damit preiswert herstellen, während wir auf Einkäufe angewiesen sind”, sagt Gabi Breuer.

Ein Großpferd ist hungrig. Dreimal am Tag bekommt es Kraftfutter, in dem strohhaltiger Hafer enthalten ist, dazu zweimal Raufutter, sprich Heu, insgesamt etwa acht bis zehn Kilo.

Eine Tonne Heu kostet inzwischen 270 Euro statt 120 Euro. Ein Kleinballen Heu hat den Wert von fünf bis sechs Euro - vor einigen Jahren lag der Preis noch unter zwei Euro, rechnet Gabriele Eichenberger unserer Zeitung vor. Sie ist die Sprecherin der NRW-Vereinigung für Freizeitreiter und -fahrer und sieht die Zukunft ziemlich schwarz: „Ab Februar 2012 werden wir so gut wie kein Stroh oder Heu mehr auf dem deutschen Markt haben.” Denn das Dramatische sei: „Bereits die Ernte der letzten drei Jahre war äußerst schwach. Seitdem sind alle Reserven verbraucht worden.”

Langfristig müssten die Reithöfe „nicht nur wesentlich bewusster mit ihren Ressourcen umgehen”. Da sei auch beim Stallbelag in zu kurzen Intervallen „viel Stroh verschleudert worden”. Nein, die Branche müsse grundsätzlich umdenken: „Ich sehe als Alternativen nur Ersatzmittel wie Hanfstroh, Sand, Papierschnitzel oder spezielle Drainage-Gummimatten mit entsprechend weniger Stroh.” Da könnten zwei Drittel des so wertvoll gewordenen Gutes eingespart werden.

Keine Hoffnung auf bessere Zeiten

Beim Futter freilich sieht sie keine Ausweichmöglichkeiten - vielleicht einmal abgesehen von Silage, einem konservierten Futtermittel, das aber auch nicht alle Pferde vertragen. Der deutsche Markt sei im Keller. Und so pferdearme Regionen wie etwa das Sauerland würden in Anbetracht der großen Nachfrage die Situation ausnutzen und die Preise entsprechend hochschrauben.

Bleibt der Import aus Frankreich, vielfach auch aus Tschechien und Polen. Und was ist mit der Hoffnung auf bessere Zeiten und Ernten?

Es sind nicht nur die Strukturveränderungen in der Landwirtschaft wie etwa der stetig wachsende Silomaisanbau für die Biogasbranche, die Gabriele Eichenberger daran zweifeln lassen. Im Visier hat sie dabei die zunehmenden Wetterschwankungen. „Auch mit Blick auf die letzten Jahre sage ich: Es wird immer wieder Missernten geben.” Wie in diesem Jahr, in dem die Bauern ein Minus von 50 Prozent registrieren, beim Hafer sogar bis zu 70 Prozent. „Was sollen wir machen?”, fragt Reitstallinhaberin Gabi Breuer verzweifelt: „Wir können ja die Pferde schließlich nicht verhungern lassen.”

197 eingetragene Reitställe

In Deutschland gibt es 197 eingetragene Reitställe mit 5296 Boxen. Die durchschnittliche Boxenzahl liegt bei 26, die größte bei 135.

Rund 1,24 Millionern Menschen betreiben regelmäßig Pferdesport. Rechnet man Jugendliche bis 14 Jahre hinzu, ergibt sich eine Gesamtanzahl von rund 1,6 Millionen Reitern.

Laut einer Untersuchung des Marktforschungsinstitutes Ipsos gibt es in Deutschland insgesamt 8,74 Millionen Pferdesportinteressierte.

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