Nichts für Schwätzer: Mutig eine freie Rede halten

Von: Martina Feldhaus
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Körpereinsatz: Toastmaster Rainer Medefindt zeigt, dass bei der Rhetorik nicht nur eine Rede ohne „Ähs“ zählt, sondern auch die richtige Gestik. Foto: Andreas Herrmann
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Gute Laune in den Zuhörerreihen: Die Toastmasters legen viel Wert auf den richtigen Wohlfühlfaktor, damit die Hemmschwelle, sich vorne zu präsentieren, möglichst gering bleibt. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Dann fällt sein Name. Alex. Mareike schaut ihn an. Ihr Zeigefinger ist genau auf ihn gerichtet. Sie grinst schelmisch. „Alex, würdest Du nach vorne kommen“, fragt sie im Ton sanfter Überredung. „Klar“, sagt Alex und steht auf. Deshalb ist er schließlich hergekommen. Um vorne zu stehen – und zu reden.

In den folgenden zwei Minuten ruht die gesamte Aufmerksamkeit auf Alexander Rudert. Wenige Sekunden zuvor hat ihm Mareike Spille das Thema zugerufen, über das er jetzt sprechen soll: sein letztes Erlebnis mit Schnee. Der 34-Jährige sammelt sich kurz – und legt los. Klischees wie der schmerzhaften Schlittencrash oder das eingeschneite Auto kommen bei ihm nicht auf den Tisch. In Ruderts Rede geht’s zum Südpol.

Er erzählt von einer skurrilen Forschungsmethode. Demnach würden Biologen per Satellit die Kothaufen von Pinguingruppen erkennen. So könnten sie Rückschlüsse über die Populationen ziehen. „Weil Pinguine immer im Pulk zusammenstehen, bleibt viel Stuhl übrig, wenn sie weiterziehen. Und den kann man im Schnee gut sehen“, erklärt Rudert.

Ob’s stimmt oder nicht? Das ist erst mal nebensächlich. Die jungen Frauen und Männer im Raum hängen an Ruderts Lippen. Er hat sich getraut. Er hat sich einer Situation gestellt, die viele in ihrem Leben meiden so gut es eben geht. Das ist es, was zählt. Vor Publikum zu sprechen – das ist für die meisten Menschen ganz schön unangenehm. Ob beim Referat im Studium, der wichtigen Präsentation im Job oder privat auf einer Feier: Vollkommen freiwillig tun es die wenigsten. Ganz anders ist das bei den Toastmasters. Das ist ein international aktiver Club, dessen Ziel es ist, das Reden vor Gruppen zu trainieren. Weltweit gibt es mehr als 12.500 Clubs in 106 Ländern. Und jetzt auch einen in Aachen.

Fünf junge Berufstätige, darunter Jens Meyer und Hannah Meyna, haben die Aachener Ausgabe vor wenigen Monaten gegründet. Sie arbeitet im Marketing, er ist Entwicklungsingenieur. Bei den Toastmasters aber nennen sie sich President und Vice President und sind damit die Vorsitzenden des hiesigen Clubs. Die Titel stammen aus dem Amerikanischen, den genau dort haben die Toastmasters ihren Uhrsprung, und zwar im Jahr 1924. Aus dem Begriff „Toast“ (Trinkspruch) entstanden die Toastmasters, also die Meister des Trinkspruchs. Oder eben der kurzen Rede.

„Im Alltag braucht man heute die Fähigkeit, sich zu präsentieren“, sagt Jens Meyer. „Wir wollen einen sicheren Rahmen bieten, das Reden zu üben, ohne direkt vom Chef ermahnt zu werden.“ Dazu trifft sich die Gruppe jeden zweiten Dienstag im Monat in den Räumen der Volkshochschule am Aachener Bushof. Einige sind Mitglieder, viele kommen als Gäste. Letztere schnuppern ein paar Mal Toastmasters-Luft, bevor sie sich entscheiden, dabei zu bleiben. Oder auch nicht.

Die Teilnahme ist kostenlos, nur für Mitglieder wird kein kleiner Obolus erhoben, um die Kosten für Raummiete und Arbeitsmaterialien zu decken. „Die Hemmschwelle zu uns zu kommen, wollen wir möglichst niedrig halten“, erklärt Hannah Meyna. So gibt es auch keinerlei Altersbeschränkung oder andere Voraussetzungen, die ein Toastmasters-Anwärter erfüllen muss. Jeder ist willkommen, solange er Lust auf Rhetorik hat. Entsprechend bunt gemischt ist die Gruppe im VHS-Raum. Ein Lehrer, eine Naturführerin, ein Architekt und ein Personalvermittler. Ebenso ein junger Koreaner, der den Club aus seiner Heimat kennt.

Und Alexander Rudert. Er ist Ingenieur und demnächst Trauzeuge. „Bei der Hochzeit möchte ich gerne ein paar Worte sagen.“ Aber auch beruflich kann Rudert rhetorische Fähigkeiten gut gebrauchen. Deshalb hat er sich heute zum ersten Mal auf das Experiment Toastmasters eingelassen. Und wurde gleich ins kalte Wasser geschmissen, mit einer Stegreifrede. „Einfach als Beobachter kann man hier eben nicht sitzen“, sagt er und lacht. Dazu hat er auch allen Grund. Denn die anderen haben kräftig Applaus gespendet.

Applaudiert wird bei den Toastmasters ohnehin viel. Nach der Begrüßung von Jens, nach den einführenden Worten von Mareike, nach dem Aufwärmen mit Wort und Witz des Abends von Sandra. Eigentlich immer, wenn jemand gesprochen hat. Applaudieren, ermutigen, dem Gegenüber seinen Respekt zollen: Das gehört bei den Toastmasters zum Prinzip. Ebenso, dass sich alle sofort duzen.

Den amerikanischen Stil pflegt auch der Aachener Club. Und so muss man sich an die offene Haltung der Toastmaster erst ein wenig gewöhnen. Doch das mantraartige Applaudieren steckt an. Und es hilft, von Beginn an eine lockere Atmosphäre zu schaffen. Wenn vorne gesprochen wird, gibt es kein Gelächter, kein Gemurmel im Zuhörerraum.

Die Angst, sich lächerlich zu machen, verfliege sehr schnell, sagt Präsident Jens Meyer. Er hat an diesem Abend die einzige vorbereitete Rede mitgebracht. Nun hat er exakt sieben Minuten Zeit, das Publikum für sich zu gewinnen. Und dabei möglichst viele Infos rüberzubringen. Denn heute lautet die Aufgabe „zur Sache kommen: überzeugen, unterhalten, informieren oder inspirieren“. Die Toastmasters planen ihre Treffen nach einem eigenen Lehrbuch. Die Themen darin werden immer komplexer. So geht’s etwa um den richtigen Spannungsbogen, um die Stimmvielfalt und – später – den Einsatz visueller Hilfsmittel.

Jens Meyer setzt gerade vor allem auf Gestik, Mimik und eine angenehme Erzählstimme. Er spricht über die Entdeckung des Kaffees und wie der heute geerntet, geröstet und verkostet wird. Er arbeitet mit den Fingern, zählt Bohnensorten auf. Er macht bedachte Pausen, richtet vereinzelt Fragen ans Publikum. Er bewegt sich – ohne Pult und ohne Bühne – im Raum und versucht, Blickkontakt zu jedem Zuhörer herzustellen.

In der hinteren Sitzreihe ersetzt ein Toastmaster eine grüne Karte durch die gelbe. Das bedeutet: Jens Meyer hat jetzt noch exakt eine Minute Zeit. Sieben dürfen nicht überschritten werden, so sind die Regeln. Doch der erfahrenste unter den Aachenern wird pünktlich fertig. Der obligatorische Applaus. Dann dürfen die Teilnehmer ihre Bewertung auf einem vorgefertigten Feedback-Zettel eintragen.

Auch die Bewertung spielt bei den Toastmasters eine wichtige Rolle. Den Job macht heute Rainer Medefindt. Für Jens Meyer hat er viel Lob übrig, „überzeugende Darstellung, ausgewogener Hauptteil, guter Appell am Schluss“. Nur seinen „Tanzbereich“, also das Hin- und Herbewegen beim Erzählen, müsse Jens noch in den Griff bekommen. „Da hast Du die Leute schon mal im Rücken.“

Ein Feedback bekommen auch Alexander Rudert und die anderen Redner. Ebenso wie Mareike Spiller als Moderatorin des Abends. Dazu deckt der Füllwort-Zähler gnadenlos auf, wer wie viele „Ähms“ oder „Mmhs“ gemacht wurden. Der Abend endet mit einer kleinen Quizrunde: Hannah Meyna testet, was bei den Zuhörern aus den Vorträgen hängen geblieben ist.

Noch sind die Aachener Toastmasters nicht ganz so professionell aufgestellt wie ihre Club-Partner in Köln oder Düsseldorf. Doch – da sind sich Meyna und Meyer sicher – Übung macht den Meister. Meyna: „Wer über Jahre oder Jahrzehnte hier mitmacht, der kann zum perfekten Redner werden.“

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