„Olympia“ der Blasmusiker in Kerkrade

Von: Laura Beemelmanns
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Die jungen Musiker aus Hattstedt, Schleswig-Holstein, verzichteten auf Trompeten und spielten Querflöte. Foto: Beemelmanns

Kerkrade. Der letzte Ton ist gespielt, die Formation geht auseinander. 28 Musiker schauen sich stillschweigend an. Dann legen sie die Instrumente nieder, brechen in lautes Gejubel aus und springen vor Freude in die Luft. „Für uns ist das wie Olympia“, sagt Thilo Hess kurz nach dem Auftritt.

Er atmet durch. Die Anspannung fällt von ihm ab, die Hitze ist plötzlich wieder voll da. Mit hochroten Gesichtern gehen die Musiker ganz langsam zum anderen Ende des Parkstad-Limburg-Stadions. Dort steht ihr Reisebus – und ein Stand mit kühlen Getränken.

Einer der wenigen deutschen Teilnehmer an diesem Tag beim „Wereld Muziek Concours“ (WMC) in Kerkrade, ist das 1. Fanfarencorps 1969 aus dem hessischen Groß-Zimmern. Noch vor wenigen Minuten standen die Musiker bei 30 Grad mitten im Stadion – in voller Montour mit Instrumenten und der Uniform im Wert von 900 Euro. Das Fanfarencorps spielte voller Inbrunst, marschierte, bildete unter großem Jubel als Teil der Choreographie ein Herz und sang zum Abschluss „Wir geh‘n nach Haus, das Licht geht aus...“. Dann der Ausmarsch. Die Menge tobt. Durch das Stadion schallen weitere Rufe. Die Hessen haben es geschafft. „Das ist das Höchste, was wir je erreichen konnten“, sagt Hess.

550.000 Zuschauer

In Kerkrade dreht sich seit dem 4. Juli alles rund um die Blasmusik. 20.000 Musiker aus den Niederlanden, Thailand, Irland, Indonesien, Deutschland und vielen weiteren Ländern haben den zum Teil sehr weiten Weg auf sich genommen, um genau an diesem Ort sein zu können. Sie alle sind Teilnehmer des „Wereld Muziek Concours“ (WMC) und wollen zu den weltbesten Blasmusikern gehören.

Der WMC ist das wichtigste internationale Festival der Blasmusik. An vier Wochenenden zeigen die renommiertesten Musikgruppen die zum Teil überraschende Vielfalt der Blasmusik und blicken auf eine lange Tradition zurück. Der WMC ist im 62. Jahr. Alle vier Jahre werden die Wettbewerbe ausgetragen – im Parkstad-Limburg-Stadion und in der Roda-Halle – und sollen insgesamt rund 550.000 Zuschauer anlocken.

An einem Tag treten 20 Musikgruppen auf – im Stadion die Marsch- und Showkapellen. Die Marschgruppen haben zwischen neun und zwölf Minuten Zeit, die Show-Gruppen etwa 20. Eine von ihnen ist das Fanfarencorps aus Groß-Zimmern. „Wir haben uns ein Jahr lang vorbereitet. Zuletzt haben wir uns drei Mal pro Woche getroffen“, sagt Hess. Doch wie sind die Hessen eigentlich zum WMC gekommen? „Wir haben schon bei Landesmeisterschaften und der Deutschen Meisterschaft teilgenommen. Aber das WMC ist für uns das Größte. Hier zu spielen, ist eine riesen Ehre.“ Die Musiker haben eine klassische Bewerbungsmappe nach Kerkrade geschickt und wurden völlig unerwartet zugelassen. „Man qualifiziert sich anhand von Meistertiteln und Platzierungen“, sagt Hess, und, „dass wir nun hier sein dürfen, ist unglaublich.“

Torsten Thönis, Pressesprecher der WMC, sieht viel Potenzial in Deutschland. „Hier in Kerkrade ist der WMC so etwas wie der CHIO in Aachen. Und am Ende wissen die Musiker, wie gut sie im Vergleich zu anderen Musikern weltweit sind.“ Und obwohl Kerkrade für viele deutsche Blasmusiker nur einen Katzensprung entfernt liegt, sind es im Vergleich gar nicht so viele deutsche Gruppen, die antreten. Dafür beispielsweise hunderte Musiker aus China, Thailand oder Irland.

Die Clondalkin Youth Band aus Dublin und die Beijing Fengtai No. 5 Primary School Young Petrel Wind Band haben nicht nur Musiker, sondern auch Tänzer dabei. Beide Gruppen füllen nahezu das ganze Spielfeld aus. Vor allem die Chinesen haben es dem Publikum angetan. Mit ihren akrobatischen Einheiten und Tänzerinnen ziehen sie alle Blicke auf sich. Doch nicht nur deshalb: „Draußen vor dem Stadion haben sich die Chinesen aufwendig geschminkt“, berichtet Thönis. Viele der Bands bereiten sich dort vor. Neben den Reisebussen stehen dort Kleiderstangen mit den Kostümen. Einige hundert Meter weiter, hinter Bäumen versteckt, proben die Indonesier. Wieder andere erholen sich auf dem Boden liegend von ihrem Auftritt.

Die Chinesen nehmen derweil Position ein. In praller Sonne laufen die Jüngsten hin und her, platzieren Fahnen und andere Utensilien. Dann der erste Ton. Die Musik erklingt im gesamten Stadion, die Tänzerinnen zücken verzierte Sonnenschirme, einige andere präsentieren Kampfkunst. Es ist ein Gesamtkunstwerk.

Das Fanfarencorps aus Hessen hält es dezenter. Die 28 Musiker marschieren ein. Ein kurzes Pflichtgespräch mit dem Moderator, dann geht es los. Eine schleichende Rückwärtsbewegung haben sie zu ihrem Markenzeichen gemacht. 20 Minuten sind sie hochkonzentriert. Und sie werden bejubelt. Nach dem Ausmarsch hört man erneut Rufe – hinter dem Stadion. Thönis verrät: „Wenn die Musiker ihren Auftritt gut fanden, springen sie in die Luft und jubeln.“

Hess ist zufrieden. Mit olympischem Gedanken sind sie angereist, mit Bronzemedaille werden sie die Heimfahrt antreten.

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