Aachen - Prorektor Krieg: „Wir fangen das Gefühl unserer Studierenden ein”

Prorektor Krieg: „Wir fangen das Gefühl unserer Studierenden ein”

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„Wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut”: Studenten auf dem Höhepunkt des Bildungsstreiks am 17. November vor dem Hauptgebäude der RWTH Aachen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Der am Ende so erfolgreich „Bildungsstreik 2009” hatte auch in Aachen 2500 Studierende auf die Straße und rund 100 Kommilitonen sogar zur Besetzung eines Hörsaals an der RWTH getrieben.

Wenn man Rektor Ernst Schmachtenberg (57) und dem Prorektor für Lehre, Aloys Krieg (53), zuhört, darf man sich manchmal wundern, wogegen denn hier protestiert wurde. Aus Rektoratssicht scheint die Bolognisierung der TH recht ordentlich zu verlaufen. Die Fragen stellte Axel Borrenkott.

Der Bundespräsident gratuliert den Studenten zum Erfolg des „Bildungsstreiks”. Alle Parteien im Bundestag finden auf einmal: Der Protest war richtig. Hätten Sie das vor drei Wochen gedacht?

Ernst Schmachtenberg: Für mich ist das eine erfreuliche und deutliche Wende, weil die Politik sich bis dahin der Diskussion verweigert hatte. Mit solchen Aussagen spürt man doch, dass die Politik sieht, dass wir im Bildungssystem strukturelle Probleme haben, die die Hochschulen auch seit vielen Jahren anmahnen.

Der Bologna-Prozess sieht derzeit insgesamt aber nach einem grandiosen Schlamassel aus.

Aloys Krieg: Das sehe ich - für die RWTH - so überhaupt nicht. Wir haben sicherlich die normalen Probleme, die wir auch bei Einführung eines neuen Studiengangs haben. Das Problem ist, dass sich diese Probleme häufen, weil wir so viele - rund 100 - Studiengänge auf einmal umstellen. Wir reden mit den Studierenden. Wir fangen das Gefühl der Studierenden ein: Was sollen wir ändern? Und wir ergänzen das durch objektive Erhebungen, um klar zu haben: Sind die Vorgaben nun realistisch oder nicht?

Schmachtenberg: Man muss das auch unterschiedlich betrachten. Bei der Umstellung im Bologna-Prozess sind ja die ganz wesentlichen Elemente die Modularisierung und dass wir Kreditpunkte für bestimmte Studienabschnitte vergeben. Das war im Prinzip früher in den naturwissenschaftlich-technischen Studiengängen auch schon so, so dass das da eine einfache Umstellung ist. In vielen Studiengängen der Geistes- und Sozialwissenschaften ist das aber neu. Und gerade an Hochschulen mit diesen Schwerpunkten ist die Umstellung besonders kompliziert. Krieg: Wir haben in der Tat unterschiedliche Kulturen und für die Geisteswissenschaftler ist das ein extremer Wandel der „Lern”-Kultur.

Es war aber mal ein guter Sinn gerade des geisteswissenschaftlichen Studiums, sich etwas Zeit und Freiheit zu nehmen.

Krieg: Wenn wir das irgendwo überzogen haben in einzelnen Fächern, dann müssen wir da zurückdrehen, um auch diese Freiheiten etwa in Form von Wahlpflichtfächern zu haben. Wir sind auch durch die Akkreditierungsagenturen, die die Studiengänge bewerten, gezwungen, bestimmte Prüfungselemente sehr kleinteilig abzufragen. Aber auch da sind wir auf dem Weg zurück, das viel großzügiger zu handhaben.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan behauptet: Das Problem sind nicht die politische Vorgaben, sondern handwerkliche Fehler der Hochschulen.

Schmachtenberg: Das trifft hier nicht die richtigen. Ich finde, dass wir in Aachen in vielen Fächern eine sehr, sehr gute Umstellung haben. Wir wissen noch nicht alle Ergebnisse. Aber wir haben den Eindruck, dass sich die Quote der Abbrecher deutlich reduziert in den technisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Das war eines der großen Ziele, das wir hatten. Im Moment werden viele Dinge über einen Kamm geschert. Aber ich glaube, die Aachener haben sich hier nichts vorzuwerfen.

Krieg: Ich habe eine Erhebung in meinem Fach Mathematik gemacht. Bei vier von 20 Modulen, hatten Vertreter der Fachschaft Kritik. Bei dreien sagten sie „da fühlen wir uns überfordert”. Beim vierten sagten sie, „das wollen wir lieber schwerer”.

Wer hat denn dann hier überhaupt protestiert?

Schmachtenberg: Man muss das nüchtern sehen. Ich hatte mir das ja persönlich angeguckt in dem „besetzten” Hörsaal. Das waren zur Hälfte Externe, die nach Aachen gereist waren, um einen bundesweiten Protest anzustoßen. Es sind aber auch unsere Studenten, quer über die Fächer. Man muss auch sehen, dass es an bestimmten Stellen dem ein oder anderen weh tut. Ich habe da im Hörsaal um Verständnis gebeten. Ich habe das verglichen mit dem Training in einer Top-Fußballmannschaft. Das tut auch manchmal weh. Aber wenn man ein Top-Spieler werden will, muss man sich auch anstrengen.

Aber die Trainer bleiben?

Schmachtenberg: Die müssen dann abtreten, wenn die Spiele schlecht sind! Also, wenn Absolventen draußen in der Wirtschaft schlechte Noten bekommen. Davon haben wir aber bisher nichts gehört.

Innovationsminister Andreas Pinkwart zeigt mit Finger auf die Hochschulen: Sie sollen mehr Dozenten einstellen, sie hätten genug Geld dafür.

Krieg: Die Studiengebühren werden an der RWTH zu hundert Prozent ausgegeben. Wir versuchen auch, Dauerstellen einzurichten, daran hapert es. Dazu ist die Zustimmung der Studierenden erforderlich, aber auch hier sind wir auf einem guten Weg.

Was machte den Studentenprotest im Herbst im Ergebnis so viel druckvoller als den im Sommer ?

Schmachtenberg: Ich glaube, dass von allen Seiten immer klarer wird, dass ein wesentlicher Hebel für die Zukunft unserer Gesellschaft die Bildung ist. Man ist sozusagen jetzt sensibilisiert. Insofern freue ich mich, dass dieser Protest jetzt auf offenere Ohren stößt, auch in der Politik.

Bologna war nötig, nur die Umsetzung ist (teilweise) misslungen, sagen die Bildungspolitiker jetzt. War Bologna nötig?

Krieg: Wir haben ja im ingenieurwissenschafltichen Bereich lange darum gerungen, das Diplom zu erhalten, weil wir davon auch internationale Vorteile haben. Auf der anderen Seite kommt mir das ein bisschen vor wie bei der D-Mark, der auch viele Leute hinterhertrauern. Da kommt so ein bisschen Nostalgie auf, dass „früher alles besser” war.

Wurde der Bologna-Prozess nicht in Wahrheit vorangetrieben, um mehr Studierende durch die Unis zu schleusen?

Schmachtenberg: Nein, nein. Das primäre Ziel war die Herstellung eines einheitlichen europäischen Bildungsraums. Dann wurden an diesen Bologna-Prozess viele andere Forderungen angekoppelt. Ich glaube, dass wir in Zukunft tatsächlich eine bessere internationale Vergleichbarkeit haben und damit mehr Mobilität. Was wir aber noch im einzelnen umsetzen müssen, sind die mit der Reform gekoppelten Ziele, zum Beispiel die Verbesserung der Absolventenquote, die Vereinheitlichung der Arbeitsbelastung für die Studierenden, die Vereinheitlichung der Prüfungen.

Alle NRW-Rektoren haben vorige Woche ein Memorandum unterschrieben, nach dem eben das alles geprüft werden soll. Was wird nun konkret an der RWTH verbessert?

Krieg: Wir setzen die Forderungen doch schon um. Und wir werden jetzt und künftig semesterweise prüfen wie der Fortschritt ist. Unser primäres Ziel ist wirklich, die Absolventenquote zu erhöhen. Und dazu müssen wir regelmäßig mit den einzelnen Fakultäten reden, schauen, wie weit die gekommen sind, und wo wir Hilfestellung geben müssen.

Ich verstehe Sie also richtig: Sie haben aufgrund des neuerlichen Protests an der RWTH gar nicht viel ändern müssen?

Krieg: Wir haben unsere laufenden Optimierungsprozesse etwas beschleunigt.

Wurde Bologna durch Exzellenz beeinträchtigt - schon durch den Aufwand, der für beide Prozesse zu leisten war und ist?

Schmachtenberg: Der Aufwand für beides ist beträchtlich, das stimmt schon. Aber Exzellenz und gute Lehre schließen sich doch nicht aus. Im Gegenteil, ein Hochschullehrer, der exzellent in der Forschung ist, der weiß auch, was er seinen Studenten zu erzählen hat, wohin sich das Fach entwickelt, das die jungen Leute studieren. Worum ich mir Sorgen mache, das ist die hohe Arbeitsbelastung der Professoren auf beiden Feldern. Wir gehen demnächst in die neue Exzellenz-Runde hinein und müssen gleichzeitig die Studienreform vorantreiben. Es ist keine Frage: Die Hochschulen brauchen einfach mehr Personal!.

Die Hochschulrektoren bitten die Studenten um mehr Geduld, hieß es auf ihrer Konferenz in Leipzig. Was raten Sie Ihren Studenten?

Schmachtenberg: Wenn Studenten das Gefühl haben, dass etwas missglückt, dann müssen Sie zu ihren Studiendekanen gehen und zu ihren Fachschaften. Dann müssen sie ihre Kritik äußern. Wir sind in jedem Fall bereit, auch im Einzelfall, dann nachzuschauen. Es kann nicht sein, dass diese Reform auf dem Rücken der Studenten ausgetragen wird.

Krieg: Ich bin wirklich stolz auf unsere Studenten. Die sind kritisch und konstruktiv. Das ist viel schwieriger als fundamental dagegen zu sein wie das an einigen anderen Universitäten der Fall ist.

Und was wünschen Sie den Professoren?

Schmachtenberg: Wir brauchen in der Tat die Kraft, diese hohe Beanspruchung auszuhalten. Professionalität, die Konzentration auf das Wesentliche und die Hoffnung auf Entlastung durch mehr Personal sind die Aspekte, mit denen wir diese Herausforderungen schaffen.
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