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Pfusch beim Kölner U-Bahn: Fall immer konfuser

Von: ddp-nrw
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Pfusch beim Kölner U-Bahnbau
Der Vorstand der Kölner Verkehrbetriebe, Jürgen Fenske, zeigt in Köln in der Station Heumarkt die Stelle, an der stabilisierende Stahlbügel fehlen. In Köln kommen immer unglaublichere Dinge zum Bau der U-Bahn ans Licht. Die neueste Enthüllung: In den unterirdischen Wänden fehlen bis zu 83 Prozent der stabilisierenden Stahlbügel. Die Stadt erwog deshalb vorübergehend die Evakuierung von Häusern an der innerstädtischen Baugrube Heumarkt und eine Umleitung des Rosenmontagszugs. Foto: dpa

Köln. Krisensitzungen, Lage-Besprechungen, Hektik und wachsende Sorge: Der Kölner U-Bahnbau als geplantes Vorzeigeprojekt wird nach einer Flut von Berichten und Spekulationen über gravierende Fehler, Pfusch, Pannen und Betrug an mehreren Baustellen zum Debakel.

Der Fall wird immer unübersichtlicher, die Negativ-Liste wächst, die Verunsicherung auch - und ebenso der Ärger in der Stadtspitze. Vorstand und Aufsichtsrat der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) sind als Bauherren auf den Plan gerufen, sehen sich Vorwürfen ausgesetzt, verweisen aber auf die ausführenden Bauunternehmen.

Das Drama beschäftigt bereits ein Heer von Experten - und hält auch die Staatsanwaltschaft auf Trab. Experten haben vor allem bei einer Baustelle in der Altstadt Bauchschmerzen. Am Kölner Heumarkt könnte die Grube instabil werden, wenn der Rheinpegel auf vier Meter steigt. Derzeit sinkt er leicht, aber am Wochenende geht er laut Prognosen nach oben und könnte bald auf bis zu acht Meter klettern.

Bei einer Krisensitzung am Dienstag versprach die KVB als zusätzliche Sicherungsvorkehrung für die verpfuschte Baugrube: Bis spätestens Ende der Woche sollen Stahlverstärkungen stehen, die die unterirdischen Wände stabiler machen. Außerdem kann dort bei Bedarf geflutet werden. Das soll bei steigendem Rhein-Pegel und Grundwasserstand für den nötigen Druckausgleich sorgen.

Die Stadt will keine Panik aufkommen lassen. Nach umfassenden und geräuschlos verlaufenen Prüfungen seit Weiberfastnacht stellt Stadtdirektor Guido Kahlen klar: „Die Bauwerke sind sicher.” Zugleich meint aber ein Sprecher: „Ich scheue mich zu sagen, es gibt keinen akuten Handlungsbedarf. Das in diesem Fall zu sagen, ist wirklich schwierig”, erklärt er mit Blick auf die vielen bösen Überraschungen, die seit fast einem Jahr für immer neues Entsetzen sorgen. Wie auch die KVB betont der Stadtsprecher allerdings, dass die Baustellen nach derzeitigem Stand sicher, ohne Risse oder Abplatzungen und wasserdicht sind - und daher keine Einsturzgefahr besteht.

Als gesichert gilt inzwischen, dass an drei Baustellen der Nord- Süd-Bahn die vereinbarten Sicherheitsvorkehrungen nicht eingehalten wurden. Wer genau schuld ist, was im Detail schief lief, muss noch ermittelt werden. Die Kölner Staatsanwaltschaft hat alle Hände voll zu tun - und nun schon zwölf Verdächtige im Visier.

Ein Rückblick auf die bisherige Negativ-Bilanz: Zur Katastrophe kam es am 3. März 2009, als das Historische Stadtarchiv mit weltweit geschätzten Kulturgütern einstürzte und zwei Menschen in benachbarten Wohnhäusern starben. Die Unglücksstelle liegt direkt an der U- Bahnbaustelle Waidmarkt, einer der insgesamt drei Baugruben, auf die sich die Pfusch- und Betrugsvorwürfe konzentrieren. „Wir ermitteln gegen Unbekannt wegen fahrlässiger Tötung und Baugefährdung und gehen davon aus, dass das noch mindestens mehrere Monate dauern wird”, sagt Oberstaatsanwalt Günther Feld.

Seit einigen Wochen wird zudem ermittelt gegen zwei Mitarbeiter von Bauunternehmen, denen Betrug und Manipulation von Bau-Dokumenten vorgeworfen wird. Hintergrund sollen finanzielle Motive sein. Zudem haben zehn weitere Arbeiter stabilisierende Eisenbügel in den Baugruben in großem Ausmaß offenbar nicht eingebaut, sondern an Schrotthändler verkauft. Das sei zunächst an einer Baugrube aufgeflogen, möglicherweise aber auch an anderen Baustellen illegale Praxis gewesen, vermutet die Staatsanwaltschaft.

Die Untersuchungen und Messungen gehen weiter, versichert die KVB. Aber auch der Ausbau der immer stärker angefeindeten U-Bahn. Mit jedem weiteren Ausbau nehme die Sicherheit zu und zugleich die Bedeutung der Schlitzwände mit ihren festgestellten Mängeln ab, so der Bauherr. Drei Mitarbeiter von Bilfinger Berger - der Konzern ist federführend bei dem Bauprojekt - sind vom Dienst suspendiert. Sie waren in führenden Positionen an einer der Pannen-Baugruben tätig.

Die beauftragten Bauunternehmen schrammten am Dienstag an einer Vertragskündigung vorbei - vorerst. Eine Kündigung müsse sorgfältig geprüft werden, da eine Bauverzögerung zu befürchten sei, meinte die KVB zum Abschluss ihrer Krisensitzung. Der größte Teil des Projekts - laut Bilfinger Berger ein Auftrag von insgesamt 400 Millionen Euro - ist ohnehin schon umgesetzt. Dem Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) scheint der Geduldsfaden gerissen zu sein. Er rügte die schlechte Informationspolitik aus Mannheim über die Missstände: „Ich hätte es als selbstverständlich erachtet, direkt und persönlich von der Unternehmensführung unterrichtet zu werden.”
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