Aachen - Psychotherapeut: Eine Ausbildung, die ihren Preis hat

Psychotherapeut: Eine Ausbildung, die ihren Preis hat

Von: Lee Beck
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Obwohl Psychotherapeuten stark gefragt sind, ist die Ausbildung immer noch lang und teuer: Der Unmut unter den Studenten, die später als Psychotherapeuten arbeiten wollen, wächst und gipfelt immer wieder in Demonstrationen wie in dieser in Berlin. Foto: dpa

Aachen. Katrin Müller (Name von der Redaktion geändert) möchte Psychotherapeutin werden, und das ist nicht die schlechteste Idee, denn Psychotherapeuten sind gefragter als je zuvor. Es gibt Kassenpatienten, die Monate auf einen Termin warten müssen.

Katrin Müller hat also ein fünfjähriges Vollzeitstudium mit Master-Abschluss hinter sich gebracht und darf sich nun Psychologin nennen. Therapieren darf sie aber noch nicht. Für viele ist der Uni-Abschluss der Start ins Berufsleben. Doch von dem ersten Gehaltscheck kann Katrin Müller erst einmal nur träumen. Nach dem Master-Abschluss kommt die Therapeutenausbildung: 20.000 bis 30.000 Euro kostet die theoretische Ausbildung, die am Wochenende stattfindet und bis zu drei Jahre dauern kann. Unter der Woche könnte die 27-Jährige ja arbeiten gehen – denkt man.

Müller hat dunkle Augenränder unter den Augen, wirkt müde und abgehetzt. Montags bis freitags leistet die Psychologin ihre Pflichtstunden, den praktischen Teil der Therapeutenausbildung, in einer Klinik ab. 1200 Stunden in einer Klinik sind vorgeschrieben und dazu kommen 600 Stunden, die entweder in einer Klinik oder einer Praxis abgeleistet werden müssen. Das sind in der Summe 1800 geleistete Arbeitsstunden, die mit keinem Cent entlohnt werden und über den Zeitraum eines Jahres abgearbeitet werden müssen. Nebenbei jobbt sie für 8,50 Euro die Stunde, um wenigstens ein bisschen Geld in der Tasche zu haben.

Praktikanten oder Auszubildende?

Nach einer halben Stelle als Psychologin hat sie sich umgeschaut. Die werden noch seltener ausgeschrieben als volle Stellen. „Und selbst da gibt es nur wenige Jobangebote“, sagt sie. Auch ihre Eltern unterstützen Katrin Müller noch finanziell. Nach Chancengleichheit hört sich das nicht an.

Der Sprecher der Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) in Nordrhein-Westfalen, Peter Freytag, klärt auf: „Der Status der Psychotherapeuten ist in Deutschland gesetzlich in der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung nicht geregelt.“ Sind sie nun Praktikanten oder Auszubildende? Keiner weiß das so genau. Und weil es eben gesetzlich nicht vorgeschrieben ist, zahlt auch das Aachener Klinikum, zum Beispiel, in dem angehende Psychotherapeuten ihre Stunden ableisten können, den Auszubildenden keinen Lohn, sagt Ute Habel, leitende Psychologin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Klinikum. Früher zahlte die Einrichtung für die abgeleisteten Stunden. Jetzt nicht mehr, weil es keine Vorgaben gibt.

Ute Habel weist die Schuld von den Einrichtungen. Die Entscheidung dürfe man nicht einfach den Kliniken überlassen, da brauche man eine klare Regelung, fordert sie. Als Faustregel gilt: In den Ballungsräumen gibt es meistens nichts, je weiter man aufs Land hinaus geht, desto mehr wird für die Arbeit in den Kliniken an die Auszubildenden ausgezahlt.

Peter Freytag ist der Meinung, dass die Handhabung der Ausbildung dem Beruf schadet. „Nicht unbedingt die Besten, sondern die Vermögendsten kommen weiter“, sagt er. Für viele ist das Aufbringen der großen Summe eine Herausforderung und schreckt ab. Vor allem, wenn sie noch nebenbei umsonst oder für wenig Geld arbeiten müssen. Manche können der Doppelbelastung nicht standhalten und werden nicht selten selbst psychisch krank. Auch im Bildungsausbildungsförderungsgesetz sind die angehenden Psychotherapeuten nicht eingeschlossen. Das heißt, auch Bafög fällt für sie weg.

Grundvoraussetzung für die Therapeutenausbildung ist ein abgeschlossenes Master-Studium – das sind wie in Müllers Fall mindestens fünf Jahre Vollzeitstudium, wenn alles gut geht. „Wir werden in den Kliniken wie ganz normale Arbeitskräfte eingesetzt“, sagt sie. Auch Peter Freytag bestätigt dies. Zu den Aufgaben gehören Einzeltherapien, Gruppentherapien und Diagnosen. Doch Ute Habel sieht das anders: „Die Auszubildenden stehen unter voller Supervision bei ihren Tätigkeiten.“

Die PiA-Vetretung NRW fordert im Zuge der Reform der Ausbildungsbedingungen, dass die Lebenshaltungs- und die Ausbildungskosten im Rahmen der erbrachten Tätigkeiten finanzierbar sein müssen. Auch staatliche Förderungsmöglichkeiten sollen geschaffen werden. Unklar ist ebenfalls, wie die Zugangsvoraussetzungen für die Ausbildungen sind. Während in NRW der Master-Abschluss in Psychologie nötig ist, reicht in anderen Bundesländern lediglich ein Abschluss ein Bachelor oder ein Fachhochschul-Abschluss, um mit der Ausbildung zu beginnen.

Der Schuldenberg

Für Katrin Müller ist dennoch Licht am Ende des Ausbildungstunnels zu sehen. Wenn sie sich nach ihrer Approbation Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie nennen darf, sehen die Jobaussichten gut aus. „Verhaltenstherapeuten werden überall gesucht“, sagt sie. Auch Ute Habel und Peter Freytag stimmen zu.

Einen gut bezahlten Job brauchen die meisten Psychotherapeuten nach der Ausbildung auch – um den Berg Schulden abzubezahlen.

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