Düsseldorf - NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer: „Lehrermangel lösen wir nicht über Geld“

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NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer: „Lehrermangel lösen wir nicht über Geld“

Von: Kirsten Bialdiga und Frank Vollmer
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Beste Bildung: Für Schulministerin Yvonne Gebauer steht und fällt dieses Ziel mit einer ausreichenden Lehrerversorgung. Mittlerweile seien 72 Prozent der Lehrerstellen besetzt, sagt sie. Foto: Caroline Seidel/dpa
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Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) will Unternehmen und andere gesellschaftliche Gruppen ermutigen, den Schulen Personal und Expertise zur Verfügung zu stellen. Foto: dpa

Düsseldorf. Besser werden. Hätte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) einen guten Vorsatz für den Unterricht in NRW im Jahr 2018 zu formulieren, wäre das wohl seine kürzeste Version. Alles, was Gebauer anpacken will und muss, soll vor allem zu höherer Qualität führen. Ein naheliegendes Thema also für ein Gespräch mit Kirsten Bialdiga und Frank Vollmer zum Jahresauftakt.

Frau Gebauer, im Koalitionsvertrag haben Sie „beste Bildung“ versprochen. Wie lange müssen Sie dafür Ministerin bleiben – reicht 2040?

Gebauer: (lacht) Naja, wir hoffen schon, die beste Bildung hier in Nordrhein-Westfalen schneller zu erreichen. Aber die Voraussetzungen dafür sind nicht optimal.

Was ist das größte Problem?

Gebauer: Neben der Umsteuerung der Inklusion und der wachsenden Herausforderung der Integration steht und fällt für mich beste Bildung mit einer ausreichenden Lehrerversorgung.

Und? Ist da Besserung in Sicht?

Gebauer: Es gibt erste positive Tendenzen, aber nach wie vor betrübt mich die Situation. Wir haben mittlerweile 72 Prozent aller zur Verfügung stehenden Lehrerstellen besetzt. Anfang des Schuljahres waren es noch 53 Prozent. Das ist besser, aber noch nicht gut genug. Ich lege mein Hauptaugenmerk auf die Grundschulen, weil dort die Not am größten ist. Als Sofortmaßnahme haben wir den Seiteneinstieg für das Fach Englisch geöffnet. Damit ist der Seiteneinstieg an Grundschulen jetzt allerdings ausgereizt.

Wie ist die Resonanz auf Ihre Aktion, Lehrern weiterführender Schulen eine Einstellungsgarantie zu geben, wenn sie für zwei Jahre an eine Grundschule gehen?

Gebauer: Das Angebot läuft ja noch, daher ist es zu früh, das jetzt schon abschließend zu bewerten. Es stimmt mich aber positiv, dass wir bereits nach zehn Tagen über 150 Bewerbungen hatten. Bis Ende November haben wir mehr als jedem Dritten eine Stelle anbieten können, derzeit 60 Verträge.

Mehr nicht? Sie haben 2400 Lehrer angeschrieben.

Gebauer: Warten Sie doch das Schuljahr einmal ab. Ja, ich hätte mir mehr abgeschlossene Verträge gewünscht, aber ich kann auch nicht erwarten, dass ein ausgebildeter Oberstufenlehrer, der immer mit älteren Kindern und Jugendlichen arbeiten wollte, seine Lebensplanung in wenigen Tagen über den Haufen wirft und in die Grundschule wechselt. Ich befürchte aber auch, dass vielen angehenden Oberstufenlehrern die Situation in den nächsten Jahren nicht ganz klar ist: Wir haben zwar insgesamt zu wenig Lehrer, aber bei den Oberstufenlehrern in vielen Fächerkombinationen nicht. Die Konkurrenz an den weiterführenden Schulen wird immer größer – vielleicht motiviert auch das den einen oder anderen noch, das Angebot zu nutzen und für zwei Jahre an Grundschulen zu unterrichten.

In einem offenen Brief hat der Verband VBE kritisiert, an vielen Grundschulen sei geordneter Unterricht nicht mehr möglich. Ist es so furchtbar?

Gebauer: Es gibt große Unterschiede. In Paderborn werden Sie kaum unbesetzte Grundschulstellen finden, in Duisburg sehr viele. Wir wollen deshalb mit dem Wissenschaftsministerium darüber sprechen, an den Mangel-Standorten zusätzliche Studienplätze einzurichten, also etwa im Ruhrgebiet. Wir wissen, dass sich Studierende sehr ungern auf Reisen machen.

Müsste das Land nicht zumindest versuchen, einigermaßen marktgerechte Gehälter zu zahlen?

Gebauer: Wie soll das gehen?

Indem man zum Beispiel Lehrer in Mangelfächern nicht verbeamtet, aber höher bezahlt?

Gebauer: Selbst als Ministerin habe ich hier wenig Spielraum. Das Besoldungsrecht für Beamte ist gesetzlich geregelt, für Angestellte im öffentlichen Dienst ist die Grundlage der Tarifvertrag. Den Lehrermangel lösen wir auch nicht nur über Geld. Wir werden die Attraktivität und die Anerkennung des Berufs steigern müssen. Deshalb starten wir auch nächstes Jahr eine große Lehrerwerbekampagne. Wir werden aber in den kommenden Jahren auch neue innovative Wege gehen müssen, weil uns der Nachwuchs fehlt.

Das klingt nach mehr fachfremdem Unterricht. Also doch Seiteneinsteiger.

Gebauer: Nicht unbedingt. Wir wollen Unternehmen und andere gesellschaftliche Gruppen ermutigen, ihr Personal und ihre besondere Expertise vor allem in den Mint-Fächern stundenweise den Schulen zur Verfügung zu stellen. Damit werden, anders als bei Seiteneinsteigern, keine freien Stellen besetzt. Es geht darum, sich ein Stück weit Expertise mit einem anderen Blickwinkel in die Schulen zu holen und den Kindern Kenntnisse direkt aus der Praxis zu vermitteln.

Mit welchen Unternehmen?

Gebauer: Wir haben mit der IHK und der Handwerkskammer gesprochen. Konkrete Maßnahmen gibt es aber noch nicht.

Lassen Sie auch Riesenkonzerne wie Apple in die Schulen?

Gebauer: Mir schweben eher regional verankerte Unternehmen vor.

Ist in den vergangenen Jahren das Niveau an den Schulen gesunken?

Gebauer: Ich habe immer gesagt, dass das Niveau gesunken ist, aber ich möchte klarstellen, dass dies nicht an den Lehrern liegt.

Wer ist dann schuld?

Gebauer: In erster Linie die Vorgängerregierung, die die Schulen mit vielen Problemen allein gelassen hat. Die Herausforderungen wurden größer, aber die Unterstützung wuchs nicht in gleichem Maße mit.

Sie wollen wieder mehr auf Fachlichkeit statt auf Kompetenzen in den Lehrplänen bestehen – also mehr darauf, was konkret gelernt wird. Sollten in zehn Jahren wieder mehr Diktate geschrieben werden als heute?

Gebauer: Ich meine nicht, dass Diktate schlecht sind.

Müssen die Eltern mehr lesen mit ihren Kindern, mehr Gedichte lernen?

Gebauer: Ich würde mich sehr freuen, wenn sich noch mehr Eltern wieder stärker mit ihren Kindern beschäftigen und zusammen spielen, schreiben und vorlesen. Mit Lesen steht und fällt alles.

Erhöht die Rückkehr zu G9 die Qualität der Bildung am Gymnasium?

Gebauer: Das ist mein Ziel – Ruhe am Gymnasium, höhere Qualität und mehr Zeit für die Persönlichkeitsentwicklung. Mein Anspruch ist es, gute Bildung für alle anzubieten. Auch deswegen überarbeiten wir die Lehrpläne. Es geht auch darum, die Digitalisierung und die mathematisch-technischen Fächer zu stärken.

Warum ist es so wichtig, dass das neue G9 mit seinen 180 festen Stunden für die Klassen 5 bis 10 im Halbtagsbetrieb zu schaffen ist?

Gebauer: Weil es vielen Eltern am Herzen liegt.

Aber Sie sind ja nicht die Elternglücklichmachministerin, sondern die Ministerin für beste Bildung.

Gebauer: Das ist richtig, aber Politik braucht auch Akzeptanz, das hat doch G8 gerade gezeigt. Aber es gibt eben auch zusätzlich zu den 180 Stunden noch acht Ergänzungsstunden, die nicht verbindlich sind. Damit können Schulen ihr Profil schärfen, Schüler fördern und fordern.

Entspricht es Ihrem Gesellschaftsbild, wenn NRW zu einer Situation wie vor 30 Jahren zurückkehrt: flächendeckend Halbtagsgymnasien?

Gebauer: Anhand der Stundentafel würde ich keine gesellschaftspolitische Debatte führen. Und wir haben doch längst schon eine Mischung aus Halbtags- und Ganztagsgymnasien.

Hat der Ausbau der Inklusion die Qualität des Unterrichts an den Regelschulen gesenkt?

Gebauer: Das überstürzte Tempo zusammen mit den fehlenden Ressourcen hat zu einer höheren Belastung der Lehrer, aber auch der Schüler geführt. Dadurch stieg sicher nicht die Qualität. Den Kindern und Jugendlichen ist oft nicht der Unterricht zugekommen, den sie verdient hätten.

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