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Reaktorbehälter wird Jahrzehnte in Jülich bleiben

Von: René Benden
Letzte Aktualisierung:
Rekatorbehälter Jülich AVR
Die Hülle um den Reaktor wurde am Donnerstagmorgen entfernt. Foto: dpa
Reaktorkern neu
Der Reaktorbehälter ist knapp 2000 Tonnen schwer. Foto: René Benden

Jülich. Da stand Dieter Rittscher Donnerstagmorgen und fühlte sich hin- und hergerissen. Eigentlich wäre dem technischen Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor (AVR) nach Feiern zumute gewesen. Sein Team hatte in den vergangenen 48 Stunden eine weltweit einzigartige Demontageaktion erfolgreich hinter sich gebracht.

Mit armdicken Stahlseilen war der knapp 2000 Tonnen schwere ehemalige Hochtemperaturreaktor aus seiner Hülle gezogen und einige Meter weiter wieder abgesetzt worden. Doch darüber wollte kaum jemand etwas wissen. Das ärgerte Rittscher.

Viel mehr nämlich interessierte die eingeladenen Journalisten, was denn nun mit dem radioaktiven Methangas sei, das sich in der Reaktorhülle gebildet habe, warum man auf der Baustelle nicht filmen dürfe und warum die seit Jahren geplante Aktion erst weniger als 24 Stunden vor ihrem Beginn der Öffentlichkeit mitgeteilt worden sei. Rittscher schluckte seinen Ärger   professionell herunter und erklärte, dass man aufgrund des öffentlichen Drucks nun doch das Filmen erlaube.

Die kurzfristige Ankündigung der Aktion sei der Genehmigung der Aufsichtsbehörden geschuldet, die erst am Montag erteilt wurde. Und, ja, das radioaktive  Methangas im Reaktor sei zunächst nicht eingeplant gewesen. „Aber wir haben herausgefunden, dass dieses Methangas bereits während der Betriebsphase des Reaktors entstanden ist und nicht erst jetzt“, betonte Rittscher. Die Situation im Reaktor sei unproblematisch und behördlich genehmigt. Das Gas müsse seiner Einschätzung nach nicht regelmäßig abgepumpt werden. Dies sei auch immer kommuniziert worden – in Fachkreisen, wie Rittscher konkretisierte.

Und damit sprach Rittscher beiläufig das Kommunikationsproblem an, das sich um den Jülicher Reaktor aufgebaut hat. Weder AVR noch das Forschungszentrum und auch nicht die Aufsichtsbehördenhaben ein zuverlässiges Gespür dafür, welche Informationen beim Rückbau des Reaktors von öffentlicher Relevanz sein könnten. Ob dieses mangelnde Gespür Zufall, Absicht oder eine Mischung aus beidem ist, kann man nicht sagen.

Jedenfalls nährt es das öffentliche Misstrauen bei allen Dingen, die mit dem Reaktor zu tun haben. Ein Misstrauen, das mit Blick auf die  Geschichte des Reaktors absolut angebracht ist. Ein Expertenbericht zur Aufarbeitung der Betriebsphase des Hochtemperaturreaktors hatte vor einigen Monaten belegt, dass Vertuschen und diskretes Verschweigen problematischer Details fester Bestandteil der Kommunikationsstrategie auf allen behördlichen und betrieblichen Ebenen war.

Und so tat Rittscher am Donnerstag, was er tun konnte, um Ängste vor den Gefahren des Reaktors zu zerstreuen. Von dem Reaktor gehe nur eine äußerst geringe Gefährdung aus – jetzt und auch später, wenn er in seinem neuen Zwischenlager abgelegt sei. Dorthin soll er im kommenden Frühjahr transportiert werden. Das Lager sei bezugsfertig und müsse strengen Auflagen gerecht werden. Es müsse stets dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik entsprechen, sagte Rittscher. Das bedeutet, dass das Lager regelmäßig modifiziert werden muss. Geht das nicht mehr, muss es neu gebaut werden.

Etwas später am Tag, als er die Gruppe von Journalisten über die AVR-Baustelle im Forschungszen­trum Jülich führte, hatte Rittscher sich entspannt. Der Ärger war sichtbarem  Stolz über die geleistete Arbeit gewichen. Auch kritische Fragen störten ihn nun nicht mehr. Wie teuer der Rückbau endgültig werden würde, könne er nicht seriös beantworten. Das hänge maßgeblich davon ob, wie schwer der Boden unterhalb des riesigen Fundaments durch den Störfall von 1978 vergiftet worden sei. Und wie lange der Reaktor noch in Jülich gelagert werden müsse?  „Noch sehr lange. Vielleicht 40, 60, 80 Jahre, vielleicht länger,“ antwortete Rittscher mit einem skeptischen Gesichtsausdruck. Dann entspannte er sich wieder und legte nach: „Ach wissen Sie, ich kann Ihnen diese Frage ehrlich nicht beantworten. Es ist völlig offen, wann es dafür ein geeignetes Endlager geben wird.“

Nur selten hat man Verantwortliche des Jülicher Versuchsreaktors so offen über die kommenden Jahrzehnte dieses fehlgeschlagenen Experiments reden hören. Vielleicht hat diese Art der Kommunikation in Zukunft ja eine Chance.

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