Köln - Quälendes Geduldsspiel zwei Jahre nach Archiv-Einsturz

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Quälendes Geduldsspiel zwei Jahre nach Archiv-Einsturz

Von: Yuriko Wahl, dpa
Letzte Aktualisierung:
Zwei Jahre Archiveinsturz in Köln
Baukräne stehen am Montag (28.02.2011) an der Einsturzstelle des Stadtarchivs in Köln. Am Donnerstag (03.03.2011) jährt sich der Einsturz des Kölner Stadtarchivs zum zweiten Mal.

Köln. Vor zwei Jahren stand Köln unter Schock. Das Historische Stadtarchiv mit 30 Regalkilometern wertvoller Dokumente, Urkunden und bis zu 1000 Jahre alten Kostbarkeiten stürzte in sich zusammen.

Zwei angrenzende Häuser wurden mitgerissen, zwei junge Männer starben.

„Eines des dunkelsten Kapitel in der Stadtgeschichte”, sagt Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) am Montag zum zweiten Jahrestag der Katastrophe vom 3. März 2009. Die Aufarbeitung des Unglücks und die Ursachenermittlung werden zum quälenden Geduldsspiel.

Heute sind rund 90 Prozent der Bestände - zu 85 Prozent in einem mittel bis schwer beschädigten Zustand - geborgen. Aber: „Geborgen heißt nicht gerettet”, betont Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia. Hätte man 200 Restauratoren an der Hand, würde es 30 bis 50 Jahre bis zur kompletten Wiederherstellung dauern. Aber so viele Spezialisten für die mittelalterlichen Handschriften oder Unikate der frühen Neuzeit zusammenzubekommen, ist eher unwahrscheinlich. Und es muss mit 400 Millionen Euro Restaurierungskosten kalkuliert werden. Zudem soll bis 2015 ein neues Archiv-Gebäude stehen.

Insgesamt wird die Katastrophe mit einer Milliarde Euro zu Buche schlagen, glaubt Roters. Drängend sei die Frage nach der Ursache und der Verantwortung. Die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) bauen direkt am Unglücksort eine U-Bahn-Haltestelle, was gesichert mit dem Unglück zusammenhängt. Wie genau sich der Einsturz am 3. März 2009 ereignete und wer Schuld daran hat, ist aber noch unklar. „Ich verstehe die große Ungeduld der Stadt, vor allem auch bei den Betroffenen (...) Ich verstehe auch den Unmut”, erklärt KVB-Vorstandssprecher Jürgen Fenske. Aber die Aufklärung sei komplizierter als gedacht.

Die Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt werden durch schwierige Zustände am Einsturzort ausgebremst. Oberstaatsanwalt Günther Feld sagt der Nachrichtenagentur dpa: „Man kann keineswegs versprechen, dass die Unglücksursache noch in diesem Jahr geklärt wird.” Die Ermittler sind nicht untätig: Mehrfach durchsuchten sie Büros von baubeteiligten Unternehmen und KVB, beschlagnahmten bergeweise Material. Zuletzt traf es Mitte Februar den federführenden Bauriesen Bilfinger Berger und die Firma Brunnenbau Conrad. Trotzdem schränkt Feld ein: „Ob wir alles Relevante gefunden haben, wissen wir nicht.”

Die Ungeduld wächst. Das Kölner Landgericht verlangte jüngst zügige Ursachenaufklärung - und gab Stadt und KVB auf, dafür ein Besichtigungsbauwerk am Einsturzort zu errichten. Das mehrere Millionen Euro teure Bauwerk kommt ab Sommer. Bis es Erkenntnisse aus 33 Meter Tiefe geben wird - dort könnte Grundwasser eingedrungen sein als Folge von Defekten an einer wichtigen Schlitzwand - dauert es dann aber noch einmal mindestens ein Jahr, glaubt die KVB.

Bisher zahlte die KVB gut fünf Millionen Euro Entschädigung an 213 Betroffene. Es stehen aber noch juristische Gefechte an. Einige Betroffene klagen gegen die KVB, weil sie mit der Entschädigung nicht einverstanden sind. Fünf Klagen richten sich aktuell zudem gegen die Stadt - private Leihgeber verlangen Schadenersatz. Bis Ursache und Verantwortliche ermittelt sind, ruhen die Verhandlungen aber.

Im Zuge der komplexen Ermittlungen kamen Pfusch und Fehler an Kölner U-Bahn-Baugruben ans Licht, die KVB fand auch gefälschte Bauprotokolle. Das Vertrauen der Kölner war erschüttert, bundesweit gab es böse Schlagzeilen. Besonders schreckte auf, dass Stahlbügel aus der Baustelle gestohlen worden waren, die zur Stabilisierung nötig sind. Aber wenigstens das ist laut Oberstaatsanwalt Feld inzwischen geklärt: „Die geklauten Stahlbügel waren nicht die Einsturzursache.”
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