NS-Dokumentationszentrum: Mehr gedenken, forschen, vermitteln

Von: Werner Grosch
Letzte Aktualisierung:
4515626.jpg
Geschichte noch bewusster erleben: Das NS-Dokumentationszentrum im ehemaligen Gestapohauptquartier in Köln wurde um ein Pädagogisches Zentrum, eine Mediathek und mehrere Ausstellungsräume erweitert. Foto: Rheinisches Bildarchiv

Köln. Schon längst hat Köln die größte lokale NS-Gedenkstätte in Deutschland – jetzt ist das Dokumentationszentrum in der Innenstadt um weitere knapp 1000 Quadratmeter größer geworden. Am kommenden Sonntag wird das erweiterte NS-Dokumentationszen­trum mit einem Festakt eröffnet. Die 1000 zusätzlichen Quadratmeter sind nicht nur ein Zugewinn an Platz, sondern auch an Qualität.

 Das pädagogische Angebot wurde erweitert, die Bibliothek aufgestockt. Neue Räume für Veranstaltungen stehen zur Verfügung, und nicht zuletzt wird ein Ort in die Gedenkstätte einbezogen, der Schauplatz grausamer Verbrechen war: Es ist ein schmuckloser Innenhof. „Hier hat die Gestapo Hunderte Menschen umgebracht“, sagt Werner Jung, Direktor des NS-Dokumentationszentrums. „In den vergangenen Jahren war das ein Abstellplatz für Autos und Mülltonnen.“

Vor vier Jahren schon hatte der Kölner Rat entschieden, die Räume einer benachbarten Galerie dem „NS-Dok“, wie es die Kölner kurz nennen, zur Verfügung zu stellen. Erst im vergangenen Sommer verließ der Kunsthändler die Räume, die dann in nur drei Monaten umgebaut und saniert wurden.

Damit gibt es Zugang zu einem Kellergewölbe und eben zu dem Innenhof, der während des Zweiten Weltkriegs eine Hinrichtungsstätte war. Die zusätzliche Fläche von 955 Quadratmetern bedeutete ein wesentliches Entwicklungspotenzial, und die vorgenommenen Veränderungen kommen allen Arbeitsbereichen zu gute: dem Gedenken, Forschen und Vermitteln. Insbesondere konnte die pädagogische Arbeit des NS-Dok gestärkt werden: Neben einer Mediathek der Bibliothek ist ein Pädagogisches Zentrum entstanden.

Das Gebäude, in dem die Gedenkstätte untergebracht ist, war währende des Dritten Reichs die Zentrale der Gestapo im Rheinland. Der Innenhof als Teil der ehemaligen Hinrichtungsstätte wird Teil der Gedenkstätte Gestapogefängnis.

Ein Wettbewerb für seine künstlerische Gestaltung ist bereits entschieden. Der Berliner Künstler Thomas Locher wird seinen spektakulären Entwurf verwirklichen, der eine Verspiegelung aller Wandflächen im Bereich des Innenhofs vorsieht. „Die Idee ist, dass man sich mitten in der Szenerie fühlt, wo damals der Galgen war“, sagt Direktor Jung.

Im bisherigen Sonderausstellungsraum ist ein Pädagogisches Zentrum entstanden mit Gruppenräumen, Vortragsraum und dem innovativen Geschichtslabor, das selbstforschendes, entdeckendes Lernen ermöglicht. Der um 40 Prozent vergrößerten Bibliothek ist jetzt eine moderne Mediathek angeschlossen.

Der stark gewachsene Bereich der Dokumentation mit Archiv und Arbeitsplätzen findet im Untergeschoss Platz. Denn das NS-Dok ist auch ein Forschungsort. Viele Schüler und Studenten arbeiten hier an Haus- oder Abschlussarbeiten.

In einem eigenen Raum können sich vor allem jüngere Besucher interaktiv mit dem Nazi-Regime auseinandersetzen. Aus einer Reihe von Alltagsgegenständen, die über Kopf an der Decke hängen, werden einzelne Objekte heruntergekurbelt, die mit Fragen verbunden sind. Dabei geht es um persönliche Geschichten wie die eines jüdischen Kindes oder eines BDM-Mädels. Die Lösungen für die „Mystery“-Fragen finden sich in Möbelstücken an der Wand.

Schulklassen können in Gruppen aufgeteilt werden – während die einen eine Führung durch das Haus bekommen, arbeiten die anderen im Geschichtslabor. „Wir wollen ein selbstforschendes Lernen“, erklärt der Direktor.

Die Räume der Dauerausstellung bleiben erhalten. Hier sind viele Schicksale von Kölner NS-Opfern eindrücklich dokumentiert. Der Sonderausstellungsraum wanderte in die bisherigen Ausstellungsräume der Galerie ins Erdgeschoss und kann sich damit stärker öffentlich präsentieren. Das darunter liegende Gewölbe dient ebenfalls als Raum für Ausstellungen und kleinere Veranstaltungen von Theater, Musik und Literatur. Im Kellergewölbe, das mehrere Räume umfasst, sollen künftig Veranstaltungen wie Konzerte und Lesungen stattfinden.

Im zentralen Raum der ehemaligen Galerie im Erdgeschoss finden nun die Sonderausstellungen statt – die waren in den vergangenen Jahren besonders erfolgreich, zuletzt „Köln und seine jüdischen Architekten“ und „Alaaf unterm Hakenkreuz“. Nicht zuletzt soll die Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus, die im NS-Dok untergebracht ist, bessere Arbeitsmöglichkeiten bekommen.

Auch der Eingangsbereich ist großzügiger geworden, und der Vorplatz ist neu gepflastert worden. Das Gesamtkonzept sieht Jung als „Quantensprung“ für das NS-Dok, das mit der Umgestaltung auch deutlicher im Stadtbild präsent sei. Die Besucherzahlen steigen stetig, im vergangenen Jahr waren es rund 56000. Rund 700000 Euro hat die finanzschwache Stadt Köln für die Umgestaltung des Dokumentationszen­trums aufgebracht.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert