Nummernschild-Abzocke: Großes Gerücht um kleinen Strich

Von: Udo Kals und Patrick Nowicki
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Egal, was erzählt wird: Der Bindestrich in den Fahrzeugpapieren stellt keine Gefahr dar. Foto: Michael Jaspers

Aachen/Eschweiler. Eigentlich könnte die Geschichte mit folgender Aussage des Bundesverkehrsministeriums bereits beendet sein. „Das Kennzeichen kann in der Zulassungsbescheinigung mit und ohne Trennstrich geschrieben sein“, heißt es auf der Homepage des Ministeriums mit der eindeutigen Feststellung: „Beide Schreibweisen sind gleichberechtigt gültig.“

Doch die Geschichte ist nicht beendet – im Gegenteil: Sie wird immer weiter fortgesponnen. Und deren Kern lautet: Deutsche Pkw- oder Lkw-Fahrer werden im Ausland teils kräftig zur Kasse gebeten, weil Einträge in den Zulassungspapieren und Kennzeichen nicht übereinstimmen. Denn: 1994 verschwand in Deutschland mit der Einführung des EU-Kennzeichens der Bindestrich zwischen Stadterkennung und dem Rest des Nummernschildes.

In alten Zulassungspapieren ist dieser Strich aber noch abgedruckt. Und daher, so wollen es oft Leute von den besten Bekannten eines Freundes gehört haben, setzt es ein Bußgeld. Mal in Österreich, mal in Luxemburg, mal in den Niederlanden; hier werden 80 Euro fällig, dort 120, andernorts gar 400, wird erzählt.

Die Geschichte ist haarsträubend, ein modernes Märchen – bis jetzt. „Wir und auch unsere Kollegen aus Düren haben noch immer keinen Beleg dafür gesehen, dass wegen des Bindestrichs kassiert wurde“, sagt Marlene Maaßen, Leiterin des städteregionalen Straßenverkehrsamtes. Und auch beim ADAC hat es nach dessen Angaben bei 18,6 Millionen Mitgliedern nicht einen einzigen Fall gegeben, in dem tatsächlich für besagtes Bindestrich-Vergehen ein Bußgeld verhängt wurde. Aber trotzdem sorgt die Geschichte für Verunsicherung unter den Menschen – weil in Europa vielleicht so vieles möglich ist.

Wie dem auch sei. In der Region Trier sorgte die Nachricht von vermeintlichen Abzock-Kontrollen der Luxemburger Polizei Anfang der Woche für einen Ansturm bei den Straßenverkehrsämtern. Alleine am Montagvormittag wurden bei der Zulassungsstelle im Eifelkreis Bitburg-Prüm mehr als 60 Fahrzeugscheine erneuert und ohne Bindestrich ausgestellt.

In der Woche zuvor seien es rund 300 gewesen, erzählt Amtsleiter Erhard Hirschenberg: „Das ist ein Riesenchaos.“ So viel hat seine Kollegin von der Städteregion Aachen wegen der „Bindestrich-Gerüchte“, wie sie sagt, nicht zu tun. Aber auch Maaßens Kollegen bemerken ein regeres Interesse. Inzwischen seien es täglich zehn bis 20 Menschen, die den Bindestrich aus den Papieren haben wollen.

Eine von ihnen war Renate P., die wie andere Leser aus Aachen, Eschweiler und der Eifel zudem in der Redaktion unserer Zeitung angerufen hatten. Sie erfuhr von der vermeintlichen „Abzocke“ über Bekannte, sprach mit ihrem Mann und steuerte vor der nächsten Fahrt in die benachbarten Niederlanden zunächst das Straßenverkehrsamt an. Dort änderte man natürlich die Zulassungsbescheinigung, kassierte allerdings auch die dann fällige Gebühr in Höhe von elf Euro.

Sohn Jörg P. weigerte sich, dieses Geld zu zahlen und rief beim ADAC an, um zu erfahren, ob die Recht­schutzversiche­rung ihn im Falle eines Falles unterstützt. „Die Juristen dort waren von der Anfrage völlig überrascht“, berichtet Jörg P. Inzwischen scheinen Anfragen dieser Art häufiger geworden zu sein, denn auch der ADAC widmet dem Thema einen ganzen Artikel auf seiner Homepage. Auch in der Region hält sich das Gerücht weiter hartnäckig, dass hinter der Grenze abkassiert wird.

Keine gesetzliche Grundlage

Warum, weiß niemand. Amtsleiterin Maaßen betont, dass sich die Aachener Polizei wegen des neuerlichen Aufflammens der Gerüchte, die bereits 2012 kursierten, „noch einmal mit den niederländischen Kollegen in Verbindung gesetzt“ hätten. Maaßen: „Und die bestreiten, dass es dort solche Kontrollen gegeben hat.“ Gegenüber der „Rheinischen Post“ erklärte ein Sprecher der Limburger Polizei: „Für solche Kontrollen gibt es in den Niederlanden keine gesetzliche Grundlage.“ Die Polizei sehe jedoch genau hin, wenn deutsche Fahrzeuge mit Sonderkennzeichen im Nachbarland unterwegs seien. Ein anderes Thema.

Das Bindestrich-Knöllchen – eine Legende oder eine Abzocke von dreisten Betrügern? „Letzteres lässt sich natürlich nicht ausschließen“, sagt Detlef Funken, Sprecher der Städteregion Aachen. Daher bittet er wie Marlene Maaßen die Beschwerdeführer „dringend, uns Belege zu besorgen – so oder so“. Nur mit Quittungen oder anderen Papieren hätten die Behörden eine Handlungsgrundlage. Doch die, sagt Funken, hat bislang niemand geliefert.

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