Düsseldorf - „Platte machen” bei minus 20 Grad: Mit Schlafsäcken gegen den Frost

„Platte machen” bei minus 20 Grad: Mit Schlafsäcken gegen den Frost

Von: Ira Kugel, dpa
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Obdachloser
Mit großer Brutalität sind zwei junge Männer in der Nacht zu Donnerstag in der Aachener Innenstadt grundlos gegen einen 55 Jahre alten Obdachlosen vorgegangen. Foto: dpa

Düsseldorf. Die windgeschützte Arkade an der Düsseldorfer Tonhalle ist Marios Stammplatz. Schon den dritten Winter verbringt der Obdachlose seine Nächte im Freien - und auch von eisigen Temperaturen um minus 20 Grad lässt er sich nicht abschrecken. Drei Schlafsäcke und eine Decke, das ist alles, was ihn draußen warm hält.

„Und damit bin ich noch gut ausgestattet. Es gibt Leute, die schlimmer dran sind. Die liegen nur in einen Teppich eingewickelt”, erzählt Mario und nippt an seinem heißen Tee. Frieren müsse er glücklicherweise nicht. Es ist früher Abend und der 47-Jährige wärmt sich in der Bahnhofsmission für die Nacht auf.

Wie Mario leben in Nordrhein-Westfalen nach offizieller Statistik etwa 12.400 Wohnungslose auf der Straße, Fachleute gehen sogar von bis zu 18.000 aus. Bundesweit gibt es nach Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. etwa 265.000 Obdachlose.

Begehrte Schlafplätze seien momentan windgeschützte Hauseingänge, Wärmeschächte, aber auch Zelte oder Gartenlauben. „Neid bleibt da nicht aus. Man beobachtet sich schon gegenseitig, wer einen guten Schlafplatz hat und wer nicht”, sagt Mario. Käme jemand auf die Idee, ihm seinen Platz streitig machen zu wollen, „dann weise ich den schon darauf hin, dass er da wieder weg soll.”

Dennoch: „Im Winter achtet man mehr darauf, wies den Anderen geht. Am Schauspielhaus liegt ein Kumpel von mir, morgens schau ich dann schon mal nach ihm.” Schließlich höre man immer wieder, dass ein Obdachloser erfroren sei.

Eine Notunterkunft, in der er mit vielen anderen Obdachlosen in einem Raum schlafen müsste, das kommt für Mario nicht infrage: „Ich lasse mich nicht gängeln, ich bin kein kleines Kind. Außerdem wird da so viel geklaut, da mache ich lieber draußen Platte”, sagt er - die Mütze selbst im geheizten Raum tief in die Stirn gezogen.

Anders sieht dies Frank, der gerade am Nebentisch seine dicke Winterjacke anzieht: „Ich bin froh, dass es solche Einrichtungen gibt. Ich kann da ferngucken und mir eine heiße Suppe machen”, erzählt der 37- Jährige, der seit vier Jahren obdachlos ist.

„Der Winter ist für die Obdachlosen eine harte Zeit”, unterstreicht Heidrun Feldmann von der Düsseldorfer Bahnhofsmission. Für die Junkies, die den ganzen Tag auf den Bahnsteigen Geld schnorren, sei es besonders schlimm: Auf warme Kleidung würden sie am wenigsten achten, ihre Gedanken drehten sich immer nur um Drogen. Gefährlich sei im Winter auch hoher Alkoholkonsum, weil dadurch der Körper noch schneller auskühle.

Seit die Temperaturen im Keller seien, suchten mehr Wohnungslose als sonst die Bahnhofsmission auf, erzählt Feldmann. „Sie fragen meist nach einem heißen Kaffee - und momentan auch nach warmer Kleidung.” Die ist aber nun Mangelware: „Richtig dicke Socken gibt es fast gar nicht mehr”, sagt der 41- jährige Stefan. „Dafür kriegt man das dünne Sommerzeug hinterher geworfen.”

Stefan ist Neuling in der Obdachlosen-Szene. Für den 41-Jährigen ist es der erste Winter auf der Straße. Doch der aufgeschlossene Mann mit grauem Rauschebart hat Glück: Mario hat ihn unter seine Fittiche genommen und lässt ihn sogar bei sich auf der Platte schlafen. „Bei der Bundeswehr habe ich gelernt zu biwakieren”, erzählt Stefan und gesteht: „Aber eigentlich bin ich ein Frostköttel - und natürlich würde ich lieber hinterm Ofen rumhängen.”

Den Weg zurück ins „normale Leben”, den will der 41-Jährige trotz eisiger Temperaturen aber genauso wenig gehen wie Mario: „Wir machen das doch freiwillig”, sagt Mario und packt seine neuen blauen Winterstiefel ein, die Bahnhofsmissions-Mitarbeiterin Feldmann noch finden konnte. „Dass die Füße warm sind, da achte ich drauf. Sobald die kalt werden, das ist schlecht”, sagt Mario und fügt hinzu: „Ich hab gehört, dem Einen, der immer am Rathaus liegt, dem mussten sie mal Zehen amputieren.”
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