Whatsapp Freisteller

Noch spielen bei der Alemannia viele Fans mit

Von: Thorsten Karbach und Hans-Peter Leisten
Letzte Aktualisierung:
Der neue Tivoli gestern Vormit
Der neue Tivoli gestern Vormittag: keine protestierenden Fans, keine Trauergemeinde, nur Ruhe. Sind die Fans nicht mal mehr wütend, sondern haben schon resigniert? Oder haben sie nur Geduld mit der jungen Mannschaft und dem jungen Foto: Michael Jaspers

Aachen. Volkes Zorn entlädt sich - wenn überhaupt - im Internet. Meist anonym wird in den bekannten Fanforen nach vier Niederlagen der Abgesang auf die Alemannia angestimmt. Von Dritter Liga ist da die Rede. Von falschen Verpflichtungen und schlechten Trainerentscheidungen. Rund um den Tivoli zeichnet sich in diesen Tagen dagegen noch ein anderes Bild ab.

Im Fanshop und dem Stadionrestaurant, vor dem Eingang in die Geschäftsstelle und am Rolltor des Parkplatzes, auf dem die Autos der Spieler stehen, ist dagegen so viel los, wie bei der Alemannia am Samstagmittag im Cottbuser Strafraum. Nichts.

Ein ungewöhnliches Bild

Es ist ein ungewöhnliches Bild, denn normalerweise entladen sich nach null Punkten nach vier Spielen plus Aus in der ersten Runde des DFB-Pokals Frust und Ärger der Fans. Dann würden am Geißbockheim des 1. FC Köln mehr Anhänger ihren Gefühlen freien Lauf lassen, als mancher Drittligist bei Heimspielen als Zuschauer begrüßen kann. Dann würden in Frankfurt frustrierte Fans an den Toren zum Stadion rütteln.

In Aachen wird die Krise - man kommt nicht umher, dieses Wort zu wählen - von der Vielzahl der Anhänger augenscheinlich sprach- und tatenlos hingenommen. Noch. Denn an der Theke des Stadionrestaurants sitzt Mario Walter, einer, der 30 Jahre zum alten und nun neuen Tivoli geht und seine Liebe zu Aachen auf den Unterarm tätowiert trägt, und sagt: „Der Ärger liegt auf Eis. Wenn wir gegen Rostock und Düsseldorf verlieren, wird auch hier anders reagiert.”

Mehr Zeit als üblich

Die Verantwortlichen bekommen also Zeit, mehr als es im emotionalen Geschäft Profifußball üblich ist. Das überrascht. Auch die Alemannen. Pressesprecher Thorsten Pracht kann es auch nicht schlüssig erklären, stattdessen meint er: „Vielleicht gibt es bei den Leuten Verständnis dafür, dass die neue Mannschaft Zeit braucht. Vielleicht gibt es ein höheres Vertrauen in die handelnden Personen als anderswo.”

Fan Mario Walter war am Sonntag bei den Amateuren der Alemannia in Bergisch Gladbach und hat die 85 Kilometer Anfahrt genutzt, um mit anderen Fans über diese handelnden Personen zu diskutieren. Er sagt: „Trainer Peter Hyballa steht für uns nicht zur Diskussion. Sein Konzept stimmt.” Kritik erfährt viel mehr die Einkaufspolitik und damit der Geschäftsführer Sport Erik Meijer. Auch eine Legende wird irgendwann hinterfragt, und der Zeitpunkt ist gekommen.

Natürlich wurde auch unter den Fans schon im Vorfeld des Cottbus-Spiels darüber diskutiert, wie man mit einer Niederlage umgehen würde. „Es ist alles schon sehr frustrierend. Aber wir wollten noch keine Negativstimmung verbreiten”, erzählt Walter. Stattdessen leerten sich die Tribünen weit vor Abpfiff. Walter blieb bis zum bitteren Ende auf seinem Platz im Block O6. Aber andere sind erst gar nicht gekommen.

13.922 Zuschauer wurden gezählt. Im letzten Jahr kamen gegen Energie Cottbus immerhin 15.386 Fans. Es ist eine gefährliche Entwicklung, denn die Alemannia ist auf zahlende Fans angewiesen. Nun stehen die Heimspiele gegen Fortuna Düsseldorf und Greuther Fürth an. Normalerweise gut besucht, im letzten Jahr waren gegen Düsseldorf 20.071 und gegen Fürth 19.468 Menschen im Stadion. Und diesmal?

Der Vorverkauf läuft schleppend. Oder noch schlechter. Klar, es sind Ferien. Aber wenn der Erfolg ausbleibt, bleiben auch die Zuschauer fern. „Null Punkte sind eben eine Extremsituation”, sagt Pressesprecher Pracht. Während die Fans fern bleiben, rücken die Krisensucher der Boulevardmedien dem Verein auf die Pelle. Die Medienanfragen bei der Pressestelle nach Stimmen und Stimmungen übersteigen die Kartennachfrage an diesem Morgen um ein Vielfaches.

„Wir haben uns entschlossen, keine großen Kommentare abzugeben”, kontert Pracht. Der Verein kennt eben die Gesetze des Geschäfts in diesen Situationen. „Jedes Wort, das man nun spricht, wird gewichtet und interpretiert”, erklärt der Pressesprecher und sagt: „Es wird immer der Trend bewertet, und der ist schlecht. Unsere Aufgabe ist es, das Große und Ganze zu sehen. Und das sehen die Verantwortlichen.” Platz 9 war Saisonziel. Vier Punkte liegt die Alemannia hinter diesem Rang. Vier Punkte.

Dennoch, die Ruhe bleibt auffällig. Reiner Plaßhenrich, ehemals Spielführer und nun A-Jugend-Trainer, hat gute und sehr gute (Aufstieg, Uefa-Cup) und schlechte Zeiten (Abstieg) auf dem Tivoli erlebt. „Ich weiß, wie es ist, wenn man in so einer Phase auf dem Platz steht.” Doch er weiß auch, dass es keinem Spieler hilft, wenn sich jetzt die Ehemaligen mit klugen Ratschlägen zu Wort melden. „Kein Kommentar zu den Spielen.”

Das aktuelle Nachspiel überrascht aber auch den Ex-Profi, der 280 Spiele bestritt. „Es herrscht Ruhe unter den Fans, das war hier schon anders. Noch stehen sie offensichtlich hinter der Mannschaft und dem Verein.” Erklären kann auch er dieses Phänomen nicht. Aber gut findet er es. „Es würde nicht helfen, wenn nun auch noch die Fans Hektik verbreiten würden.”

Emotionale Berg- und Talfahrt

Eine Sichtweise, die die organisierten Fans in der Interessengemeinschaft zu weiten Teilen ebenfalls noch mittragen. Sie befinden sich in einer emotionalen Berg- und Talfahrt, noch fern der Panik, aber voller Sorge. Klaus Offergeld ist Vorstandsmitglied der IG der Alemannia-Fans und Fanklubs, ein Mann, der die ersten 50 Jahre Tivoli hinter sich hat. Oder wie er selbst es sagt: „Ich habe alles erlebt - von Spielen gegen Langerwehe genauso wie gegen AEK Athen im Uefa-Cup.” Da wird man ruhiger. Das muss er zurzeit vor allem vielen jüngeren Alemannia-Anhängern erklären. Der Mann hat seine eigenen statistischen Studien angestellt.

Von den Teams, die in den letzten zehn Jahren nach dem vierten Spieltag auf dem letzten Tabellenplatz standen, seien nur zwei sportlich abgestiegen. Pfeifen im Keller? Offergeld verweist auf die Düsseldorfer Fortunen, die in der vergangenen Saison aus den ersten sechs Spielen eine Ausbeute von null Punkten erzielten, am Ende aber vor der Alemannia landeten. Bei den organisierten Fans will man im Moment noch keine Trainerdiskussion vom Zaun brechen.

Denn alles weitere ist Theorie: „Fliegt der Trainer raus und die nächsten Spiele werden gewonnen, haben die Verantwortlichen alles richtig gemacht. Bleibt er und die nächsten Spiele werden gewonnen, haben sie auch alles richtig gemacht. Und umgekehrt kann man auch alles falsch machen”, zeigt Fußballkenner Offergeld das Absurde der derzeitigen Situation. Eine wissenschaftliche Studie bestätigt seine Gedankenspiele, denn sie weist aus, dass nur 50 Prozent aller Trainerwechsel zu einer Verbesserung der Situation geführt haben.

Aber auch bei den Fans führt die Frage nach den Ursachen für die sportliche Misere zur Belastung durch die Stadionfinanzierung (siehe Sport). Und etwas anderes kommt hinzu: Noch fehlt die Identifikation der neuen Spieler mit dem Verein. Aber Klaus Offergeld bringt seine Sichtweise und gleichzeitig seine Hoffnung auf eine einfache Formel: „Es hilft nur ein Sieg und die Debatte ist beendet. Umgekehrt greifen sonst einfach die Gesetze.”

Freitagabend in Rostock sind also einfach Punkte gefordert. Und gegen Düsseldorf am darauffolgenden Samstag. Sonst spielen auch die Alemannia-Fans nicht mehr mit, sagt Mario Walter. Mutmacher gibt es dabei in ganz Deutschland. Dynamo-Dresden-Fans aus Löbau haben dem Verein eine Nachricht geschickt und wünschen alles Gute. Nette Geste. Punkte bringt sie nicht. „Wir arbeiten angemessen”, beschreibt Pressesprecher Pracht den Start in die Woche.

Gesucht wird zumindest ein Hoffnungsträger an diesem Montag - für einen Babystrampler mit eben diesem in diesen Tagen so passenden Wort auf der Brust im Fanshop. Auf dem Platz vertrauen Fans wie Mario Walter weiterhin Peter Hyballa und seiner Mannschaft. Noch.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert