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Noch übertrifft die Fassungslosigkeit den Zorn

Von: hr/tka
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Der neue Tivoli gestern Vormit
Der neue Tivoli gestern Vormittag: keine protestierenden Fans, keine Trauergemeinde, nur Ruhe. Sind die Fans nicht mal mehr wütend, sondern haben schon resigniert? Oder haben sie nur Geduld mit der jungen Mannschaft und dem jungen Foto: Michael Jaspers

Aachen. Am 27. November 2009 geschah es bislang zuletzt - die Älteren werden sich erinnern: Die Alemannia hatte an einem kalten Freitagabend soeben mit 0:2 gegen Rot-Weiß Ahlen verloren, als sich Volkes Zorn vor dem Haupteingang des neuen Tivoli entlud.

Mehr als 100 Fans wollten die Mannschaft sehen, sie ob des 14. Tabellenplatzes am 14. Spieltag zur Rede stellen und forderten in Sprechchören die Entlassung des damaligen Managers Andreas Bornemann.

16 Punkte hatten die schwarz-gelben Profikicker seinerzeit unter Trainer Michael Krüger in 14 Spielen gesammelt. Am Wochenende, eindreiviertel Jahre, einen Trainer und einen Manager später, setzte es wieder eine 0:2-Niederlage auf dem heimischen Tivoli. Doch die Situation ist trotz null Punkten nach vier Spielen eine ganz andere.

Denn unter den Fans herrscht eher Fassungslosigkeit als Zorn. Als die Pleite gegen Energie Cottbus am Samstag feststand, gab es natürlich Pfiffe von den Rängen. Diese aber als „gellend” zu bezeichnen, wäre eine schlichte Überteibung. Und von zornigen Fans am Haupteingang fehlte am Samstag auch jede Spur.

Die tauchten auch nicht mit Verspätung auf, denn am Montag war im Fanshop und dem Stadionrestaurant, vor dem Eingang in die Geschäftsstelle und am Rolltor des Parkplatzes, auf dem die Autos der Spieler stehen, so viel los, wie am Samstagmittag im Cottbuser Strafraum, nämlich nichts.

Augenscheinlich tatenlos

Während am Geißbockheim des 1. FC Köln wahrscheinlich mehr Anhänger ihren Gefühlen freien Lauf lassen, als mancher Drittligist bei Heimspielen als Zuschauer begrüßen kann und in Frankfurt frustrierte Fans wohl an den Stadiontoren rütteln würden, wird die Krise in Aachen von der Vielzahl der Anhänger augenscheinlich tatenlos hingenommen. Noch.

Denn an der Theke des Stadionrestaurants sitzt Mario Walter, einer der 30 Jahre zum alten und nun neuen Tivoli geht und seine Liebe zu Aachen auf den Unterarm tätowiert trägt, und sagt: „Der Ärger liegt auf Eis. Wenn wir gegen Rostock und Düsseldorf verlieren, wird auch hier anders reagiert.”

Die Verantwortlichen bekommen also offenbar Zeit, mehr als es im schnelllebigen Geschäft Profifußball üblich ist. Das überrascht. Auch die Alemannen. Pressesprecher Thorsten Pracht kann es auch nicht schlüssig erklären, stattdessen meint er: „Vielleicht gibt es bei den Leuten Verständnis dafür, dass die neue Mannschaft Zeit braucht. Vielleicht gibt es ein höheres Vertrauen in die handelnden Personen als anderswo.”

Fan Mario Walter war am Sonntag bei den Amateuren der Alemannia in Bergisch Gladbach und hat die 85 Kilometer Anfahrt genutzt, um mit anderen Fans über diese handelnden Personen zu diskutieren. Er sagt: „Trainer Peter Hyballa steht für uns nicht zur Diskussion. Sein Konzept stimmt.” Kritik erfährt viel mehr die Einkaufspolitik und damit der Geschäftsführer Sport Erik Meijer. Auch eine Legende wird irgendwann hinterfragt und der Zeitpunkt scheint gekommen.

Natürlich wurde auch unter den Fans schon im Vorfeld des Cottbus-Spiels darüber diskutiert, wie man mit einer Niederlage umgehen würde. „Es ist alles schon sehr frustrierend. Aber wir wollten noch keine Negativstimmung verbreiten”, erzählt Walter.

Stattdessen leerten sich die Tribünen weit vor Abpfiff. Walter blieb bis zum bitteren Ende auf seinem Platz im Block O6. Aber andere sind erst gar nicht gekommen. 13.922 Zuschauer wurden gezählt. Im letzten Jahr kamen gegen Energie Cottbus immerhin 15.386 Fans. Es ist eine gefährliche Entwicklung, denn die Alemannia ist auf zahlende Fans angewiesen. Nun stehen die Heimspiele gegen Fortuna Düsseldorf und Greuther Fürth an. Normalerweise gut besucht, im letzten Jahr waren gegen Düsseldorf 20.071 und gegen Fürth 19.468 Menschen im Stadion. Und diesmal?

Plaßhenrich kennt die Situation

Der Vorverkauf läuft schleppend. Klar, es sind Ferien. Aber wenn der Erfolg ausbleibt, bleiben auch die Zuschauer fern. „Null Punkte sind eben eine Extremsituation”, sagt Pressesprecher Pracht. Während die Fans fern bleiben, häufen sich die Medienanfragen um Stimmen und Stimmungen bei der Pressestelle. „Wir haben uns entschlossen, keine großen Kommentare abzugeben”, kontert Pracht.

Der Verein kennt eben die Gesetze des Geschäfts in diesen Situationen. „Jedes Wort, dass nun gesagt wird, wird bewertet und interpretiert”, erklärt der Pressesprecher und sagt: „Es wird immer der Trend bewertet, und der ist schlecht. Unsere Aufgabe ist es, das Große und Ganze zu sehen. Und das sehen die Verantwortlichen.” Platz 9 war Saisonziel.

Vier Punkte liegt die Alemannia hinter diesem Rang. Nur vier Punkte. Allerdings räumte auch Sportdirektor Erik Meijer am Samstag bereits ein: „Das Einzige, dass dich derzeit am Leben hält, ist das Beispiel Fortuna Düsseldorf.” Die Kicker aus der Landeshauptstadt waren in der vergangenen Saison gar mit sechs Niederlagen in die Spielzeit gestartet, „und haben anschließend eine tolle Saison gespielt”, so Meijer. Die Fortunen landeten am Saisonende schließlich auf Platz 7 - drei Plätze vor der Alemannia. Und das, ohne den Trainer zu wechseln.

Dennoch, die Ruhe bleibt auffällig. Reiner Plaßhenrich, ehemals Spielführer und nun A-Jugend-Trainer, hat gute und sehr gute (Aufstieg, Uefa-Cup) und schlechte Zeiten (Abstieg) auf dem Tivoli erlebt. „Ich weiß, wie es ist, wenn man in so einer Phase auf dem Platz steht.” Doch er weiß auch, dass es keinem Spieler hilft, wenn sich jetzt die Ehemaligen mit klugen Ratschlägen zu Wort melden. „Kein Kommentar zu den Spielen.”

Das aktuelle Nachspiel überrascht aber auch den Ex-Profi, der 280 Spiele bestritt. „Es herrscht Ruhe unter den Fans, das war hier schon anders. Noch stehen sie offensichtlich hinter der Mannschaft und dem Verein.” Erklären kann auch er dieses Phänomen nicht. Aber gut findet er es. „Es würde nicht helfen, wenn nun auch noch die Fans Hektik verbreiten würden.”

Freitagabend in Rostock sind dennoch Punkte gefordert. Und gegen Düsseldorf am darauf folgenden Samstag. Sonst spielen auch die Alemannia-Fans nicht mehr mit, sagt Mario Walter. Gesucht wird zumindest ein Hoffnungsträger an diesem Montag - für einen Babystrampler mit eben diesem in diesen Tagen so passenden Wort auf der Brust im Fanshop. Auf dem Platz vertrauen Fans wie Mario Walter weiterhin Peter Hyballa und seiner Mannschaft. Noch.
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