Prügel und Arbeit: Studie über Heimkinder im Rheinland

Von: Petra Albers, dpa
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Köln. Sie mussten Erbrochenes essen, bekamen Prügel oder wurden eingesperrt: Heimkinder mussten in den 1950er und 60er Jahren auch im Rheinland Schlimmes ertragen.

„Es gab sie, die schwarze Pädagogik im Rheinland, je weiter zurück in der Geschichte, umso mehr”, lautet das Fazit einer Studie im Auftrag des Landschaftverbands Rheinland (LVR), die am Freitag in Köln vorgestellt wurde. Seit 2008 haben Wissenschaftler die Heimerziehung in den Einrichtungen des LVR und die Rolle des Landesjugendamtes (LJA) aus dieser Zeit untersucht. Es sei die bundesweit erste Studie dieser Art.

„In den Heimen gab es ein regelrechtes Kontroll- und Strafregime”, sagte Uwe Kaminsky von der Ruhr-Universität Bochum. Bei den Strafen habe es ein sehr breites Spektrum gegeben: Ausgehverbote, Arrest und körperliche Züchtigung - „das heißt Prügel mit der Hand, aber auch mit allen möglichen Gegenständen wie Stock, Teppichklopfer oder Gerte”. Zwar sollte der Eintrag in sogenannte Strafbücher verhindern, dass die Strafen zu drastisch ausfielen. „Aber in der Realität gab es Züchtigungen bis zur schweren Bewusstlosigkeit”, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Landschaftsversammlung Rheinland, Lorenz Bahr.

Seinerzeit waren sechs Heime in Trägerschaft des LVR, in denen jährlich insgesamt rund 1000 Kinder und Jugendliche untergebracht waren. 70 Prozent aller Heime im Rheinland befanden sich in kirchlicher Trägerschaft, 30 Prozent in der des LVR. Das LJA hatte aber die Aufsicht über alle Heime.

Eine wesentliche Ursache für die Zustände lag nach Erkenntnissen der Wissenschaftler in der Unterfinanzierung der Heime und des LJA. Wichtiger als die schulische Bildung der Kinder sei die Arbeit gewesen. „Es ging um eine Erziehung durch Arbeit und gleichzeitig um eine Erziehung zur Arbeit”, stellten die Wissenschaftler fest, die sich bei ihren Forschungen auf alte Akten und auf Interviews mit früheren Heimkindern stützten. Die Kinder mussten auf Bauernhöfen, in Werkstätten oder in den Heimen selbst arbeiten.

Ob sie damit einen Rentenanspruch erworben haben, sei noch ungeklärt, sagte der Vorsitzende des LVR- Landesjugendhilfeausschusses, Jürgen Rolle. Auch die Frage der Entschädigungen sei noch offen. Der LVR wolle sich dabei an den für Jahresende erwarteten Empfehlungen des Berliner Runden Tisches orientieren, der das Thema bundesweit aufarbeitet.

Insgesamt waren in Westdeutschland zwischen 1949 und 1975 in rund 3000 Heimen bis zu 800 000 Kinder untergebracht, davon 500 000 in konfessionell geführten. Seit Anfang vergangenen Jahres untersucht der Runde Tisch unter Vorsitz der früheren Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne) das dunkle Kapitel in den Heimen. An den Treffen nehmen Vertreter von sozialen Verbänden, Kirchen und Staat sowie von Betroffenen-Verbänden teil.

Eine ähnliches Forschungsprojekt wie der LVR betreibt auch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Ergebnisse sollen Ende des Jahres vorliegen.
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