Köln - Parallelwelt im Untergrund: Kölner Judenviertel wird Museum

AN App

Parallelwelt im Untergrund: Kölner Judenviertel wird Museum

Von: Christoph Driessen, dpa
Letzte Aktualisierung:
Köln Judenviertel
Köln bekommt jetzt auch ein jüdisches Museum, aber es wird ganz anders als in Berlin oder München: Kernstück wird das wieder freigelegte Judenviertel aus dem Mittelalter - einzigartig in Europa. Foto: Stadt Köln

Köln. Einmal tat sich in Köln die Erde auf und verschlang das Historische Stadtarchiv. Diesmal tat sich die Erde auf und gab ein Wunder frei: das mittelalterliche Judenviertel, mit Überresten von Synagoge, Kultbad, Hospital, Bäckerei, Tanz- und Hochzeitshaus.

Am Donnerstagabend hat sich der Stadtrat dafür entschieden, das Ganze mit einem Museum zu überbauen. Weit über 50 Millionen Euro wird das kosten - davon muss die Stadt 37 Millionen selber aufbringen.

Dieses Geld hat sie eigentlich nicht, aber das ist eben das Risiko, wenn man gräbt: Findet man was, kann man es schlecht wieder zuschütten - auch wenn manche Kölner das am liebsten so hätten. Sie trauern ihrem schönen Rathausplatz nach, der nun auf den ersten Blick ähnlich verheerend aussieht wie die Einsturzstelle des Stadtarchivs: nur Schutt und Trümmer.

Die Grabung werde „in der ganzen Welt Schlagzeilen machen”, sagte in der vergangenen Woche ein international renommierter Kenner jüdischer Architektur, der aus den USA angereiste Professor Samuel Gruber. „Ich glaube, Sie haben sich bisher noch nicht richtig bewusst gemacht, was Sie hier gefunden haben.” Nein, eher nicht. In Köln ist man stolz auf das Schokoladenmuseum.

Weltsensation unter dem Rathausplatz

Die mutmaßliche Weltsensation unter dem Rathausplatz führt den spröden Namen „Archäologische Zone”. Kaum jemand kann sich darunter etwas vorstellen. „Wozu denn noch ein weiteres Jüdisches Museum?”, fragen viele Kölner. Aber mit den Museen in Berlin oder München ist das Projekt in ihrer Stadt nicht zu vergleichen.

Um das zu erkennen, muss man nur mal aus dem Panoramafenster im dritten Stock des unmittelbar benachbarten Wallraf-Richartz-Museums auf die Ausgrabungsstelle hinabschauen: Ein Labyrinth von Gassen und Stiegen tut sich da auf - es ist das Köln des Mittelalters. Man sieht sofort: Die Straßen waren damals viel schmaler, denn in einer rundum befestigten Stadt war jede Elle Platz überaus kostbar.

Richtig faszinierend wirds, wenn man hinuntersteigt auf das mittelalterliche Straßenniveau und durch die Ruinenlandschaft wandert. Diese Mauern wurden vor tausend Jahren gebaut. Aber das ist es nicht allein. Es geht eben nicht um irgendein beliebiges Viertel der größten deutschen Stadt zur Zeit der Ritter und Minnesänger - es ist der Bezirk der ältesten jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen.

Für den Amerikaner Gruber war Köln schon im Mittelalter eine „Mischlingsstadt, ein wundervoller Mix”. Das Judenviertel lag nicht etwa am Rand, sondern genau im Zentrum der Handelsmetropole. Doch dann kam 1349 der Schwarze Tod und raffte die Kölner zu Zehntausenden dahin. Mit gespenstischen Schnabelmasken zur Filterung der Luft bewegten sich die Ärzte von Pesthaus zu Pesthaus. Doch sie waren machtlos gegen die Seuche. Die Juden wurden als Schuldige verleumdet und verbannt, später ermordet.

Man hat schon unspannendere Geschichten gehört. Doch es hat einige Zeit gedauert, bis die Kölner Parteien das touristische Potenzial erkannt haben. Gruber war es, der nachdrücklich darauf hinwies, dass die Jüdischen Museen in Amsterdam und Prag jedes Jahr viele hunderttausend Besucher anzögen. Und die verfügen nicht über eine solche unterirdische Stadt.

Doch die meisten Kölner bleiben skeptisch. Wohl auch deshalb, weil die jüdische Geschichte bisher keinen Platz im kollektiven Bewusstsein der Stadt hat. Köln - das ist doch Karneval und Kirche. Es dürfte kaum einen Ort geben, an dem die Wiederkehr des ewig Gleichen mit solcher Hingabe zelebriert wird wie in der Frohsinnskapitale am Rhein. Gruber meint: „Mir scheint, dass Köln noch Nachholbedarf hat, was Informationen zu seiner jüdischen Geschichte betrifft.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert