Aachen/Hildesheim - Neunmal mehr Missbrauchsfälle in der Kirche aufgedeckt

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Neunmal mehr Missbrauchsfälle in der Kirche aufgedeckt

Von: Robert Esser
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„Unser Institut bekommt keine
„Unser Institut bekommt keine einzige Akte zu Gesicht”: Kriminologe Christian Pfeiffer. Foto: dpa

Aachen/Hildesheim. Die Abgründe sind nahe. 35 Kilometer vor der Tür des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) in Hannover werden nun Fall für Fall Personalakten von Priestern durchforstet, die sich sexuell an Kindern und Jugendlichen vergangen haben.

Damit startete jetzt im Generalvikariat des Bistums Hildesheim die umfassendste Aufarbeitung von Missbrauchsskandalen in der Geschichte der katholischen Kirche. Bis 1945 gehen die Kriminologen zurück. Ende Oktober, spätestens Anfang November will der KFN-Direktor Christian Pfeiffer das Bistum Aachen unter die Lupe nehmen.

„Doch bevor wir nach Aachen kommen, wollen wir in dem Pilotverfahren in Hildesheim erst ein Schema der Aktenanalyse erarbeiten, das dann bundesweit in den weiteren 26 Bistümern angewendet wird”, erklärte Pfeiffer gegenüber unserer Zeitung.

Die Sorgen um den Datenschutz bei der KFN-Studie und die Kritik an der Deutschen Bischofskonferenz, mit denen das konservative „Netzwerk katholischer Priester” um den Herzogenrather Pfarrer Guido Rodheudt bundesweit Schlagzeilen gemacht hatte, nimmt der renommierte Kriminologe Pfeiffer äußerst ernst.

„Ich kann die Aufregung verstehen”, sagte er am Dienstag. „Aber sie ist auf ein Missverständnis zurückzuführen. Die Bischöfe hätten klarer kommunizieren müssen, dass wir sehr scharfe datenschutzrechtliche Rahmenbedingungen festgezurrt haben”, betonte der Kriminologe. In Köln wurden deswegen nach Angaben des Erzbistumssprechers Michael Kasiske rund 1000 Priester angeschrieben, um über das genaue Prozedere zu informieren. Andere Bistümer - wie Aachen - haben dies versäumt.

Innerhalb von vier bis sechs Wochen soll jetzt in Hildesheim für die Mitarbeiter des Rechercheteams eine Anleitung entstehen, anhand derer belastbare Zahlen über den Missbrauch durch katholische Geistliche ermittelt werden können. Dieses Konzept muss dann nach Angaben Pfeiffers vom Beirat, bestehend aus Vertretern des KFN und der Diözesen, diskutiert und genehmigt werden.

Schon das Hildesheimer Team aus dem Bistumsarchivar und einer Mitarbeiterin wird durch zwei ehemalige Strafrichter unterstützt - darunter Karl Kröpil, der langjährige Präsident des niedersächsischen Landesjustizprüfungsamtes. Allerdings: „Die Juristen bekommen die Akten nur in die Hand, wenn es Verdachtsfälle gibt. Der Filterprozess liegt ausschließlich in den Händen der Bistümer”, stellte Pfeiffer klar.

Die Juristen entscheiden dann, ob die betroffenen Akten erfasst und anonymisiert an das KFN weitergeleitet werden. „Unser Institut bekommt keine einzige Akte zu Gesicht”, unterstrich der Kriminologe. In der Vereinbarung zwischen Deutscher Bischofskonferenz und Kriminologischem Forschungsinstitut ist allerdings nicht nur von Aktenanalyse die Rede. Neun Bistümer - darunter Hildesheim - sollen bis ins Jahr 1945 inspiziert werden, „Tiefenbohrung” nennen das die Fachleute. In 18 Diözesen soll es lediglich eine Querschnittsanalyse von 2000 bis 2010 geben. In welche Gruppe Aachen fällt, ist noch nicht entschieden.

Entscheidende Erkenntnisse erwartet das KFN auch aus 40 „qualitativen Opfer-Interviews” und 80 „Täterinterviews”, wie aus der Vereinbarung hervorgeht, die unserer Zeitung vorliegt. Untersuchen will man unter anderem Fragen wie: „Welche Veränderungen zeigen sich im Laufe der Jahrzehnte zum Alter sowie dem Geschlecht der Opfer, zu den Tatorten und zum Anteil der Mehrfachtäter?” oder „Wie hat sich die Einbeziehung von Mädchen in den Ministrantendienst auf das Geschlecht der Opfer ausgewirkt?”

Das KFN hatte die Bischofskonferenz noch vor einigen Wochen - anders als jetzt kommuniziert - schriftlich darauf hingewiesen, wie bedeutsam es sei, alle Personalakten in die Datenerhebung einzubeziehen und diese von Experten analysieren zu lassen. Dadurch sei es bei früheren Projekten - etwa in der Diözese München und Freising - „gelungen, im Ergebnis neunmal mehr Fälle des Missbrauchs zu identifizieren, als sie vorher dem zuständigen Missbrauchsbeauftragten der Erzdiözese durch eigene Recherchen oder durch Hinweise von Opfern bekannt geworden waren”. Davon ist jetzt keine Rede mehr. „Wir werden sicherlich nicht 100 000 Personalakten durchkämmen”, sagte Pfeiffer.

2014 wird abgerechnet

In Hildesheim sollen nun erstmal 1770 Akten gesichtet werden. Wie viele Akten in Aachen auf Verdachtsfälle durchforstet werden, soll in den kommenden Wochen entschieden werden. Wie lange Aktenstudium, Interviews und die wissenschaftliche Auswertung dauern, bleibe abzuwarten, hieß es. Das Forschungsprojekt ist auf drei Jahre angelegt. Dafür zahlt der Verband Deutscher Diözesen (VDD) in drei Teilbeträgen 200.000, 70.000 und 120.000 Euro sowie einen „Restbetrag zwei Wochen nach Abgabe eines abschließenden Forschungsberichtes” - aber höchstens 20 Prozent mehr als ursprünglich vereinbart. 2014 wird abgerechnet.
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