Niederländer werfen ihre Fahrräder weg

Von: Ulrich Simons
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Gigantisch und weltweit einmal
Gigantisch und weltweit einmalig: Fahrrad-Parkhaus am Hauptbahnhof von Amsterdam. Doch viele der 7000 Stellplätze sind nicht benutzbar, weil sie von zurückgelassenen Schrotträdern blockiert werden. Foto: imago/Sergienko

Maastricht/Amsterdam. Was jahrelang als Lösung gegen den Verkehrsinfarkt in den Innenstädten gelobt wurde, wird jetzt in den Niederlanden selber zum Problem: Fahrräder. Verwaiste und abgewrackte Drahtesel verschandeln in Stadtzentren und Wohngebieten das Straßenbild und blockieren vor allem an den Bahnhöfen der großen Städte wertvollen Stellplatz.

Schon 2009 war eine Untersuchung des Beratungsbüros Berenschot aus Utrecht zu dem Ergebnis gekommen, dass alleine in Delft, Leiden, Den Haag, Amsterdam, ­Utrecht und Groningen rund 85.000 herrenlose Fahrräder herumstehen. Und ihre Zahl ist weiter gestiegen. Nach einer aktuellen Studie der Universität Utrecht im Auftrag des niederländischen Radverkehrsrates (Fietsberaad), des Städtebauministeriums (Ministerie van Infrastructuur en Milieu) und der niederländischen Eisenbahn (Nederlandse Spoorwegen/NS), sind es inzwischen schon hunderttausende Schrotträder.

Schnelles „Todesurteil”

Vor allem junge Leute und Akademiker lassen ihre nicht mehr gebrauchten Fahrräder einfach an den Stellplätzen zurück, hat der Leiter der Studie, Dirk Ettema, herausgefunden. In den meisten Fällen (82 Prozent) - so die Studie - ist das Rad in irgendeiner Form defekt. Das muss nicht „kaputt” im klassischen Sinne bedeuten: Schon ein verlorener Fahrradschlüssel kann das Todesurteil für den Drahtesel bedeuten. Wenn die Reparatur voraussichtlich teurer wird als ein Neukauf, wird das alte Stück irgendwo abgestellt und für ein paar Euro ein gebrauchtes „neues” geholt. Das Angebot dafür ist groß.

„Fahrräder sind zu einem Wegwerfartikel geworden”, wird Otto van Boggelen vom Radverkehrsrat im „Limburgs Dagblad” zitiert. Doch hinter der scheinbar lockeren Entsorgungs-Mentalität steckt oft schlichte Unkenntnis. Auch das ist ein Ergebnis der Studie der Universität Utrecht: Mehr als 50 Prozent der Befragten wussten nicht, wo und wie sie ihr ausgemustertes Rad loswerden konnten.

Drei Jahre nach dem ersten Handbuch „Umgang mit verwaisten Fahrrädern” („Handboek Weesfietsenaanpak”) hat das Beratungsbüro aus Utrecht die zweite Auflage fertig. Aus den Erkentnissen der Studie wurde für die betroffenen Städte eine Reihe von Handlungsempfehlungen abgeleitet, die in einigen Städten bereits erfolgreich umgesetzt wurden. Auffällig gewordene Fahrräder bekommen zum Beispiel einen Anhänger, mit dessen Hilfe festgestellt werden kann, wie lange sie schon den Stellplatz blockieren. Holt der Besitzer sein Zweirad nicht innerhalb einer bestimmten Frist ab, wird das „Fiets” in Amsterdam nach 28 Tagen entfernt, in Utrecht bereits nach zwei Wochen.

Die Zahlen sprechen für sich: In Haarlemmermeer südwestlich von Amsterdam wurden im vorigen Jahr 800 verwaiste Fahrräder einkassiert, in Enschede innerhalb eines halben Jahres 1600, die bis dahin fast 40 Prozent der Stellplätze am Bahnhof blockierten. Ebenfalls 2011 startete Utrecht eine Aufräumaktion und entfernte 1364 Schrott-Räder aus dem öffentlichen Straßenraum.

Weitere Tipps der Studie: Städte sollten den Radfahrern eine zen­trale Sammelstelle für ausgediente Fahrräder anbieten. Ein kleiner finanzieller Anreiz bei der Ablieferung eines nicht mehr benötigten Rades erhöhe die Erfolgsquote.
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