Polizei, die der Krimi im Fernsehen nicht zeigt

Von: Felix Lennertz
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Geiselbefreiiung mit Publikum: Bei einer spektakulären Aktion im Elisengarten seilten sich sechs Mitglieder eines Spezialeinsatzkommandos aus einem Hubschrauber über dem Elisengarten ab - um dann aus dem Fahrzeug im Bild eine „Geisel” aus den Fängen zweier „Entführer” zu befreien. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Und dann geht es auf einmal ganz schnell. Innerhalb weniger Sekunden dröhnt der schwarze Hubschrauber, ein Eurocopter 155, über das Haus der Kohle und in den Elisengarten. In 15 Metern Höhe, das ist so niedrig, dass man ihn fast anfassen kann. Er ist irre laut, er wirbelt jedes letzte Staubkorn auf.

Zack, zack, zack: Sechs vermummte Männer seilen sich ab, springen in den Elisengarten, werfen Blendgranaten auf das Auto, das in diesem Moment hinter der Rotunde des Schinkel-Baus entlangrollt. Die Männer eines Spezialeinsatzkommandos der Polizei (SEK) reißen die Türen auf, überwältigen die verdatterten Bankräuber, retten ihre Geisel. Keine Schüsse, kein Blut - die Aktion, eine Demonstration einer Geiselbefreiiung, ist also eigentlich ideal gelaufen. Wäre nicht ein großer Ast an einem alten Baum im Elisengarten abgebrochen, vom Luftdruck, den der Eurocopter im Schwebflug erzeugt. Der Ast erwischt leider Gottes sechs Menschen, sie werden leicht verletzt. Drei von ihnen, darunter ein 12-jähriges Mädchen, werden zur Beobachtung in ein Krankenhaus gebracht.

Das Spektakel im Elisengarten ist unbestritten der Publikumsmagnet des Tages. In der Innenstadt ist Tag der Polizei. Zehntausende Menschen, und das ist der eigentliche Erfolg des Tages, kommen, um Polizei mal hautnah zu erleben. Fast alle Straßen und Plätze zwischen Markt und Kugelbrunnen sind an diesem Samstag Bühnen für die Freunde und Helfer aus ganz NRW, zur Selbstdarstellung. Na klar, aber auch, wie Landesinnenminister Ralf Jäger (SPD) formuliert, als Werbung für „gute Arbeit und als Freundschaftsangebot an die Bürgerinnen und Bürger des Landes”.

Das Angebot wird höchst rege angenommen. Ganz besonders von den vielen Familien, die mit ihren Kindern da sind. Am Markt zum Beispiel, wo ein anderer Polizeihubschrauber steht, da darf der Nachwuchs in der Pilotenkanzel Platz nehmen. Ein unbezahlbares Erlebnis, davon zeugt auch die Schlange vor dem Hubschrauber. Beste Motive für gelungene Erinnerungsfotos liefern zum Beispiel eine Vielzahl von Polizeimotorrädern - auf dem Markt, oder besser noch in der Blondelstraße. Platznehmen hinter dem Lenker? Kein Problem, der Freund und Helfer lässt das heute gerne zu.

In der Blondelstraße ist ein ganzer Parcours von überwiegend historischen Polizeifahrzeugen aufgereiht. Eine Menge alter Streifenwagen, vom Mercedes 170 D OTP („Offener Tourenwagen Polizei”), 40 PS von 1951, über den Opel Vectra der frühen Neunziger und den Passat sowie einen alten Volkspolizei-Wartburg bis hin zur aktuellen gepanzerten Mercedes-S-Klasse mit Haltevorrichtung für Maschinenpistolen in den Seitenverkleidungen der Türen sorgen für größtes Interesse bei Jung und Alt.

Ein falsches Bild

Man müsse wissen, sagt Ralf Meurer von der Polizei in Düren, dass so ein Polizeitag nicht nur nett, sondern vor allem wichtig sei. Das Bild, das viele Bürger von der Polizei habe, das sei häufig „völlig daneben”. In Zeiten von „Alarm für Cobra 11” und anderen TV-Produktionen ähnlicher Güte entstehe ein Zerrbild dessen, was die Polizei macht. „Selbst Tatort im Ersten kann ich mir kaum noch anschauen”, sagt Meurer. Das Bild sei unrealistisch, ein Großteil der Handlungsabläufe falsch wiedergegeben, zu stark werde dabei auf Kriminalität fokussiert. Und genau dieses falsche Bild könne die Polizei bei ihrer Arbeit nicht brauchen. „Wir stehen mittendrin im Leben, mitten unter den Bürgern, wenn sie so wollen. Da dürfen keine Berührungsängste sein.”

Der Fall Mirco, die Proteste im Stuttgarter Schlossgarten: In der Tat, die Polizei steht mittendrin. Gerade im Fall Mirco zeige sich immer wieder, wie sehr gute Polizeiarbeit eben vom einzelnen Bürger abhängt. „Jedes kleinste Detail ist wichtig, bitte denken Sie nicht, das wissen die bei der Polizei eh´ schon”, hat Willy Theveßen, Sprecher der Soko Mirco bei der Polizei in Mönchengladbach, in den vergangenen Tagen und Wochen gebetsmühlenartig gepredigt. Ein wenig gefruchtet hat sein Appell: Eine Frau meldete sich, sie hatte einen Schrei gehört, der dann durch andere bestätigt wurde. Die Suche läuft weiter.

Einrucksvolle Vorführungen hatten die 900 Polizistinnen und Polizisten aus ganz NRW und ihre 180 Kolleginnen und Kollegen aus Belgien und Holland an diesem Tag viele parat. Den Phantombildzeichner beispielweise. Der Mann kann in wenigen Minuten am PC einen Besucher nachzeichnen. Dazu bedient er sich verschiedener Vorlagen. Das fertige Phantombild könnte genauso gut ein Foto des Mannes sein. Bis auf die Ohren, die hatte der Mann am PC nämlich auf Wunsch des Portraitierten etwas angelegt.

Schwer beliebt auch: Die sicherheitsdienstliche Erkennung, besonders bei kleinen Jungs. Fotos im Profil, von vorne, dazu werden die Fingerabdrücke gescannt. Fertig ist der Datensatz fürs Bundeskriminalamt (BKA). Wobei die Daten des Samstages nicht übermittelt werden. Stattdessen gibt es einen Ausdruck zum Mit-nach-Hause-nehmen.

An mehreren Stellen zeigen Fachleute, wie unglaublich aufwändig nach einem Mord Spuren gesichert werden. Selbst staubkorngroße Partikel können da über Erfolg oder Misserfolg entscheiden, und Fingerabdrücke können auf fast magische Art und Weise sichtbar gemacht werden, mit Folien, mit Spray, mit Schwarzlicht... Kriminalexperten zeigen, warum Geschosse aus eine Pistole immer eindeutig zu identifizieren sind, und Fachleute von der Kripo erklären, warum noch lange nicht jedes Sicherheitsschloss auch tatsächlich die gewünschte Sicherheit bietet.

Simulationen, bei denen der Atem stockt

Eher weniger heiter sind die verschiedenen Unfallsimulationen. In der Hartmannstraße zum Beispiel lässt ein großer Autokran Schrottautos aus großer Höhe seitlich auf einen quergelegten Baumstamm krachen. Der Effekt, sagt Rolf Reiners von der Aachener Dekra, „ist in etwa der, den es gibt, wenn sich ein Auto um einen Baum wickelt.” Der alte Opel Corsa etwa wird in seiner Breite halbiert. Passanten sind sich sicher: „Wenn da jemand dringesessen hätte, wär´ von dem jetzt nicht mehr viel übrig.”

Auch darum geht es beim Tag der Polizei, neben den vielen Beispielen zur Kriminalitätsbekämpfung: Um Sicherheit, um Verkehrssicherheit. Am Elisenbrunnen wird in verschiedenen Simulatoren drastisch gezeigt, was bei einem Unfall passiert, wenn Passagiere und Ladung nicht richtig gesichert sind. Im Zweifel drohen schwerste Verletzungen oder der Tod. Oder ein teures Foto von der Polizei - mobile Blitzen und Videofahrzeuge sind mittlerweile so clever hochgerüstet, dass sie kaum mehr zu erkennen sind.

Einen besonderen Einschlag hat der Tag der Polizei in Aachen durch - wie könnte es anders sein - die Grenzlage. Die war einer der ausschlaggebenden Gründe dafür, dass die Aachener Polizei den Zuschlag zur Ausrichtung des Spektakels bekommen hatte. Zuvor hatte bereits 2004 ein Tag der Polizei in Bonn für Furore gesorgt, 2007 dann in Bielefeld. In Aachen sind am Samstag 35 Polizeibehörden aus ganz NRW vertreten, 80 Stände und Bühnen durchziehen die Innenstadt.

Die Aachener Region, sagt Innenminister Ralf Jäger, sei aufgrund ihrer Grenzlage anders als andere Regionen. Die Koordination von Verbrechensbekämpfung und Gefahrenabwehr über zwei Grenzen hinweg und in drei Ländern sei eine formidable Aufgabe - die aber im Alltag und in der Praxis gut funktioniere. Es könne schließlich nicht sein, dass Grenzen vor Recht und Gesetz schützten, sagte Jäger. In diesem Zusammenhang verwies er auf die Arbeitsgemeinschaft der aneinandergrenzenden Polizeibehörden in Deutschland, Belgien und den Niederlanden, die auf das unaussprechbare Kürzel „NeBeDeAgPol” hört.

In der Praxis gibt es dazu die entsprechende Dienststelle in Heerlen, das euregionale Polizei-Informationszentrum, das auf den Namen „EPICC” hört und sich voll und ganz dem grenzüberschreitenden Nachrichten- und Informationsaustausch verschrieben habe und etwaige Hürden bei der Strafverfolgung zügig und effektiv ausräume.

Übrigens: Die Polizei sucht nach wie vor motivierten Nachwuchs.
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